Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- Seite 227 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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227 Tage bis an Ort und Stelle vor uns. Am Morgen hatte ich meinen Tesilinkasten nicht öffnen können, er war zugefroren. Es war ein eiserner Kasten von der Größe einer Zigarrenkiste, denn bei solch einem Unternehmen mußte alles niet-und nagelfest sein, und ich hatte nichts anderes finden können. Mit großer Mühe erbrachen wir die Kiste, und während ich meinen Arm entblößte, hielt mein Freund schützend seinen Rock davor. Er war auch noch immer so religiös wie früher und ebenso wie früher verrichteten wir noch gemeinsam unsere Gebete. Schließlich erreichten wir den Pukon. Auch von dem Leben dort will ickpEuch später erzählen: wie Städte entstanden, wie man lebte, wie man zahlte. Jetzt sei nur gesagt,, daß unterwegs die Hälfte der Hunde an den Strapazen eingegangen war. Proviant hatten wir glücklicherweise noch, denn ein Ei kostete z. B. einen Dollar. Nun. begann ein rastloses Leben, ein Graben bei Tag und Nacht, ein Ziehen von Ort zu Ort. Das ging so etwa zwölf Monate hindurch. Wir fanden genug, um mit den Goldkörnern unsere Bedürfnisse zu.decken. Aber f übrig blieb nichts — und der „große Strike", der große Fund wollte uns durchaus nicht glücken. Da verzagten wir schließlich und machten uns schweren Herzens aus den Rückweg. Fast wollte ich an Gott verzweifeln, als ich hörte, daß dieser oder jener der rauhen Gesellen um uns herum einen reichen Fund gemacht hatte. Aber dann kam mir die Ermahnung meiner. Mutter in den Sinn: „Versprich mir, immer an Deinen Gott zu denken!" und dann dachte ich an ihn — in ihrem Sinne. Wie gesagt, wir befanden uns auf dem Rückweg, doch hatten wir das Iukontal noch nicht verlassen. Es war im Sommer, und die Tenrperatur recht angenehm. Die Nacht brach herein und überraschte uns auf offener Ebene, also schickten wir uns an, zu kampieren, wo wir gerade waren. Wir spannten die Hunde aus, breiteten unsere Decken auf der Erde aus und stopften unsere Pfeifen. „Du," meinte mein Freund, „Du bist ein so gottesfürchtiger Mensch, und auch ich glaube an den lieben Gott. Und gerade wir mußten solch Pech haben, und die andern Kerls —" er brach ab. „Ja," sagte ich, „wenn Du für Deine Gottesfurcht Belohnung erwartest-— „Du hast Recht," antwortete er, „und ich tat Unrecht." „Im übrigen," meinte ich, „Gott kann Wunder tun." „Wunder?" fragte er etwas erstaunt. , „Ich glaube fest daran!" erwiderte ich. „An Unwürdigen?!" „Unwürdig? ja! — Und dennoch — ich glaube!" Wir sprachen noch eine Weile, dann legten wir uns nieder. Wie lange wir schliefen kann ich nicht sagen, aber plötzlich wurden wir von krachendem Donner geweckt. Blitz folgte auf Blitz, die Ebene um uns herum war tageshell erleuchtet. Es war ein wunderbares, unheimliches Schauspiel. Immer lauter, immer krachender wurde der Donner, immer häufiger zuckten die Blitze — das Gewitter,befand sich direkt über unseren Köpfen. Und dann — plötzlich — ein zuckender Strahl. Ich schrie entsetzt auf: „Großer Gott! — Paul!" — — Dann wußte ich nichts mehr. Als ich erwachte, blickte ich in Pauls Gesicht. „Gott sei Dank, Otto, Du warst nur betäubt. Aber einen Schrecken hast Du mir eingejagt. Du kannst Gott danken und Deinem Religionskasten^da." „Meinem — was? — Was' ist denn passierb?" — „Der Blitz hat neben Dir eingeschlagen, mein Junge, nur ein Meter von Dir entfernt, Dein eiserner Religionskasten hat ihn wohl abgelenkt." Richtig, ein Meter von meinem Kopfe entfernt lag mein eiserner „Tefilinbeutel". Mühsam richtete ich mich auf und nahm ' ihn in die Hand. Die Strahlen der Mittagssonne brachen sich an den durch langen Gebrauch glattpolierten Seiten des Kästchens. Neugierig betrachteten wir es von allen Seiten; da sagte Paul auf eine Stelle deutend: „Schau, Otto, hier kann man deutlich sehen, wo der Blitz entlang gegangen ist." Wirklich waren einige Kratzer sichtbar, die ich natürlich mit großem Interesse betrachtete. Und plötzlich — nun — ich muß sehr blaß geworden sein, denn Paul fragte besorgt, ob mir wieder schlecht würde. „Nein, Paul, — nein, — aber das Wunder, — Paul, — hier ist das Wunder! — „Mein Gott, - Otto, - Du fieberst!" „Nein Paul, — hier ist das Wunder! Kannst Du stenographieren? — Nein? — Nun ich kann. Das Kästchen so gehalten, geben die Kratzer einen Sinn. So ergeben sie ein Stenogramm — und weißt Du, wie das lautet? „Dig here“, (Grabe hier!) lautet es." Otto Berliner zog einen Bleistift aus der Tasche und zeichnete dieses Stenogramm auf ein Stück Papier: „So sah es aus, meine lieben Freunde," sagte er, und ließ es um die Tafel zirkulieren. Während der Pause folgte lautlose Stille. „Die Geschichte ist zu Ende. Wir gruben und machten den reichsten Fund im Mkonthal. Nennt es Zufall, ich nenne es ein Wunder Gottes. Und nun erhebt die Gläser mit nur und trinkt auf das Wohl und Gedeihen der Kille." Die Begeisterung und der Jubel wollten nun kein Ende nehmen. Der Rabbiner brachte den ersten Toast aus. Ihn: folgte Reb Kalmann, der Nestor der Kille, dessen Reden immer mit denselben Worten anfingen: „Ich bin zwar kein Redner nich, aber reden muß ich doch." Später teilte sich der Vorhang der Saalbühne und auf den Brettern erschien der Schnarrenkower Kille-Gesangverein „Kol-Bino". Und waren es auch nicht wirkliche „Jubelstimmen", die man hörte, so gaben sie doch unter Leitung des würdigen Oberlehrers Jtzig Isaak Levy ihr bestes. Jtzig Isaak hatte eigentlich immer „Ernst" geheißen. Bis dann mal gelegentlich einer Kontrollversammlung'ein Unteroffizier sein „Oberlehrer Levy, Jtzig Isaak" über den Markt gebrüllt hatte, und darauf „Ernst" hervortrat, sein pockennarbiges.Gesicht fast so rot wie seine Haare." Acht Tage nach diesem gewiß aufregenden Abend verkündete „der General-Anzeiger" — wie Koch-Hannchen im Nebenamt genannt wurde, — die Verlobung Erna Berliners mit Dr. Friedrich. „Kunststück," meinte Stramm-Sahna schon wieder erregt, „vor dem Gelde" — * „Und der Maler-Bocher, der das Fräulein — Se wissen doch — jeden Tag schon bei die Berlinern inalt, und malt und nie nich fertig wird?" fügte eine andere Stimme hinzu. „Wer mir ein Stückchen Gutes gönnt, — nur sagte sie „Guttskind"— was die dort noch anders machen wie malen —" Allgemeines Achselzucken, mit den dazu gehörigen bekannten Grimassen und einigen gemurmelten : „man soll sagen." „Nehmt mein Wort dafür — wir werden derleben gleich noch ä Verlobung" — — Und da wundern sich die Leute,, daß die Schmarrenkower Kille nicht mehr aus der Aufregung herauskommt.