Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- Seite 226 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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es, daß wir von nun an unser Gebet gemeinsam verrichteten. Wir erreichten Newhork. Tränenden Auges verabschiedete ich mich von meinem mir so lieb gewordenen christlichen Freunde. Er reiste weiter, nach dem Westen, zu seinem Onkel, einem wohlhabenden Farmer. Die Adresse seines Onkels hatte mir mein Freund aufgedrungen, falls ich in die Gegend komme, wie er meinte. Amerika, meine lieben Freunde, ist in manchen Beziehungen ein ganz wunderbares Land. So werden z. B. in sämtlichen Schulen Newhorks Abendkurse abgehalten, in denen jeder Mensch, ganz gleich welchen Alters, welchen Geschlechts und welcher^ Nationalität, alles, vom englischen ABC bis zum letzten Kursus in der Medizin erlernen kann. Diese Schulen werden hauptsächlich von den Einwandernden besucht, und mancher 40jährige Mann hat dort sein ABC gelernt. Eine dieser Schulen besuchte auch ich regelmäßig. Am Tage nach meiner Ankunft in Newhork hatte ich eine Stellung gefunden — als Geschirrwafcher in einem deutschen Restaurant — Gehalt 12 Mark die Woche und „alles frei". Täglich besuchte ich nun wie gesagt die Abendschule. Bald war ich der englischen Sprache mächtig, und nun lernte ich auch noch Stenographie dazu. Meine Hoffnung, mir schließlich mit dieser Kenntnis mein Brot erwerben zu können, bewährte sich aber nicht. Und so machte ich mich auf den Weg nach dem Westen. In immer wildere Gegenden kam ich, und bald hörte ich auf, meinen Lieben zu Hause Nachricht von mir zu geben. Teilweise, weil ich mich in Plätzen befand, von wo aus ich nicht schreiben konnte, dann wohl auch, weil mir das nötige Portogeld fehlte! Na, kurz und gut, eine Zeitlang melkte ich Kühe auf der Farm des Onkels meines Freundes, wo — nebenbei gesagt — eines der Kinder mich mal durch das Fenster beobachtete, als ich gerade im Begriff war, Tefilin zu legen, was zur Folge hatte, daß inr nächsten Moment die gesamte Familie herbeiströmte, mit der löblichen Absicht, mich vom Tode des Erhängens zu retten. Dann machte ich meinen Weg noch weiter westlich. Es folgten viele Abenteuer, von denen ich Euch ein andermal erzählen will. Einen Fall will ich aber noch kurz erwähnen. Ich war auf meiner Wanderschaft durch die Prärie einem Trupp von Araphalwe-Jndianern in die Quere geraten. Es war gerade eine böse Zeit damals; die Unionsoldaten hatten mit den Jndianerrevolutionen alle Hände voll zu tun. Der Trupp traf mich allein in der Prärie, einer der Bucks sprang vom Pferde, setzte mich ohne ein Wort zu verlieren in den Sattel, schwang sich hinter mir auf und fort gings, der Reservation zu. Meine Gefühle will ich nicht schildern, die könnt Ihr Euch denken; an Ort und Stelle angelangt, wurde ich in ein Wigwam — so heißen die Zelte der Indianer — geführt und zwei alte Squaws (Weiber) blieben zu meiner Bewachung zurück. Es war schon spät abends, ich warf mich auf den Boden und empfahl Gott meine Seele. Was mit mit geschehen sollte, davon hatte ich keine Ahnung. Dennoch schlief ich ein. Als ich am andern Morgen erwachte, war mein erster Gedanke, schnell Tefilin zu legen. Gedacht — getan. Dann kam das Sonderbare. Die Weiber starrten nach mit offenen Mäulern an, und als ich gar, meiner alten Gewohnheit gemäß, bei der Schemauno-Esra mit der Faust heftig gegen die Brust schlug und auch noch heftiger „schwockelte", da sagte die eine etwas zur anderen und lief davon. Es währte kaum einige Minuten, da standen zwei vom Laufen fast atemlose junge Bucks (Männer) vor mir und fragten mit ehrerbietiger Scheu in. gräßlichem Englisch, ob ich eine neue Sorte Medizinmann fei. Ich erkannte sofort den Zusammenhang und nickte stumm und hoheitsvoll. Dann möchte ich schnell zum Chief kommen, hieß es weiter. Ich folgte und fand seinen ältesten Sohn krank und die Medizinmänner des Stammes trotz aller versuchten Tänze nicht im stände, den bösen Geist ihm auszutreiben. Ich müsse helfen und Thunder Cloud (Donnerwolke) würde mir ewig dankbar sein. Ohne ein Wort zu sprechen zog ich eine Blechbüchse, die Chinin enthielt, aus meiner Tasche und gab dem fieberkranken Jüngling eine enorme Dosis dieser Medizin. Chinin trug ich immer bei mir, wie die meisten Menschen da draußen, die schon einmal an Malariafieber gelitten. Dann wandte ich ruhig mein Gesicht der ausgehenden Sonne zu und vollendete mein unterbrochenes Morgengebet. Der junge Mann genas wirklich, und ich selbst wurde von den Rothäuten wie ein höheres Wesen behandelt. Jedes meiner Worte war ihnen Befehl, nur die Reservation durfte ich nicht verlassen. Dann endlich — nach etwa 12 Monaten — kam ein Regiment Soldaten zur Revision, wie das Absuchen der Reservation nach weißen Verbrechern genannt wird, und befreite mich. Ich hatte also meine Errettung — vielleicht vom Tode — direkt der prompten Erfüllung meines Versprechens zu verdanken, das ich damals meiner Mutter gegeben. Wie ich schon gesagt habe, will ich Euch ein andermal mehr wunderbare Abenteuer erzählen, die ich erlebt habe, jetzt aber auf die Sache kommen, auf die es heute abend eigentlich ankommt. Einige von Euch haben behauptet, es gäbe keine Gotteswunder mehr. Ich aber behaupte, daß Gott täglich Wunder tut an jedem Menschen. Wir achten nur leider nicht darauf, bis es einmal so handgreiflich wird, daß wir nicht mehr drum rum können. Und noch dann sträuben sich viele, sprechen von glücklichem Zufall usw. Die Geschichte, die mir passiert ist, und die ich jetzt erzählen werde, wird von manchem von Euch auch „ein eigentümlicher, kaum glaublicher Zufall" genannt werden. Ich aber glaube, es war eine direkte Antwort auf mein tägliches, stündliches Gebet: „Lieber Gott, hilf mir das Unrecht gut machen, das ich meinen Lieben zu Hause zugefügt, die mich gewiß betrauern oder sich um mich grämen." Jedoch höret jetzt die Geschichte und dann urteilt selbst: Es war vor etwa drei Jahren. Ich war auf meiner Wanderschaft ziemlich weit nach Nordwesten verschlagen worden, als die ersten Nachrichten von einem großen Goldfunde am Yukon-Fluß in unser Städtchen drangen. Einen jeden packte das Goldsieber. Man überließ den Frauen die Geschäfte und machte sich auf nach d.en Goldfeldern. Bald waren nur noch Greise, Frauen und Kinder im Städtchen — und ich. Zu meinem großen Leidwesen mußte ich Zurückbleiben, denn ich hatte kein Geld, um mir Hunde, Schlitten und Proviant anzuschaffen. So verging etwa eine Woche, gewiß die unglücklichste meines Lebens. Da sitze ich eines Tages im Hauptladen des Städtchens und plaudere mit der Besitzerin — der Mann war natürlich unterwegs zum Yukon — als ein Fremder eintrat. Kaum hatte ich seine Stimme vernommen, als ich herumfuhr. Richtig, es war Paul — mein alter Freund vom Schiff und von der Farm. Er war bis hierher mit der Eisenbahn gekommen — das Städtchen war Seattle, im Territorium Washington, wenrsis Euch interessiert — und wollte nun Hunde, Werkzeug, Schlitten rc. einkaufen und dann seinen Weg über Schnee und Eis bis zum Yukon fortsetzen. Er war sehr erstaunt, daß ich nicht schon unterwegs sei. Als ich ihm dann die Sachlage, erklärte, war es für ihn sofort beschlossene Sache, daß ich mit müßte, was ich natürlich dankbar annahm. Die Hälfte der 'nicht unbeträchtlichen Ausgaben sollte ich ihm zurückerstatten, sobald wir etwas „entdeckten". Acht Tage später befanden wir uns in einer Einöde von Eis und Schnee. Es war bitter kalt und wir hatten noch acht