Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- Seite 225 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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daß der Verfasser des vorliegenden Romans der Sohn' eines Pfarrers ist, daß er (1868 geboren) in . der Periode der Hochflut des Antisemitismus seine Studien machte, daß er also gerade in der Epoche reif ward, die den meisten seiner Altersgenossen in ihren religiösen Anschauungen zur gefährlichen Klippe wurde, an der sie scheiterten, so erlangt der Roman eine wirkliche Bedeutung. Man braucht nicht etwa zu denken, daß der Autor seinen Helden zu einem Adonis macht; die Schilderung, die er von ihm gibt, ist nichts weniger als verlockend; sie lautet so: „Sally Löwenseld war ein schwarzhaariger Krauskopf von über 23 Jahren. Bis zur Häßlichkeit deutlich trat der orientalische Typus aus seinen scharfen Gesichtszügen hervor. Aber eine hohe geistreiche Stirn baute sich über der sehr gebogenen und großen Rase auf. Und die tiefbraunen, unter schweren Lidern liegenden Augen gaben dem Gesichte zusammen mit dem weichen weiblichen Munde einen Strich ins schwärmerischsentimentale. Wie traumverloren pflegten die etwas kurzsichtigen Augen in die Welt hinauszüblicken, ein leiser Zug der Wehmut lagerte sich stets um diese Lippen." Ebensowenig macht der Autor diese jüdische Persönlichkeit zu einem Geisteshelden ersten Ranges. Es sind nicht lauter Perlen, die er ihm in den Mund legt, sondern mitunter, die etwas wirre, unklare' Anschauung eines modernen ungefesteten Jünglings. Aber ungemein wohltuend wirkt die ganze Art, wie der Verfasser die beiden jungen Menschen Löwenseld und Krafft als gleiche, eng verbündete, durch keine - Schranken getrennte Genossen darstellt. Wir Aelteren, die wir auf der Universität und teilweise auch im Leben keine Trennung von christlichen Genossen kannten, die wir' in Herz und Geist einig waren, mit Gleichstrebenden, welcher Religion sie auch waren, müssen uns freuen, daß dieses Ideal nicht mehr wie ein verklungener und verschollener Ton aus längst vergangenen Tagen verhallt, sondern mächtig anschwillt zu dem vollen Orgelklang, der den Ostergesang der neuen Menschheit begleitet. Und darum sei dem Verfasser dieses lesenswerten Buches an dieser Stelle gedankt: Aus rmer kleinen Gemeinde. Von Oskar T. Schweriner. fl nt folgenden Dienstag hielt eine Droschke vor dem bescheidenen Häuschen der Frau Berliner; ein etwa dreißigjähriger Mann sprang heraus, stürmte ins Haus und schlang seine Arme um den Hals seiner ihm entgegeneilenden Mutter. Für den Rest der Woche wurde die Wohnung der Frau Berliner von Besuchern nicht mehr leer.. Jeder wollte das Wundertier sehen. Und der junge Mann ließ sich sehen; er verkaufte höchst eigenhändig die „Quitten" und hatte für jeden ein gutes Wort. Und je näher der Sonnabend rückte, desto mehr steigerte sich die Aufregung in der Kille, bis sich schließlich die zu Beginn der Erzählung geschilderte Szene abspielte. An demselben Abend erschien Otto Berliner im Literaturverein. Dr. Friedlich hielt eben einen Vortrag über Bür-Kochba und äußerte dabei, daß Bar-Kochba nie das hätte vollbringen können, was er vollbracht, wenn Gott nicht Wunder getan hätte. Daß Var-Kochbas Mission fehlschlug, war Gottes Wille. Das Volk Israel sollte noch nicht befreit werden. Aber des Mannes teilweise fabelhafte Erfolge wären ohne Gotteswunder nicht denkbar gewesen. Gegen die Redewendung „Gotteswunder" nun wendeten sich einige des jüngeren „Volkes". Sie meinten, es wäre doch alles Energiesache gewesen, wie bei den Makkabäern; „Gotteswunder" gäbe es doch wohl nicht. Und so geschah es, daß Otto Berliner die ganze Gemeinde auf den nächsten Sonnabend Abend zu „Schlichtermanns" einlud. Dort wollte er ihnen seine eigene Geschichte erzählen, und dann sollten.sie selbst entscheiden, ob es noch „Gotteswunder" gäbe, oder nicht. Der folgende Sonnabend Abend fand die ganze Kille, mit Kind und Kegel, alle im feinsten Schabbesstaat, bei Schlichtermanns versammelt. ■ Lange Tafeln waren hergerichtet, vor jedem Sch stand eine Flasche Wein. Und dieses ist Otto Berliners Erzählung. Es sei hinzugefügt, daß sie wörtlich wahr ist: Die Aelteren unter Euch, meine lieben Freunde, so Hub er an, werden sich wohl noch der Zeit entsinnen, als ich, ein 14jähriger Bursche, das Städtchen verließ. Meine liebe Mutter begleitete mich bis nach Hamburg. Und ihre stete Ermahnung war: Bleibe ein guter Jehudi, mein Sohn. Und als das Dampfboot zur Abfahrt tutete, und es hieß, endgültig Abschied zu nehmen voneinander, vielleicht auf Nimmerwiedersehen, da war ihr letzter Wunsch: „Jetzt gib mir Deine Hand und versprich mir. jeden Morgen Deine Tefilin zu legen, ganz gleich, wo Du sein magst. Denn dann wirst Du nie Deinen Gott vergessen, und wenn Du seiner nie vergessen wirst, dann wird er auch Dich nicht vergessen und Dir beistehen, dessen sei sicher." Natürlich gab ich das Versprechen, und will hier gleich hinzusügen, daß ich in den ganzen 16 Jahren nie auch nur einmal meinem Versprechen untreu geworden bin. Nie. Und unter welchen Umständen habe ich es gehalten! Zuerst auf dem Schiff. Wir lagen vier Mann in einem Bett, wie es im Zwischendeck Usus. Die andern drei waren Christen. Nun findet sich im Zwischendeck nicht die edelste Spezies der Menschheit zusammen. Als ich am ersten Morgen nach unserer Abfahrt erwachte, fühlte ich mich hundeelend. Ich war seekrank, dazu kamen die Gerüche von Salzwasser, Teer und Oel, die sich gerade im Zwischendeck, also unterhalb der Wasserlinie, so unangenehm bemerkbar machen, und die nicht gerade angenehmen Ausdünste von etwa 300 Menschen männlichen Geschlechts aller Nationen, die in dem einen Raum schliefen. Aus der „italienischen Ecke" drangen Knoblauchdüste, aus der russischen Dünste von Tee, Zitronen und Zwiebeln, während es in unserer heimatlichen „Ecke" wie in den Lagerräumen einer großen Käsefabrik in Limburg roch. Halb ohnmächtig richtete ich mich auf, und stieß mit den: Kopfe gegen einen eisernen Querbalken, so daß er blutete, nämlich der Kopf. Ich hatte vergessen, daß ich mich in der „oberen Etage" befand. Im Zwischendeck schläft man eben nicht nur zu vieren nebeneinander, sondern auch übereinander. Dann kroch ich aus meinem elenden Lager heraus, und im engen, schmutzigen Gang, der zwischen den Betten hindurchführte, Posto fassend, legte ich meine Tefilin. Meine drei Schlafgenossen sahen mich erstaunt an, sagten aber nichts. Anders am nächsten Morgen, als ich die Prozedur wiederholte. Da versuchten zwei von ihnen, mich mit den herunterhängenden Kopfriemen. an die Bettpfosten anzubinden. Zur Ehre des Dritten aber sei gesagt, daß er sich meiner so energisch annahm, daß ich von nun an ungestört mein Gebet verrichten konnte. Aber nicht nur das. Mein Beschützer, ein schöner, blonder, hochgewachsener Jüngling von 16 Jahren, war ein ebenso gläubiger Christ, wie ich Jude war, ein echter, wahrer Christ in des Wortes schönster Bedeutung. Und so geschah