Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- Seite 224 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228581-3228601--60787-3274574- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
224- Juden einstehen," läßt er sich von edler Entrüstung erfüllt vernehmen, „wenn noch Worte der Beschwichtigung gegen die Besorgnis gebraucht werden, daß die Juden in dem einen * oder anderen der ihnen bis nun verschlossenen Kronländer sich ansässig machen können? Wäre es nicht eher am Platze undder Sache entsprechender gewesen, auf die Ungerechtigkeit und Inhumanität hinzuweisen, welche diesen bestehenden Ausnahme-.. zuständen in den erwähnten Kronländern zu Grunde liegen? Selbst wenn auch in dieser Richtung keine Präzedenzfälle in anderen Staaten vorlägen, wie z. B. bezüglich Pommerns in Preußen, bezüglich Norwegens in Skandinavien: könnten hochbegabte Männer, wie sie in würdiger Weise die Jsraelitengemeinde in Wien repräsentierten, um die Beweisführung nicht verlegen sein, wie es mit allen Gesetzen der Humanität und des Rechts kollidiert, wenn man heutzutage noch Ausnahmezustände bestehen läßt, die einer längst entschwundenen Zeit angehören.". Und der weise, abgeklärte Denker spricht aus dem Verfasser, wenn er hinzufügt: „Der Sache der Juden kann nichts abträglicher seinals wenn man sie unter dem Gesichtswinkel der Opportunität behandelt. Recht und nichts als Recht muß der Punkt sein, an den die Hebel diesfälliger Ansprüche gelegt werden; nur so wird es möglich sein, die gegen die Juden sich geltend, machenden Vorurteile aus den Angeln zu heben. Alles Undezidierte ist vom Uebel; mit dem Schaukelsystem gelangt'man nicht zum Ziel." Ich wünschte, daß ich des Verfassers Hoffnung teilen könnte, daß „inr harmonischen Zusammenwirken mit dem biederen Stamm dieses Alpenlandes es den Juden allmählich gelingen wird, die Vorurteile zu zerstreuen, welche Fanatismus, Neid, Habsucht gegen sie wachzurufen verstanden haben!" Die-. Erfahrungen, die ich während eines jahrelangen Aufenthaltes in Graz zu machen Gelegenheit hatte, zwingen mich leider zu starker Skepsis. Gütz Lrakkt/' Von Professor Dr. Ludwig Geiger. ie Anzeichen mehren sich, daß die Juden in der deutschen Dichtung in anderer und edlerer Weise behandelt werden als dies früher der Fall war. Die Zeit ist vorüber, in der der betrügerische Mauschel im deutschen Roman oder Drama zur Belustigung eines edlen Publikums erschien und. glücklicherweise auch die Epoche, in der Gellert in der „schwedischen Gräfin" oder Lessing in dem Schauspiel „Die Juden" sich anstrengen mußte, darzutun, daß auch ein Jude ein edler Mensch sein könnte, der einen in Not Geratenen retten oder einen hinterlistig Angefallenen befreien konnte. Manche neueren dichterischen Werke, die von Christen herrühren, zeigen den Juden als Teilnehmer an der modernen; Kultur und verweilen bei seinem Kampfe, in der neueren Bewegung einer seiner würdige Stellung einzunehmen. In dieser Beziehung hat der eben erschienene Roman ' „Götz Krafft" symptomatische Bedeutung. Auf seinen allgemeinen Inhalt: den Kampf eines edel veranlagten Jünglings ' mit der Erotik, seine Befreiung von den lächerlichen Studentensitten, seine Erhebung aus engen theologischen zu freien, philo- ' sophischen Ansichten, aus bürgerlicher Anschauung zu sozial-' demokratischen Neigungen soll hier nicht näher eingegangen' werden, obgleich in der Schilderung der Szenerie des alten/ h Götz Krafft, die Geschichte einer Jugend von Edward Stil ge bau er.- I. Mit tausend Masten. Berlin, Verlag R. Bong. Frankfurt und des neuen Lausanne, in der Charakteristik der einzelnen Menschen, der /Männer, besonders der Frauen, in der Vorführung von Volks- und Gesellschastsszenen ein bemerkenswertes Talent hervortritt. Wir verweilen nur bei einer Episode, die freilich inehr ist .als ein bloßes Einschiebsel. Zu den Bekanntschaften, die Götz Krafft, der Sphn eines Frankfurter Pfarrers, wie der Verfasser selbst, während seines ersten Studiensemesters in Lausanne macht, gehört ein etwas älterer Student Sally Löwenfeld aus Mannheim. Er ist der einzige Sohn eines Trödlers, Hoffnung und Stolz seiner Eltern. Er ist ein strebender, geistvoller Mensch, der wie so viele, seiner Religionsgenossen, unter Vorurteilen und Bedrückungen litt, aus religiösen Skrupeln dem theologischen Studium entsagen mußte, in der Ueberzengung, doch nicht zum Ziele zu gelangen, den Wunsch aufgibt, Dozent zu werden und nun eine Dissertation über Rousseau, den Vater der deutschen Sturm- und Drangbewegung, schreibt, um dann in Berlin als Kritiker und Journalist tätig zu sein. Schon während eines früheren Aufenthalts in Berlin hatte er ein Duell ausgefochten, um eine Beleidigung zu rächen, die ihm als Jude angetan worden war; in Lausanne stirbt er auf dem Felde der Ehre. Und zwar ist Götz Krafft die unschuldige Ursache zu diesem blutigen Renkontre. Krafftnämlich, der mit Löwenfeld in derselben Pension wohnte, sich mit ihm befreundet, gemeinschaftlich mit ihm Vorlesungen besucht und gemütliche Plauderstündchen hält, zieht sich zwar etwas von ihm zurück, nachdem er in ein deutsches Korps eingetreten war, tritt ihm aber wieder näher, nachdem er die Hohlheit, das geckenhafte Wesen seiner Genossen erkannt hat. So kommt es zwischen Sally Löwenfeld, der eifrig um seine Dissertation bemüht, und Götz Krafft zu einer wirklichen Verbrüderung. Sie treffen sich zufällig im Cafü, sprechen sich aus, erkennen manche Gemeinsamkeit inr Denken und Fühlen, und Krafft, obwohl der Jüngere, bietet dem andern das herzliche „Du" an. Unmittelbar darauf tritt Graf Schlippenstädt in das Restaurant ein, ein Preußischer Leutnant, der zwar dem Korps selbst nicht angehört, ihm aber nahe steht. Er begrüßt Krafft von oben herab, spricht sich abfällig über dessen Begleitung aus und erwidertauf eine schärfe Entgegnung Löwenfelds: „Wenn Sie mit mir reden wollen, dann stehen Sie gefälligst auf. Sie krummer Judenlünnnel!" Der Autor fährt fort: „Da war es geschehen. Ein kleiner roter Tropfen Blutes sickerte langsam aus der Wunde an der Wange des Grafen hinunter, die Löwenselds Ring bei dem wuchtigen Schlage gerissen, den seine Hand als einzige Antwort auf diese unerhörte und vom Zaun gebrochene Beleidigung gegen SchliPPenstädts Gesicht geführt hatte." Natürlich kommt es zu einer schweren Pistolensorderung, der Löwenseld sich nicht entzieht, obgleich Krafft, der selbstverständlich ans dem Korps ausgetreten ist, seinem neugewonnenen Freund zur Flucht rät. Das Duell, dessen Vorbereitung und Ausführung mit der größten Umständlichkeit geschildert wird, findet am frühen Morgen statt; der arme, des Schießens unkundige jüdische Gegner wird erschossen. Wenn diese Studentenerzählung hier hervorgehoben und für jüdische Leser als beachtenswert bezeichnet wird, so geschieht dies gewiß' nicht bloß, um Mitleid für das Schicksal eines armen jüdischen Jünglings zu erwecken, auch nicht, um jüdische Studenten zu Raufbolden zu erziehen und ihnen als erste Pflicht einzrrprägen, jede erlittene Kränkung mit Säbel und Pistolen auszufechten, sondern es geschieht in der Erwägüng, daß hier von einem jungen deutschen Schriftsteller edle Gesinnungen in beachtenswerter Form vorgetragen werden, eine Anschauung gepredigt wird, der man leider nicht bei allen jüngeren christlichen Autoren begegnet. Bedenkt man dann,