Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- Seite 223 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Dir Juden in Steiermark. Von Dr. Bernhard Münz. eder Beitrag zur Geschichte der Juden ist erwünscht und willkommen. Wir nehmen daher mit Vergnügen Anlaß, dem greisen.jüdischen Gelehrten EmanuelBaumgarten in Wien sür seine vortreffliche Skizze: „Die Juden in Steiermark" (Wien, Löwit, 1903) unseren wärmsten Dank abzustatten. *) Wechselnd, wie allerorten, waren die Schicksale der Juden in der grünen Steiermark. Wann die Juden sich in diesem Alpenlande, über das die. Natur das Füllhorn ihrer Reize ausgeschüttet, niedergelassen haben, ist nicht festgestellt. Gewiß ist nur, daß schon in der Mitte des 11. Jahrhundert Judenburgs Erwähnung getan wird. Eine Gegend zwischen Graz und Rein wird in heimischen Urkunden „ad Judaeos“ genannt. Die vielen Ortsnamen: Judendorf, Judenanger, Judengraben rc. dienen als Belege für die große Zahl, in der die Juden sich dort befanden. Ihr Hauptsitz dürfte Judenburg, in dessen Wappenschild das Brustbild eines Juden mit Spitzbart und Judenhut zu sehen ist, gewesen sein. Dafür spricht nicht nur der Name, sondern auch der Umstand, daß zur Zeit ihres Aufenthaltes in Steiermark Judenburg ein Stapelplatz sür den Handelszug aus Deutschland, Venedig, dem Peloponnes, der Levante u. s. s. war, der steiermärkische Handel sich hier konzentrierte. Man würde aber fehlgehen, wenn man annähme, daß Handel und Gewerbe ihre ausschließliche Beschäftigung bildeten; sie legten auch Straßen an und betrieben Ackerbau, und mancher unfruchtbare Boden erblühte unter ihrer Hände Arbeit und im Schweiße ihres Angesichts zu üppigem Gefilde. Der Fleiß, die Nüchternheit und Sparsamkeit der Juden trugen gute Früchte. Ihr Wohlstand entfesselte jedoch den Neid und Haß des gebildeten und ungebildeten Pöbels. Die bestialischsten Leidenschaften feierten nicht selten wüste Orgien. Wo andere Motive fehlten, mußten religiöse herhalten. Der Zweck, der die Mittel heiligt, heiligte die grundlosen Erdichtungen, daß die Juden Christenkinder gestohlen, Hostien durchstochen hätten, so daß das Blut herausgeflossen sei u. dgl. Wie leicht solche Märchen an den Mann zu bringen waren, erhellt unzweideutig aus der Tatsache, daß sich zu jener Zsit ein Prediger folgendermaßen vernehmen lassen konnte: „Sie haben eine neue Sprache erfunden, welche sie die griechische nennen; trauet ihr nicht, sie ist die Quelle aller Ketzerei. In sehr vielen Händen habe ich ein Buch gesehen, das in dieser Sprache geschrieben war, sie nannten es „Das neue Testament". Das ist ein Buch, das von Dolchen wimmelt und voll von Gift ist. Was das Hebräische betrifft, so ist außer Zweifel, daß die, so es lernen, auf der Stelle zu Juden werden." Kindermann, ein unbefangener Geschichtsschreiber der Steiermark, sieht sich in seinem „Historischen und geographischen Abriß von Steiermark" veranlaßt, die Juden gegen die ihnen imputierten Verbrechen und Sakrilegien in Schutz zu nehmen. Er sagt: „Die Juden, welche den ansehnlichsten Handel des Landes inne hatten, wurden schon seit langer Zeit ihres Vermögens, oft auch ihres Wuchers halber, allenthalben geneckt, mehr als einmal geplündert und gemordet. Die Geschichtsschreiber der meisten europäischen Völker erzählen von ihnen gräuliche Schandtaten, weil sie (die Geschichtsschreiber) nicht den Mut haben, zu bekennen, daß wir — dumm und grausam waren, daß Verleumdungen und Eigennutz — diese Schandtaten erdichtet haben." *) Dieses Werk war die letzte Arbeit des inzwischen verstorbenen Baumgarten, der um die Geschichte, der Juden in Oesterreich sich ' bleibende Verdienste erworben hat. (Siehe Korresp. Wien.) Die Red. Auf Grund solcher dummdreisten Hirngespinnste geschah es beispielsweise, daß die Einwohner Judenburgs im Jahre 1312 „die heiligste der Nächte" durch Plünderung und Ermordung ihrer jüdischen Mitbürger entweihten. Judenburg erwarb sich damals den Spitznamen „Judenwürg". Die Greuel wiederholten sich, bis päpstliche Bullen ihnen Halt geboten und Albrecht II. nachdrücklich gegen sie Stellung nahm, wofür er mit dem Spottnamen „Judendulder" belegt wurde. In ausgedehnterer Weise nahm sich sein Sohn Rudolf, der Gründer der alma mater Vindobonensis, der Juden an. Er machte Stiftungen für die Kirche, doch verschloß er sein Ohr zuweilen den Einflüsterungen ihrer Repräsentanten, und als man ihn von Avignon mit einer Klage bedrohte, antwortete er: „In Oesterreich bin ich Papst, Erzbischof, Bischof und Archidiakon." Doch überwog die Finsternis das Licht. Selten nur leuchtete. den Juden die Sonne einer besseren Zeit; nur zu oft entluden sich über ihren Häuptern schwere Gewitterwolken, die ihre Existenz zerstörten. So vielen Martyrien die Juden aber auch preisgegeben waren, ihr Fleiß, ihre Unverdrossenheit, ihre Strebsamkeit nahm nicht ab; mit frischem Mute widmeten sie sich allen Zweigen menschlicher Tätigkeit. Unter dem ritterlichen Kaiser Maximilian I., dessen Vater in seinen Sympathien sür die Juden so weit ging, daß er ihm die milde Behandlung derselben eindringlich ans Herz legte, traf sie der härteste Schlag — ein Schlag, der sie aus Steiermark hinwegfegte. Verschiedene Momente, unter denen nicht das geringste das ist, daß am Hose ein sehr gefährlicher Judenfeind, der bekannte Konvertit Paul Ricci, sein Unwesen trieb, wirkten zusammen, um in dem Kaiser, der von jüdischen' Geschichtschreibern als den Juden gewogen geschildert wird, den Entschluß zu reifen, am Freitag vor dem Sonntag Judica 1496 das Edikt zu erlassen, mit dem die jüdischen Untertanen aus Steiermark „in ewig zeit geurlaubt und zwischen ihm und der hehlig dreyer König Tag ausgetrieben wurden." Und dabei blieb es. Die Juden mußten am Dreikönigstag Haus und Hof verlassen und ihre Besitzungen fielen dem Kaiser zu. Seit der Vertreibung der Juden waren Handel und Reichtum „gleichsam wie verjagt aus dem Lande". Dafür hat die grüne Steiermark das traurige Verdienst, fast vier Jahrhunderte, bis zum Jahre 1861 judenrein geblieben zu sein. Zwei Jahre vorher hatten die Vertreter der Wiener israelitischen Kultusgemeinde eine Denkschrift über die Regelung der staatsbürgerlichen Stellung der Juden in Oesterreich verfaßt, in welcher der unleidlichen Verhältnisse in Steiermark gedacht wird. Während sie sür die Gleichberechtigung der Juden in Oesterreich mannhafte, kräftige Akzente fanden, suchten sie zugleich den Besorgnissen entgegenzutreten, die gegen die Vollberechtigüng der Juden gehegt wurden. „Eine Bedenklichkeit," heißt es in der Denkschrift,' „ist wohl die, daß sowohl durch ein beschränktes Besitzrecht als selbst durch ausnahmsloses . Wohnrecht Juden nach Kronländern gezogen werden könnten, in welchen sie sich bisher nicht ansässig machen dursten oder .doch nur in beschränkter Anzahl wohnten. Es sind hierbei namentlich Tirol, Steiermark, Kärnthen und Krain gemeint, Es ist nicht vorauszusehen, daß diese Kronländer, welche gerade zu den weniger gesegneten des österreichischen Kaiserstaates zählen, eine besondere Anziehungskraft auf jüdische Ansiedler ausüben sollten; wenigstens hat die Zeit vom Jahre 1848 bis 1849, innerhalb welcher solche Ansiedelungen Nicht verwehrt waren, solche nur in beschränktem Maße hervorgerusen." In jedem jüdisch fühlenden Herzen werden und müssen die energischen Worte, mit denen sich Baumgarten gegen diesen Passus zur Wehr setzt und über ihn ein Verdikt fällt, ein kräftiges Echo erwecken. „Heißt das wirklich sür die Gleichberechtigung der