Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- Seite 222 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228581-3228601--60785-3274572- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Es ist auch garnicht nötig, wenn man nur sieht, wie die jungjüdische Geschichtsbetrachtung mit den weiteren 1800 Jahren im Ganzen umspringt. Nach ihr" ist dieser gewaltige Zeitraum ein Nichts, ein böser Traum, ein Irrtum — ja wessen? Der Geschichte!? Denn das heißt es, wenn man verlangt, das Judentum muß da anknüpsen, wo es vor 1800 Jahren gewaltsam unterbrochen wurde. Und das warum? Weil diese Epoche ein bloßer zermalmender" Kampf um Physische und geistige Existenz war, der nichts als Niederlagen über Niederlagen für uns brachte, eine zunehmende Verelendung und Zersetzung -herbeiführte, und dessen absolute und unwiderrufliche Aussichtslosigkeit sich am Ende des 19. Jahrhunderts einigen Hellsehern offenbart und darum aller Welt feierlich Proklamiert werden mußte. Man fragt sich, wie ist soviel Verwirrung nur denkbar ohne Unterdrückung oder Verkennung zahlloser Tatsachen! War die ganze spanische Epoche ergebnislos, weil sie mit der Vertreibung der Juden endete? Was. zwang die Inden, sich aufs Tiefste in die arabische Kultur zu versenken und in arabischer Sprache zu reden, zu denken, zu schreiben? Und wie erklärte es sich, daß sie Spanien nur unter Jammer und Tränen verließen, wenn sie es nicht mit aller Glut der Seele. geliebt hätten? Aber vielleicht beweist ein Jehuda Halevi für viele, daß das Zionsideal niemals schlummerte? Ich denke, diese Sehnsucht war dieselbe, die einen Winckelmann und Goethe nach Italien, einen Schliemann und Eurtius nach Griechenland trieb; in diesem Sinne bekennen sich wohl viele zur Zionssehnsucht. Und nun Deutschland. Es ist unendlich leicht, die Vergangenheit der deutschen Juden in schwarz zu malen; aber die Geschichte liefert noch einige andere Töne. Haben wir wirklich diese 1800 Jahre hindurch nur gewartet und nichts erreicht, nur Geduld, sagen wir besser Ausdauer und Widerstandskraft bewiesen, ohne belohnt zu werden? Ich denke, die letzten 100 Jahre haben unendlich viel gut gemacht und der Sieg der Gerechtigkeit ist nicht mehr anfzuhalten. Das ist freilich ein Glaube, aber ein energischer, der zugleich ein Glaube an uns selbst und ein Glaube an die Menschheit ist. Gerade die wiederauftauchenden Lichtmomente des Mittelalters, die wir der Wissenschaft verdanken, und das voll hereinflutende Licht des letzten Jahrhunderts haben diesen versinkenden Glauben wieder zu Heller Lohe angefacht;, und keine Unkenrufe des nationaljüdischen Propheten können ihn jetzt noch ertöten. Nicht die Emanzipation kam zu spät, wie Nordau meinte, sondern der jüdisch-nationale Gedanke kommt zu spät. Wäre er vor 150 Jahren so wie jetzt gepredigt worden, wer weiß, vielleicht hätte ihm auch das deutsche Ghetto zugejubelt. Ja, das Ghetto ohne Luft und Licht, wohin sich unsere Nationalen „wahrlich nicht zurücksehnen"; eine gewisse Vorliebe dafür können sie nicht loswerden, und gegenüber dem sich anbahnenden Vollbürgertum in modernen Staaten war es das Paradies. „Wenn der geschmähte und geprügelte Jude das Ghettotor durchwandert hatte, dann war er im Judenland. Da hatte er unter seinesgleichen ein legales Streben, da war er der eine einer gleichgesinnten Menge, die ihr Leben für sich lebte, in religiöser Begeisterung eine Märthrerkrone fand, nichts nach der Kritik der Massen draußen fragte, und nicht mit ihnen leben wollte." (a. a. O. Seite 16.) Das also ist des Pudels Kern! Merken unsere Nationalen nicht, daß sie ihre Geschichtsauffassung unfern ärgsten Feinden nachbeten, die nicht müde werden, für uns Ghettos zu verlangen, weil wir in die menschliche Gesellschaft nicht passen; die auch unsere' sogen, (bekanntlich uralte) Zerstreuung, auf den Buchstaben der Schrift pochend, als einen fortdauernden Fluch bezeichnen, dessen Wirkungen uns recht kräftig zu zeigen. sie womöglich als ein gottgefälliges Werk hinstellen? Merken sie nicht, daß sie einen rückschrittlichen Gedanken predigen, wenn sie unterstellen, das Judentum kann nur in strenger Isolierung durch nationalvölkischen Zusammenschluß erhalten bleiben, während es unter andern Völkern bei aller Bekenntnistreue notwendig dem Untergange geweiht sei! Lehrt dies die Geschichte wirklich? Nein, und abermals nein. Der Gedanke, große Scharen jüdischer Ansiedler aus Rußland, Galizien und Rumänien in Palästina zu wissen, ist ein schöner; alle Bestrebungen, ihn in jedem nur möglichen Umfange zur Verwirklichung zu bringen, verdienen nicht etwa nur Sympathie, sondern höchste Förderung. Allein dies genügt unseren Nationalen nicht, denn damit" heben sie das westeuropäische Judentum nicht um einen Zoll aus dem Boden. Das neueste Lockmittel ist nun dieses, daß sie der in Zion wieder geeinten jüdischen Nation auch eine religiöse Renaissance, vielleicht gar die Hervorbringung eines neuen, weltbeherrschenden religiösen Genies prophezeien. Berückender, berauschender Gedanke. Aber wie paßt der zu der Selbsterniedrigung, die sich in der Entwertung und Verächtlichmachung der Missionsidee bekundet! „Einmal ist diese Theorie (daß das Judentum den Monotheismus unter den Völkern hochzuhalten habe) eine riesenhafte Dreistigkeit (sie!) gegenüber den anderen Religionen. Dann aber ist es nicht gerade wahrscheinlich, daß das Judentum in seiner gegenwärtigen Situation, verachtet und gedrückt, täglich gerade in moralischer Beziehung angegriffen, einen besonders guten und einflußreichen Lehrmeister abgibt." (S. 22.) Ein Hasenfuß, der vor einer johlenden und lärmenden Klasse das Feld räumt, paßt allerdings nicht zum Lehrmeister; er kann auf dem Korridor oder Schulhofe noch so schön lehren, da hört ihn keiner. Mitten in die Welt hinein, meine Herren Nationalen, hat die Vorsehung das Judentum gestellt; da geht uns sein Wesen auf, dem der Nationalismus die schützende Knospenhülle war, indes der Kosmopolitismus, sein völkerüberragender und -verbindender Geist seine Blüte und Frucht ist. Mag die Entwicklung der übrigen sogenannten Weltreligionen den Lauf gegangen sein, daß man heute der orientalischen Kirche den Orient, der griechisch-orthodoxen Griechenland und Rußland, der katholischen die romanischen, der protestantischen die deutsch-englischen Lande zuweisen darf, so ist eben das Judentum in dem vielleicht einzig möglichen Sinne wahre Weltreligion, als es in jedem Land und unter jeder Zone voll und rein bekannt werden kann. Nichts hindert mich, mein Zion überall hinzutragen, wohin ich gehe, wie es auch die Väter getan haben; dorthin, wo ich ein Haus finde, das mich und die Meinen schützt, und einen Tempel, darin man den Einig-Einzigen anruft. Und nichts kann uns darin stören, nachdem Babel dem großen Judentum das Recht, Arabien die Religionsphilosophie, Deutschland die historisch-literarische Forschung geschenkt, auch ferner, wo immer wir leben, an seinem mächtigen Bau weiter zu schaffen. Ehe er selbst nicht das geschichtliche Recht der Diaspora anerkannt hat, darf der jüdische Nationalismus sich nicht über Verkennung und Zurückweisung beklagen. Und über den wahren Sinn und die letzte Tendenz der vielberufenen Missionsidee wird eine Verständigung mit ihm niemals erzielt werden, so lange ihm, um von tausend andern zu schweigen, ein Wort, wie dieses, gleichgiltig und verschlossen bleibt: „Denn mein Haus soll ein Bethaus genannt werden für alle Völker."