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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-05-06 · Heft 19 (6.5.1904) · p. Seite 221

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 19 (6.5.1904)
Date
1904-05-06
Page
Seite 221 (sequence 5)
Language
German
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JungMilche Lktchichtssukksssung. Von Dr. S. Samuel in Essen. ie Geschichte ist die Lehrmeisterin der Völker, oder sie sollte es sein. Warum sie es gerade in bewegten Zeiten am wenigsten ist, wo die Parteien hüben und drüben sich ihrer als Wurfgeschoß bedienen, liegt auf der Hand. Sie selbst kann ja nur Tatsachen und Daten liefern; um das geistige Band zu finden, muß der Forscher diese für sich reden lassen, sich in den Geist früherer Zeiten versetzen - können und einem unbestechlichen Wahrheitstriebe folgen. Sucht er dagegen Theorien zu beweisen oder ausgesprochene Tendenzen zu befördern, dann ist es mit dem Verständnis vorbei. Bewußt oder unbewußt betont und verschweigt, verknüpft und sondert, sichtet und richtet er nur nach seinem alles beherrschenden Interesse, allein seinen Theorien zu Liebe. Daß sonst ehrliche Gelehrte dieser Gefahr zum Opfer fallen können, hat die neutestamentliche Zeitgeschichte eines Harnack, Wellhausen und Bousset erst neulich wieder so. deutlich bewiesen, daß man daran verzweifeln könnte, über das Judentum jemals anders als vom Judentum selbst heraus Aufklärung zu empfangen. Wir haben nun aber zum Glück in den letzten 70 Jahren ein vorzügliches Bild unseres geschichtlichen Entwicklungsgangs erhalten; es ist nicht bei den Gelehrten verblieben, es ist ins Volk gedrungen, ja geradezu zum Gemeingut der deutschen Juden geworden. Heute freilich wird es als veraltet, von falschen Anschauungen beherrscht und daher verderblich hingestellt, und eine nagelneue Geschichtsweisheit vorgetragen, die das Oberste zu unterst, und das Unterste zu oberst kehrt. Zwar nicht etwa von berufenen Fachleuten, sondern von Politikern und Theoretikern, denen an dem Beifall der Geschichte für ihre Zwecke sehr gelegen wäre; von den jungen Propheten, die auch das Allheilmittel für die künftige Lösung der Judenfrage gefunden zu haben vorgeben: von unseren Nationalisten. Und daher auch nicht in gelehrten Büchern oder Abhandlungen, sondern in lärmenden Volksversammlungen, im Pathos der Flugschriften, im apodiktischen Stil der Katechismen'). Es ist wirklich an der Zeit, in diese Verwirrung einmal hineinzuleuchten und wenigstens einige Punkte wieder richtig zu stellen. Josua und Serubäbel, um mit dem zweiten Tempel zu beginnen, führten nach erhaltener Erlaubnis nicht ganz 50 000 Juden aus Babel nach Judäa zurück und gründeten auf dem alten Boden die neue Gemeinde. Aber in welchem Zustand befand sich diese fast ein Jahrhundert hindurch, von 536 — 444? Im kläglichsten, den man sich denken kann. Ihr religiöser Instinkt war noch gerade.groß genug, um sie von den umwohnenden Völkern zu sondern; bald aber stand sogar das Konnubium mit diesen in voller Blüte. Wie war es mit ihrer religiös-politischen Organisation? Zu solcher konnten sie aus eigener Kraft gar nicht gelangen; erst Babel, bezw. Persien entsandte ihnen einen Esra, den zweiten Mose, mit dem Gesetzbuche in der Hand, und den Nehemia, der mit Gewalt durchgriff, und jeden Widerstand unterdrückte. Was aber wird heute aus jenen Zurückgekehrten gemacht? Sie sind die Patrioten, die Helden, die Intelligenten, die das Judentum retteten; — und die Zurückgebliebenen? Nun, man kann sich denken; die werden uns als abschreckendes Beispiel vorgehalten. Gibt die Bibel dazu das geringste Recht? Wo ist in ihr auch nur der leiseste Tadel für ihr Verharren in der ') Vor uns liegt ein solcher unter dem Titel: „Was will der Zionismus?" Herausgegeben von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Berlin 1903. Ihm sind auch die Anführungen entlehnt. von Jeremia politisch und ethisch scharf gekennzeichneten Position zu finden? Im Gegenteil. Viele der rührendsten Psalmen schildern die religiöse Sehnsucht "der Fernen nach Jerusalem; und wer weiß, ob nicht schon damals galt: je näher zu Nom, desto schlechter römisch. Und hat Daniel einen andern Sinn, als die Bekenntniskrast und das alles überwindende und zur Anerkennung zwingende Heldentum der Draußengebliebenen darzutun? Ist die Anklage Hamans von dem „versprengten und zerstreuten Volke" zugleich die des Buches? Die Antwort kann nicht zweifelhaft sein. Aber die Makkabäer waren doch patriotische Helden, die schon vor Jahrtausenden unfern Nationalismus siegreich durch-' setzten, und das Muskeljudentum repräsentierten! Wer sich von ihnen solche Vorstellung macht, für den existieren eben die Urkunden nicht. Warum hatte sich Judäa weder gegen Persien, noch gegen Aegypten oder Syrien ausgelehnt, bis auf Antiochus IV.? Weil seine Religionsübung unangetastet geblieben war. Wofür kämpften die echten Makkabäer? Das ersieht man aus 1. Buch der Makkabäer, Kap. 3, 48 ff.; für Tempel, Priestertum, Erstlinge, Nasirat, kurz für religiöse Institutionen. Allerdings blieb es nicht dabei; politischer Ehrgeiz, Trachten nach Souveränität, der Traum von einstiger Machtstellung beherrschten die Hasmonäer je länger, desto mehr. Aber zu gleicher Zeit verloren sie den Zusammenhang mit ihrem Volke. Gegensätzlichkeit, ja unversöhnliche Feindschaft traten ein, und es will viel sagen, wenn der Talmud schließlich behauptet: wer sich der Verwandtschaft mit den Hasmonäern rühmt, fchmäht seine Abkunft. Und dies, weil sie Judäa in die großen Welthändel gestürzt, und den schweren Katastrophen entgegengeführt haben. Auch der letzte Kampf, gegen Rom war über alle Maßen heldenmütig. Aber sind Johann von Giskala oder Simon bar Giora darum Nationalhelden? Nein, und abermals nein. Es braucht nie vergessen zu werden, daß ein Tacitus vom jüdischen Krieg zugeben mußte, noch keiner hätte solche Opfer an Menschen und Kriegsmaterial gekostet, daß er das Rasen Roms gegen Judäa mit den Worten begründete: augebat iras, quod soli Judaei non cessissent. Aber der Genius des Volkes dankte einem Jochanan ben Sakkai mehr für seine Friedensliebe und Selbsterhaltung, als jenen Kämpfern für ihre Tapferkeit und Selbstzerfleifchung,. In Akiba hauchte der reinste, glühendste, rührend kindliche Patriotismus des alten nationalen Judentums seinen letzten Seufzer aus. Aber um diesem Nationalismus doch etwas, und etwas Großes zu retten, wird heute (und merkwürdigerweise von verschiedener Seite her) Jesus nicht nur der Abstammung, sondern auch dem Geiste nach 'für uns reklamiert. Bestechender, berückender Gedanke. Er ist gewiß ein Sohn des Judenrums gewesen, und durch ihn haben die höchsten und beglückendsten Ideen des Judentums ihren Siegeszug> in die ganze Welt angetreten. Allein wenn man nun das auf ihn gegründete Christentum in Bausch und Bogen uns vindizieren und dabei dessen sorgfältig gepflegte Gegensätzlichkeit gegen alles Jüdische übersehen wollte, wo gelangte man damit hin! Uns muß es genügen, daß das gleichzeitige echte Judentum von einem Hillel repräsentiert ward, und dieser kam — o Ironie der Weltgeschichte — aus Babel! Dasselbe Babel aber ward 200 Jahre später auf volle 800 Jahre die Hochburg des Judentums, während die Juden des heiligen Landes, noch immer ein bedeutendes Bruchteil des Gesamtjudentums, die geistige Führerschaft weder damals, noch später je wiedererlangen konnten. Es würde natürlich zu weit führen, die ganze Entwicklung unter den beiden angedeuteten Gesichtspunkten durchzuführen.

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