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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-05-06 · Heft 19 (6.5.1904) · p. Seite 220

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 19 (6.5.1904)
Date
1904-05-06
Page
Seite 220 (sequence 4)
Language
German
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des Dondukowschen Vorschlages kam. Die Motive sind so bezeichnend, daß wir sie Herrn v. Plehwe zur eingehenden Beachtung empfehlen möchten. „Die Beschränkung der Rechte der Juden auf Erwerbung von Grundbesitz kommt einer Beschränkung des Rechts der christlichen Besitzer gleich, da diesen dadurch das Recht genommen wird, ihr Eigentum nach Belieben an den Meistbietenden verkaufen resp. verpachten zu dürfen. Das Gesetz sei auch vom politischen Standpunkte aus nicht ganz unbedenklich, weil dadurch die Unzufriedenheit der Juden gesteigert und "sie nur den Feinden der Regierung in die Arme getrieben würden." Der Zar war' von dieser Meinungsäußerung der Kommission wenig erbaut und befahl, das Projekt dem Ministerkomitee vorzulegen. Allein auch das Ministerium unter Vorsitz des Fürsten Lobanow- Rostowski konnte zu keinem andern Beschluß gelangen, und nur Herrn v. Plehwe war es Vorbehalten, das in das Privateigentum tief einschneidende Lieblingsgesetz der russischen Antisemiten zu verwirklichen, auf die Gefahr hin, daß „dadurch die Unzufriedenheit der Juden gesteigert, und sie nur den Feinden der Negierung in die Arme getrieben würden." ■ 4p ' Das von der englischen Regierung den Zionisten in Südafrika gemachte Anerbieten übertrisft bei weitem alle bisherigen Erwartungen. Im Gegensatz zu der Mitteilung des bekannten Asrikasorschers, Sir Harry Johnstone, wonach das den Juden angebotene Territorium 2 bis 300 Meilen von der Ugandabahn entfernt wäre, befindet sich dasselbe keine 5 Meilen von dieser Bahn. Auch der Umfang des Territoriums ist weit größer als allgemein erwartet wurde. Es handelt sich nach Mitteilung der Londoner BJewish. Chroniele“ itm ein eine Meile nördlich der Ugandabahn und 30 Stunden Bahnfahrt von der Küste gelegenes Territorium im Umfange von 5000 englischen Quadratmeilen 1 300 000 Hektar, auf denen reichlich 70 000 jüdische Familie:: Ackerbau treiben könnten. Das Land ist aus dem Nandiplateau gelegen, ist gut bewässert, reichlichmit Wald bewachsen und so fruchtbar, daß es nach den Angaben Sir Harry Johnstone zu den fruchtbarsten Gebieten in Ostasrika gezählt werden muß. Dies schöne Land, bemerkte der genannte Afrikakenner in dem Januarheft des zOeograplueal Journal" vom Jahre 1902, weift keinen einzigen unfreundlichen Flecken auf. Daneben ist es völlig unbewohnt, als erwarte es die Besiedelung durch eine nichtafrikanische Rasse, welche aus ihm ein zweites Wales machen soll. Dieses große brachliegende Land, direkt unter den Aequator, erstreckt sich 4000 Fuß über den Nyanzasee, und die englische Regierung hat in Aussicht gestellt, später der jüdischen Kolonie an diesem großen See einen Hafenplatz einzuräumen. Lim Erinnerung. Von Direktor I. Mayer in München. Unsere raschlebende Zeit hat sich daran gewöhnt, auch die furchtbarsten Greueltaten in kürzester Zeit zu vergessen. Es ist deshalb notwendig, daß man zur geeigneten Stunde all die begangenen Schändlichkeiten an sich vorüberziehen läßt, um sich seiner Solidarität als Mensch bewußt zu werden. . Es war in: Llpril vorigen Jahres, als die gesamte zivilisierte Welt über die furchtbaren Metzeleien in Aufregung geriet, die in Kischinew von aufgehetzten Pöbelrotten unter behördlicher Duldung gegen wehrlose Juden verübt worden sind. Es wurden bei der Schlächterei 47 Juden getötet, welche 35 Witwen und 123 Waisen hinterlässen haben, verwundet wurden 345 Personen. Zerstört wurden 700 Wohnhäuser mit 600 Geschäften. Auf dieser Schandtat folgte am 11. September eine zweite Metzelei in Hömel, hier wurden acht Juden getötet, 100 verwundet und 400 Familien ruiniert. Auch bei diesen Greueltaten stellte sich die Behörde auf die Seite der Exzedenten. Die russische Regierung hat die strengste Untersuchung der Exzesse in offiziösen Kundgebungen — versprochen. Der Verlauf der gerichtlichen Untersuchung und Verhandlung hat ergeben, daß den zuständigen Behörden an der Aufklärung des wahren Tatbestandes und an der Bestrafung der wahrhaft Schuldigen nichts liegt. Es ist ein öffentliches Geheimnis, daß die verurteilten Exzedenten nur die Werkzeuge gewesen, aber die Anstifter der Verbrechen, obwohl ihre Mitschuld an den Exzessen durch den Verlauf der Verhandlungen erwiesen wurde, konnten infolge des Widerstandes der Gerichtsbehörden nicht auf die Anklagebank gebracht werden. Der Wortführer der Verteidiger, welche als Vertreter der jüdischen Nebenkläger fungierten, Herr Rechtsanwalt Karabtschewski, motivierte die Niederlegung der Mandate damit, daß er im Verlaufe seines Plaidoyers rief: „Es gibt hier keine Gerechtigkeit, es ist kein Tempel der Themis!" Diese Tatsachen bringe ich heute in Erinnerung, weil ich soeben lese, daß Rußland gegenwärtig ein neues Anlehen aufnehmen will. Der charakterfeste und selbstbewußte Jude sollte jetzt zeigen, daß er für seine russischen Glaubensgenossen ein Solidaritätsgefühl besitzt, und wenn ihm dies abhanden gekommen sein sollte, mag er doch wenigstens von rein menschlichem Stand? punkte aus sich sagen: „Diesem Lande, in welchem Recht und Gerechtigkeit nur im Ansehen der Person und Konfession angewendet wird — keinen Groschen!" Hätte ein Kischinewer Jude auch nur dem Hund des Polizeidirektors ein Leid zugefügt, wie schnell wäre dieser Jude bestraft worden, aber was gilt in Rußland das Leben eines Juden! Es werden an den Börsen jährlich Millionen russischer Renten von Juden gehandelt, und welche Empfindung «muß der betr. Jude in sich fühlen, wenn er sich sagen muß, daß vielleicht mit seinem Gelde jene Beamten bezahlt werden, welche das Los der russischen Juden in so unerhörter Weise gestalten, wenn er sich sagen muß, daß er einem Staate Geld lleiht, der den Juden für „vogelfrei" erklärt. In den letzten Tagen' ist die Notiz durch die Presse gegangen, daß Minister Plehwe die längst versprochene Revision der russischen Judengesetzgebung nunmehr endgültig durchgesührt habe und daß dadurch eine ganze Reihe von Erleichterungen für unsere dortigen Glaubensgenossen eintreten werde. Der Zeitpunkt für diese Mitteilung ist diesmal in der Tat sehr schlecht gewählt. Es war eine Ironie des Zufalls, daß die betreffende Notiz in einem deutschen Blatte unmittelbar hinter der Mitteilung von der neuen russischen Anleihe im Betrage von 800 Millionen Franks gestanden hat. Es sollte einmal ein Staat es wagen, gegen katholische Untertanen so unmenschlich vorzugehen; wie schnell würde die ganze katholische Christenheit wie ein Mann sich solidarisch erklären und den Staat boykottieren. Aber einige unserer großen jüdischen Emmissionshäuser stehen nach und vor Kischinew allezeit bereit, wenn Rußland sie ruft zu einem neuen „Punch";. sie fühlen nicht, daß es entwürdigend ist, einem solchen Staate aufzühelfen, ihnen fehlt eben das solidarische Gefühl für ihre Glaubensgenossen, und wenn dieser Mahnruf dazu beitragen sollte, dieses Solidaritätsgesühl wenigstens bei einigen wachzurufen, so hat er seinen Zweck völlig erreicht.

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