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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-05-06 · Heft 19 (6.5.1904) · p. Seite 218

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 19 (6.5.1904)
Date
1904-05-06
Page
Seite 218 (sequence 2)
Language
German
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niedergelassen hätten. Das Gesetz geht also tatsächlich die Judenschast an, obwohl die englischen Gesetzgeber sowohl wie selbst diejenigen, die seit Jahren immer dringender dieses' Gesetz verlangt haben, sich mit größtem Nachdruck, und wir glauben mit voller Ausrichtigkeit, dagegen verwahrten, Antisemiten Zu sein. Der Fehler, der dabei gemacht wird, ist, daß man wegen einer Kirchturmsfrage, wegen eines vermeintlichen Uebels, über welches in einem einzigen Teile einer einzigen Stadt geklagt wird, ein Reichsgesetz gemacht, daß man mit Kanonen aus Spatzen geschossen hat, während man entweder die bereits bestehenden Wohnungs- und Fabrikgesetze mit größerer Strenge hätte aussühren oder nötigenfalls sie noch mehr hätte verschärfen sollen. Wir nannten das Uebel, welches das englische Parlament verleitet hat, ein so unenglisches Gesetz zu machen, ein „vermeintliches". Gewiß ist der Londoner Osten von Juden übervölkert. Aber wie von englischen Geistlichen, Lehrern, Behörden, durch die Statistik nachgewiesen worden ist, zeigen sich in diesem Londoner Ghetto nicht die gewöhnlichen schlimmen Begleiterscheinungen der Uebervölkerung. Der Gesundheitszustand ist besser als er früher war, jedenfalls weil die Juden fleißiger und nüchterner sind. Es ist ferner eine von der Polizei selbst anerkannte Tatsache, daß die Sicherheit dieser Stadtteile weit größer ist, seitdem die Juden zu Zehntausenden sich hier niedergelassen haben, als früher, da ein Fremder selbst am Hellen Tage nicht durch die Straße gehen konnte, ohne Gefahr beraubt oder gar ermordet zu werden. Wer Studiums halber oder sonst aus irgend einem Grunde früher in diese Gegend . geriet, dem bot sich der diensttuende Polizist am Hellen Mittag ganz von selbst als Begleiter an und ließ den Fremden nicht aus dem Auge, als bis dieser die gefährliche Gegend verlassen hatte. Das hat sich, gegen früher wesentlich gebessert. Wenn, wie behauptet wurde, die eingewanderten Juden, Arbeiter aus manchen Gewerben verdrängten, so haben sie dafür auch manche Industrien eingeführt oder ganz bedeutend gehoben. Gewiß auch arbeiten die armen, bedürfnislosen Juden, die froh sind, die freie Luft selbst eines übervölkerten Stadtteils im nebligen London atmen zu dürfen, für einen ganz geringen Lohn. Aber die echt englischen Näherinnen, die fünfzig Pfennig den Tag verdienen, taten es schon früher. Im Allgemeinen kann man auch den russischen Juden nicht nachfagen, daß sie ungern höhere Löhne nehmen. So wie sie sich ein wenig akklimatisiert haben, verlangen und nehmen sie mit Wonne mehr. Es wird aber in London wie in Newyork von den zuständigen Persönlichkeiten übereinstimmend berichtet, wie geradezu wunderbar schnell die Juden, namentlich auch die Jugend, sich akklimatisieren, und Sprache, Gewohnheiten, Denk- und Lebensweise des Landes annehmen. Wir wollen nicht näher eingehen auf die trefflichen Reden,; mit welchen Sir Charles Dilke, Asquith, Burns die Bill bekämpften. Stellte ja sogar der Minister des Innern den „ungewünfchten Fremden", d.h. den russischen, rumänischen re. Juden das Zeugnis aus, daß sie gut und nützlich seien. Was aber macht sie denn „nicht wünschenswert?" Die Verteidiger der Bill geben teilweise als Grund an, daß sie den Zustrom der konkurrierenden Juden eindämmen möchten, damit nicht der Antisemitismus auch in England sich einniste. Es fragt sich nur, ob man, indenr man, wenn auch widerwillig, Rücksicht auf den Antisemitismus nimmt, diesem nicht gerade den Weg öffnet. Wir glauben nicht, daß, wenn nicht schon: jahrelang von der Möglichkeit eines solchen Gesetzes die Rede' gewesen wäre, Vorkommnisse wie die in Limerick imJnselreiche denkbar gewesen wären. Hier hat ein katholischer Priester das Amt des ehemaligen Pastors Krösell übernommen, das Ritualmordmärchen aufgetischt und eine Boykottierung der Juden zustande gebracht. Wir kommen zu der Hauptfrage : Ist das Gesetz praktisch? Wird es seinen Zweck erfüllen? Darauf müssen wir antworten, daß es wahrscheinlich seinen Zweck nicht erfüllen, vielleicht sogar die Dinge noch verschlimmern wird. Rußlanddas gern eine Anzahl seiner Juden los werden will, wird eben gerade den allerminderwertigsten Juden, die es am liebsten los würde, gute Pässe geben, und der strengste Einwanderungskommissar wird diese Einwanderer nicht zurückweisen können, wenn sie nicht gerade mit einer ansteckenden Krankheit behaftet sind. Dagegen würden, wenn es auf die russischen Pässe ankommt, niemals Männer wie Herzen, Bakunin, Krapotkin, Zola, Louis Blanc, Karl Blind, Mazzini und tausend andere mehr nach England kommen und die englische Gastfreundschaft Preisen dürfen. Es ist unenglischer Geist in diesem Gesetze; es hätte niemals vorgeschlagen und angenommen werden können, wenn man nicht glaubte, die. Scham auch ein wenig ablegen zu dürfen, in der Meinung, eine durch den russischen Antisemitismus geschaffene Unbequemlichkeit los werden zu können. So hat doch wenn nicht englischer, so doch russischer und auch deutscher Antisemitismus dieses legislatorische Kuckucksei den Briten ins Nest gelegt. Schade um den Ruhm des freien Altengland. Aber es werden Juden nicht allein, sie vielleicht weniger als andere, die in England sich niederlassen wollen, durch das Gesetz zu leiden haben. «QSK Dir Wachr. Berlin, 3. Mai. ie Börse und die Presse — diese beiden Institutionen bilden seit jeher die wichtigsten Angriffspunkte unserer Gegner. So ist es kein Wunder, daß sie auch aus der Beratung der Börsengesetz-Novelle im Reichstage Kapital zu schlagen suchen. Der Zusammenhang der roten und der goldenen Internationale ist in diesem Falle ein beliebtes Stichwort, auf das hin von der rechten Seite programmmäßig immer Beifall folgt. So fehlte es auch nicht in der Rede des großen Parteidiplomaten Grafen Reventlow, der sogar der Regierung die schärfste Opposition und dem Reichstag Obstruktion androhte. Er wurde dafür vom Präsidenten zur Ordnung gerufen und vom Handelsminister energisch zurechtgewiesen. Man darf gespannt darauf sein, wieweit dieser antisemitische Mannesmut vor Königstronen noch gehen wird. Im bayrischen Landtag mußte diesmal die Presse wieder herhalten. Der bekannte Herr Anton Memminger hatte den Antrag auf Gründung eines bayrischen Staatsanzeigers gestellt. In der Debatte bemerkte der liberale Abgeordnete Sartorius zu der hierauf bezüglichen Petition der christlich-sozialen Bereinigung in. München, daß jeder sofort beim Durchlesen die Ueberzeugung gewinne, es handle sich hierbei nur darum, die religiöse Frage und die Judenfrage aufzurollen. Er gehöre nicht zur „Judenschutztruppe", fühle, aber keinen Anlaß, .ohne zwingenden Grund gegen diese Glaubensrichtung auszutreten. Wenn es sich um geschäftliche Auswüchse handelt, so kann man auf deren Beseitigung hinwirken, ohne Rücksicht darauf, ob Jude oder Christ. Diese Fragen sollen also ausgeschaltet bleiben. Abgeordneter Memminger behauptete in seinem Schlußworte, daß die meisten Münchener Zeitungen Judenblätter seien. Die Preßleute wären mehr oder weniger von

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