Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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8. Jahrgang, No. 19 Berlin, 6. Mai 1904. Allgemeine eitung des Judentums. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen'vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav rttarxeles. Begründet von Rabbtne» D*» Ludwig Phillppfon. VeilSM-LryeMM: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Perlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße <46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNosfe, ' Berlin» Dir engMchr Frrmdrnbill. Berlin, 4. Mai. an hat so oft vom „treulosen Albion" gesprochen. Man meinte dann immer, daß es anderen Ländern die Treue gebrochen. Daran hat man nie gedacht, daß England sich auch selbst untreu werden könnte. Das aber scheint es mit der vor einigen Tagen vom Unterhause in zweiter Lesung angenommenen Fremdenbill zu werden. Nicht nur mit der schönen Ueberlieferung, daß England allen aus Politischen oder kirchlichen Gründen Verfolgten Gastfreundschaft gewähre, daß es die Zuflucht bilde für alle, die mühselig und beladen, aber in dem freien Lande durch Fleiß und Tüchtigkeit nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft werden wollen, soll aufgeräumt werden, sondern auch seinem alten Freiheitsideal muß es untreu werden, welches nicht gestaltete, daß der Polizei irgend welche willkürliche Macht eingeräumt werde, daß sie eigenmächtig über das Schicksal von Menschen entscheide, oder auch nur um deren Privatangelegenheiten sich kümmere usw. Hat man es mit einer senilen Erscheinung zu tun? Man hat so lange schon von dem beginnenden Verfall Englands gesprochen. Zeigt sich dieser vorläufig am markantesten nicht etwa im Verlust von Kolonien, im Rückgang oder Stillstand des Handels und der Industrie, sondern auf geistigem und politischem Gebiete? Fast möchte man an ein Ermatten des einst so klaren und auf allen Gebieten so bedeutenden englischen Geistes, glauben, wenn man an die von einem Ehamberlain mit so großem Erfolge in Szene gesetzte Agitation gegen den Freihandel denkt und jetzt auch die Mutter aller Parlamente ein Gesetz schaffen sieht, das nicht nur unenglisch, sondern auch — unpraktisch, d. i. zwecklos, ja zweckwidrig ist. Nach dem hier in Rede stehenden Gesetze wird das Ministerium des Innern ermächtigt, beim Landen von den Schiffspassagieren Pässe zu -verlangen, in denen eingehende'Personalien und auch der beabsichtigte Wohnsitz angegeben sein müssen. Ferner soll die Polizei von Einwanderern verlangen dürfen, daß sie zwei Jahre lang die Behörden Mer ihren Aufenthaltsort und ihre Beschäftigung in Kenntnis erhalten. Ausländern soll das Landen überhaupt verboten werden können, wenn ihre Pässe nicht befriedigen und ihre Beschäftigungs¬ und .Lebensweise gegen gewisse Bedingungen verstößt. Es können am Landen verhindert werden: Verbrecher, Prostituierte und Zuhälter; Personen, die keine sichtbaren oder wahrscheinlichen Mittel für ihren Lebensunterhalt haben; Personen, die voraussichtlich den.Gemeinden zur Last fallen werden und Personen „von allbekannt schlechtem Rufe". Von den Eingewanderten, die sich zwei Jahre lang bei den Behörden zu melden haben, darf jeder ohne weiteres ausgewiesen werden, der von . einem Angeber als eine Person von allbekannt schlechtem Rufe denunziert oder der aus Gemeindemitteln erhalten werden muß. Den Ortsbehörden wird das Recht erteilt, Ausländern das Niederlassen in von Ausländern stark übervölkerten Stadtteilen zu verbieten. . Wir, die wir doch noch fortwährend mehr oder weniger bevormundet und beaufsichtigt werden, wir, denen noch das rhythmische „Mandelstamm und Silberfarb" in den Ohren klingt, wir können nicht so bald und so sehr erkennen, wie unenglisch diese Gesetzesvorschriften sind, als solche, die jahrelang in England gewohnt haben, ohne auch nur ein einziges Mal nach einem Paß, nach einem wer? woher? zu welchem .Zwecke? gefragt worden zu sein, ohne auch nur ein einziges Mal mit. irgend einer polizeilichen Behörde das geringste zu tun gehabt zu haben. Gewiß läßt sich gegen verschiedene Bestimmungen nichts oder wenig einwenden, obwohl England bisher ohne sie ausgekommen und.nicht schlecht dabei gefahren ist. Es wird nun behauptet, die Zunahme der Einwanderung und die Minderwertigkeit der meisten Einwanderer mache es nötig, daß die bisher offene Tür geschlossen werde. Aber wie steht es mit dieser Zunahme? Im Jahre 1902 sind im. ganzen in England 66 471 Personen eingewandert, dafür sind aber 205 662 ausgewandert. Die Zunahme der Einwanderer betrug nicht, wie erst behauptet worden war, 82 000, sondern, wie der Staatssekretär des Innern zugeben mußte, nur 8800. Und wenn England, wo jetzt noch auf 1000 Einwohner nicht ganz.7 Fremde kommen, über zu viele Fremde klagt, was sollen erst andere Länder sagen, wie Frankreich, die Schweiz rc.? In der Schweiz kommen auf 1000 Einwohner 95 Fremde. Vielleicht wird man in England bald wie in Frankreich die Einwanderung sogar begünstigen müssen; denn die Abnahme der Geburten in englischen Familien ist bereits beängstigend. In London allein werden wöchentlich 500 Kinder weniger geboren, als normal geboren werden müßten. In Wirklichkeit klagt man auch nicht so sehr über die Fremdenmenge in England, als vielmehr über die Fremdenmenge in London, speziell im Londoner Ostend und ganz besonders über die Menge der hier dicht beisammen wohnenden aus Rußland, Galizien und Rumänien ..eingewanderten Juden. Treiben wir keine Vogel Strauß- Politik und lassen wir uns kein X für ein U-machen. Es wäre den Engländern nie eingefallen, ein Gesetz wie das in Rede stehende zu erlassen, wenn nicht so viele aus den genannten Ländern geflüchtete Juden nach England gekommen wären und sich zum weitaus größten Teil im Londoner Osten