Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 18 (29.4.1904)
- Date
- 1904-04-29
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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*= Hombttrg1v. d. 26. April. Der Israelitische Holzverein (gegründet 4818) und Verein zur Ausstattung israelitischer Mädchen bezw. Ausbildung für einen Lebensberuf, Be grünöung eines Geschäfts oder einer Häuslichkeit (gegründet 1886 von.^Louis Lehmann s. A.) haben auch in diesem Jahre ihre Aufgaben nach-besten Kräften, zu lösen versucht. Aus den Mitteln des Holzvereiys sind in dem Berichtsjahre ca. 360 Zentner Nußkohlen für 11 hiesige Reflektanten und 105 Zentner Kohlen, 3 Klafter Brennholz für auswärtige Arme beschafft worden.. Man verausgabte hierfür — einschließlich 39,20 Mark Verwaltungskosten 810,37 Mark. Der Mädchenausstattungsverein hatte im verflossenen Jahre auf: Anforderung eine Mitgift von 3500 Mark zur Verfügung gestellt. Die Erhebung hat nicht stattgefunden und ' der Verein ist . somit -in der Lage, vorkommenden Falles gleichzeitig zwei Mädchen ausstenern zu können. Der erstere Verein hatte 3493,41 Mark Einnahmen, und 810,37 Mark Ausgaben, ein Vermögen von 12 634,19 Mark. Der zweitgenannte Verein hatte an Einnahmen 2432,19 Mark, an Vermögen 27 858,71 Mark. ' . —t. MÄnchett/ 24. April. Die „Augsburger. Abendztg." bringt folgende Notiz: „Die III. Strafkammer des Landgerichts München I hat in der bekannten Angelegenheit der O ft errie berschen Post karte (Simon von Trient von Juden gemordet) am 5. d. M. Beschluß dahin gefaßt, daß Sebast. und Xaver Osterrieder bezüglich der Anklage eines Vergehens wider die Religion unter Ueberbürdung der Kosten des Verfahrens auf die Staatskasse außer Verfolgung zu setzen sind, daß dagegen der Beschluß des Amtsgerichts betr. Beschlagnahme des zu der Postkarte gehörenden Prospektes aufrecht zu erhalten sei." Bekanntermaßen wurden große Teile der österreichischen Monarchie vor mehreren Monaten mit einem von einem gewissen Osterrieder Unterzeichneten und in München gedrucktem Prospekte überschwemmt, auf welchem eine alte Darstellung der. angeblichen Ermordung des Knaben Simon von Trient durch die Juden, abgebildet war. In dem Prospekte, der die in Postkartenform enthaltene Darstellung begleitete, war gesagt, daß die Darstellung ein Beweis des jüdischen Ritualmordes sei. - Das königliche Amtsgericht München I. Abteilung für Strafsachen, hat die Beschlagnahme der Postkarte und des Prospektes wegen Zuwiderhandlung gegen § 166 des Reichsstrafgesetzbuches beschlossen, und die gegen das Amtsgericht eingelegte Beschwerde ist durch Beschluß der Strafkammer des königlichen Landgerichts München I als unbegründet verworfen worden. Wie seinerzeit in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" eingehend berichtet, erhoben wegen dieser Beschlagnahme Zentrumsabgeordnete im Finanzausschuß der bayerischen Kammer ver Abgeordneten mufangreiche Rekriminationen insbesondere gegen, die Staatsanwaltschaft, wiewohl Gerichtsbeschlüsse Vorlagen und ein Eingreifen der Justizverwaltung in die Tätigkeit der urteilenden Gerichte verfassungsmäßig ausgeschlossen ist. Dabei war das Auffällige, daß der vom Zentrum angegriffene Strafkammerbeschluß von demselben jetzigen Zentrumsabgeordneten Walter mitunterschrieben war, der später wegen seiner Mitwirkung bei. dem Beschlagnahmebeschlusse wegen des jetzt freigegebenen bekannten Zentrumsartikels des „Simplizissimus" von den Gegnern des Zentrums vielfach in einer ebenso unsachlichen Weise angegriffen wurde, als dies die Zentrumsangriffe im Falle der sogenannten Ri tuälmördskarte waren. In der eingeleiteten Untersuchung stellte sich heraus, daß der Herausgeber der Karte, dessen Unterschrift der Prospekt trug, von diesem gar nichts wußte, w,ährend vielmehr sein Bruder den Namen auf den Prospekt gesetzt hatte: Der jetzige, das Verfahren zum Abschlüsse bringende landgerichtliche Beschluß hat demnach die Karte als solche wohl wegen des Alters der reproduzierten Darstellung sreigegeben, ist jedoch der Verbreitung der Behauptung des 'sogenannten Ritualmordes im Anschlüsse an die reichsgerichtliche Rechtssprechung zu dem. bekannten Berliner-Falle durch Aufrechterhaltung der Beschlagnahme, bezw. Einziehung des Prospektes beigetreten. s. München, 18. April. Der Verein jüdischer Studenten begann am 29. Oktober des vergangenen Jahres mit der'Antrittskneipe sein VIII. Vereinssemester. Zu Chargierten waren gewählt: allem. Weigert *, phil. Wolff **, im. Manneberg ***. Das vergangene Semester bedeutet nach innen und außen eine Kräftigung des Vereins jüdischer Studenten in jeder -Beziehung. Seine Beteiligung an allen jüdischen Veranstaltungen Münchens (Literaturverein, Turnverein, Verein für jüdische Statistik, Zionistische Ortsgruppe rc.) war eine äußerst rege. Es wurden folgende Vorträge gehalten: 29. X. 1903, Dr. Lessing, Per Halbstumm Acsareth. 7. XI. 1903, Bl. Mayer, Die Stellung des jüdischen Studenten zur Judenfrage. 12. XI. 1903, Bb. Manneberg, Beiträge zum . Problem der jüdischen Kultur. 21. XI. 1903, Dr. Arndt, Die jüdische Turnbewegung. 28. XI. 1903, tsnä. jnr. Hans Fischl (llnitas-Wien), Die Judenfrage an der Wiener Universität. 12. XII.. 1903, B. Asch, Rasse und Nation. 14.1.1904, B. Wolff, Die Grundlagen des Judentums. 23. I. 1904. B. Manneberg, Beiträge zum Problem der jüdischen Kultur, II. Teil. 30. I. 1904, B. Aschner, Spinoza. 4. II. 1904, B. Pinkus, Morris Rosenfeld. 11. II. 1904, Rabbiner Dr. Ehrentreu, Altjüdische Baudenkmäler. 18. II. 1904, Dr. Feuchtwanger, Wesen und Aufgaben der shnagogalen Musik. . 27. II. 1904, A. H. Dr. Kahn, Die Stellung des deutschen Staates zu den Religionsgesellschaften. r. Fürth, 15. April. Kommerzienrat Simon Fränkel ist am 12. d. M. hier im 68. Lebensjahre gestorben. Derselbe stand hier im hohen Ansehen. Für Arme und Bedrückte hatte er stets eine hilfsbereite, offene Hand. Am öffentlichen Leben nahm er regen Anteil. Die Beerdigung dieses Ehrenmanns gestaltete sich zu einer imposanten Trauerkundgebung. Was der Verewigte für seine Angehörigen, für seine Freunde, für die jüdische Gemeinde, und besonders für die Armen der Stadt gewesen, würdigte Rabbiner Dr. Neubürger in seiner Trauerrede. Auch der politischen Tätigkeit des Verstorbenen wurde hierin gedacht und hierbei seine Ueberzengungstreue, seine Vaterlandsliebe, sein idealer Sinn für Moral und Recht hervorgehoben.. Kränze an der Bahre wurden niedergelegt seitens der israelitischen . Realschule, die in ihm ihren wärmsten Förderer verlören, durch Herrn Eisenbeiß namens des hiesigen Vereins der Deutschfreisinnigen Partei und des Landesausschusses der Deutschsreisinnigen Partei, die in dem Entschlafenen ihren langjährigen, bewährten Führer verliert. Er würdigte die hervorragenden Geisteseigenschaften des Verstorbenen in kurzer Rede und schloß mit dem Dichterwort: „Nehmtalles in allem: Er war ein Mann!" Ferner kämen Kränze des Vvlksküchenvereins, dessen Kassierer der Verstorbene war, der Verwaltung des Wanderunterstützungsvereins, der Kriegergenossenschaft, vom Zeidlerverein, von der Feuerwehr Fürth, vom Ornithologischen Verein, vom Arbeiterverein Schulze-Delitzsch. Im Kondukt waren auch der Turnverein und die Sängergenossenschaft vertreten. Die Kränze werden der? welken, dauernd aber, wird das Angedenken sein, das sich der Verstorbene in der Bürgerschaft durch seine Mildtätigkeit, sein schlichtes. Wesen und seinen lauteren Charakter gesichert hat. — Zweibrülkert, 25. April. . In der wiederholt besprochenen Angelegenheit des hiesigen Rabbinats hat nach dem „Merkur" aus eine neuerliche Vorstellung der israelitischen Kultusgemeinde Zweibrücken das königliche Kultusministerium und zwar zufolge seiner Entschließung vom 17. Januar 1904 erkannt, daß in eine Würdigung der einschlägigen Verhältnisse einzutreten sei. Die königliche Regierung hat deshalb über die -Sachlage zu befinden und die En tscheidung des Oberlandesgerichts ist bis dahin zurückgestellt. Im Verlaufe der durchgeführten Klagesachen hat sich aber auch ergeben, daß die Anstellung des -derzeitigen Rabbiners in ungesetzlicher Weise erfolgt ist, indem seine Wahl nicht, wie vorgeschrieben, durch die steuerpflichtigen' Mitglieder der einzelnen Gemeinden, sondern nur durch die Vorstände dieser Gemeinde vorgenommen rchrrde. Die hiesige Kultusgemeinde hat deshalb auch den Antrag auf Aufhebung der. Wahl und Zurücknahme der Bestätigung bei der königlichen Regierung eingebracht, welche hierüber gleichfalls zu befinden, hat. Die leidige Angelegenheit, welche schon seit der im Jahre 1899 erfolgten definitiven.Anstellung des derzeitigen Rabbiners spielt, wird damit in Bälde auf die eine oder andere Weise ihre Erledigung finden. Gesterrelch-Mligarn. .. □ Wien, 2g. April. Eine sehr amüsant« Szene, die für unsere Verhältnisse höchst charakteristisch ist, spielte sich dieser Tage vor einem hiesigen Gerichte ab. Der bekannte Antisemit Ernst Bergani lehnte den Vorsitzenden „wegen Befangenheit aus Rassegründen"' ab. Derselbe, eiu. Dr. Beisser, sei nämlich Jude, Vergani aber als Herausgeber des „Deutschen. Volksblatt" der pronozierteste Vertreter des Rassenantisenlitismus, und überdies habe er anläßlich der Beförderung