Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 18 (29.4.1904)
- Date
- 1904-04-29
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 des Oberlandesgerichtsrate's Dr. Beisser in seinem Blatte diesdn unter der Arrfschrift „Kleines Wirtschaft im Justizministerium". angegriffen. Der Beschluß des Handelsgerichtes lautete: „Der Ablehnungsantrag wird 'zurückgewiesen. Wenn auch der Beklagte ein prononzierter Vertreter des Rasseantisemitismus ist, so ist auch der Kläger (Wilhelm Ph. Hauck), wie der Klage zu entnehmen ist, Parteifreund und Gesinnungsgenosse des Geklagten und es liegt daher gar kein Grund zur Annahme vor, das; Dr. Beisser, der sich übrigens seit Jahren zur katholischen Religion bekennt, die vorliegende Rechtssache nicht mit voller Unbefangenheit entscheiden sollte." Kürzlich versuchte sogar einmal in dem Ehebruchsprozeß eines antisemitischen Zeitungsherausgebers der bekannte Dr. Pattai mit dem gleichen Erfolg einen jüdischen Richter abzulehnen — gleichfalls vergeblich. — Aus Czernowitz wird berichtet: Unlängst kam es aus dem hiesigen Ringplatze zu einem heftigen Zusammenstöße zwischen den hiesigen deutschnationalen und jüdischen Studenten. Die anwesenden wenigen Polizisten erwiesen sich machtlos und unter ihren Augen dauerten die Prügeleien nahezu drei Stunden. Auf dein Ringplatze wurden die Geschäftsläden vorzeitig gesperrt und die Haustore geschlossen. Erst als die Polizei größeren Sukkurs erhalten hatte, gelang es, die streitenden Stndentengruppen zu trennen. Bei dem Zusammenstöße haben mehrere Studenten Verletzungen erlitten. Die Polizisten verhafteten einige Studenten, die dem Polizeibureau überstellt wurden; nach Abgabe ihrer Legitimation wurden sie aber wieder freigelassen. Schweden. 6. R. Gothenbirrg, 25. April. Anläßlich des Heimganges des emer. Rabbiners Dr. Moritz Wolfs wird uns noch folgendes mitgeteilt: Bei der am 10. April stattgefundenen Generalversammlung der Gemeinde Gothenburg wurde der Beschluß gefaßt, zum Zeichen der Liebe und der Hochachtung, die der Verstorbene in seiner Gemeinde genossen, aus Gemeindekosten ihm einen Grabstein zu setzen. Bei dieser Gelegenheit gab der Vorsitzende der Gemeinde, Herr Hermann Hartwig, mit folgenden Worten der Trauer der Gemeinde Ausdruck: „Schon früher einmal wurden in diesem Raume im Zusammenhänge mit dem Namen Dr. M. Wolff Worte des Bedauerns' laut. Es war dies im Jahre 1899 zur Zeit, da derselbe von seinem Amte als Rabbiner unserer Gemeinde zurücktrat, welches Amt er unter einer langen Reihe vor Jahren in einer Weise verwaltet hatte, die über jeden Ruhm erhaben ist. Aber jetzt ist unsere Trauer größer. Dr. Wolff hat uns für immer verlassen, und nur sein An-' denken ist uns geblieben. Aber welch ein Andenken! Das Andenken an ein Leben, das ausschließlich der Arbeit im Dienste der Aufklärung, der Arbeit für alles Gute ünb Edle gewidmet war. Das Andenken an einen Mann, der erhaben über jede Kleinlichkeit friedsam seinen Weg gewandelt ist, der jedoch auch nicht gezaudert, mit Kraft und Ausdauer zu kämpfen für das, was er als wahr und gerecht erkannt. Geblieben ist uns schließlich das Andenken an die innige Liebe, an die warme Teilnahme, die der Verklärte für unsere Gemeinde und alle ihre Mitglieder gehegt, und die auch uns mit der. größten Liebe und Ehrfnrcht zu dem edlen Patriarchen aufblicken ließen." Auf Beschluß der Generalversammlung wurden diese herzlichen Worte des ersten Vorstehers dem Tagesprotokoll einverleibt. Amerika. R. Newyork, im April. Dr. Abraham B. Arnold, einsehr angesehener Arzt und medizinischer Schriftsteller, starb am 28. v. M. in San Francisco. Er war 1819 in Jebenhausen, Württemberg, geboren und kam als Knabe mit seinen Eltern nach Amerika. Seit 1849 praktizierte er als Arzt in Baltimore, wo er auch in medizinischem Colleges als Professor über Nervenkrankheiten dozierte. Arnold war! auch in jüdischen Angelegenheiten tätig; er war einer der Mit-.? begründer der ersten Reformgemeinde in Baltimore und bis in seine? letzten Jahre ein eifriger Mitarbeiter an jüdischen Zeitschriften, be-> sonders an dem „Jewish Comment" (Baltimore) und den; „Reform' Advocate" (Chicago). Vor einigen Jahren zog er sich von der: Praxis zurück und lebte bei seinen Kindern in San Francisco. —? Der Deputierte Francis Burton Harri son hielt im Repräsentantenhaus eine scharfe Rede über die beleidigende Behandlung,! welche amerikanische Bürger in Rußland zuteil wird, wenn sie! jüdischen Glaubens sind. Er forderte Abhilfe vom Departement des^ Auswärtigen. Das ganze Haus spendete ihm Beifall. (Siehe Woche!)-) Von Sah und-Fern. — Am 22. d. M. ist hier der Oberlehrer dos Andreas-Realgymnasiums Dr. Berthold Lasch im 42. Lebensjahre gestorben. In den; Nachruf des Lehrerkollegiums heißt es: Die Anstalt verliert in ihm einen Lehrer von vielseitiger Bildung und von reicher wissenschaftlicher Befähigung. Die: Schüler verstand er durch sein mildes Wesen und sein liebevolles Eingehen ans ihre Eigenart zu freiwilligem Gehorsam zu führen." — Graf Pückler-Klein-Tschirne wird wohl für einige Tage davon abfehen müssen, hier in Berlin Hetzreden zu halten. Er wurde am 22. d. M. hier in einem Hotel, Unter den Linden, verhaftet — doch nicht wegen seiner aufreizenden Reden, die kein vernünftiger Mensch ernst nimmt, sondern weil er sich zum. dritten Male geweigert hatte, vor dem Amtsgericht in Glogau zu erscheinen. Er hatte sich dort wegen Beleidigung des Stationsvorstehers in Klein-Tschirne zu verantworten. — In F i lehne wurde am 25. d. M. die vom Magistrat der Stadt gestiftete Gedenktafel an dem Geburtshause des fel. Professor Lazarus feierlich enthüllt. — Der Erfinder des Schwimm- Lehr- und Rettungsapparats „Flotte", der Weltmeisterschaftsschwimmer Leo Ledermann in Breslau, hat von Seiten des kaiserlichrussischen Marineamts die telegraphische Aufforderung erhalten, sich sofort nach Petersburg zu begeben und seinen Apparat dort persönlich vorzuführen. — Die Schriftstellerin Friederike Kempner hat der Stadt Breslau letztwillig den Betrag von 30 000 Mark zum. Bau eines Leichenhauses auf einem dortigen Friedhofe vermacht. Die Stadtverordnetenversammlung hat indessen aus Antrag des Magistrats die Ablehnung der Kempner'schen Zuwendung beschlossen, und der Magistrat beantragt auch jetzt, nach der am 27. Februar er. erfolgten Eröffnung der testamentarischen Verfügungen, den gleichen Beschluß, da derselbe nicht für das von der Erblasserin gewünschte fünftägige Liegen der Leichen bis zur Bestattung eintreten kann. — An Stelle des nach 31 jähriger ununterbrochener Wirksamkeit pensionierten. Gemeinde-Sekretärs Inspektor Bergmann, ist Herr Lehrer Adolf Levi unter Belastung in seiner Lehrerfunktion als Sekretär der israelitischen. Gemein de Dresden gewählt worden. — Anläßlich seiner Pensionierung erhielt der Oberpostschaffner Neunrann Wolff in Hamburg das Allgemeine Ehrenzeichen. Er hat 32 Jahre hindurch im Postdienst gestanden und ist ein Veteran der Kriegsjahre von 1866 und 1870. — In Hamburg feierte der Stadtrabbiner I. M. Cohn sein 70jähriges Amtsjubiläum. Er ist einer der ältesten Einwohner Altonas; trotzdem er gegenwärtig irn 96. Jahre steht, erfreut er sich einer besonderen körperlichen und geistigen Frische. Er weiß noch bis in die kleinsten Details Erlebnisse aus seiner frühesten Jugend, insbesondere, auch der Zeit der Belagerung Hamburgs durch die Franzosen und der Befreiung der Stadt von der Fremdherrschaft. — Bei der Wahl eines bürgerlichen Magistratsrats in Nürnberg (an Stelle des verstorbenen Hellmuth) wurde der Kaufmann Karl Heim mit47 von 50 Stimmen gewählt. — Der König von Italien hat dem Präsidenten der französischen RepublikLoübetnls militärischen Adjutanten während seiner italienischen Reise den General Ottolenghi beigegeben. — Der Maler Eduard Frankfort hat bei der Ausstellung in Amsterdam für sein Bild: Drei alte jüdische Gelehrte disputieren über den Talmud, die große goldene Staatsmedaille erhalten. — Der Sohn des ehemaligen Hauptmanns Alfred Dreyfus, Pierre mit Vornamen, hat am vergangenen Sabbat in der Synagoge der Rue de la Victoire in Paris seine Barmizwah gefeiert. — In Petersburg fand am 15. d. M. in der großen Synagoge ein Trauergottesdienst für den gefallenen Chesadmiral der russischen Flotte, Makarow, statt, dem eine große Menschenmenge ans allen Klassen und Ständen der jüdischen Bevölkerung beigewohnt hat. —- Der Stadthauptmann von Nikolajew hat den Juden untersagt, telegraphische Nachrichten und andere Extraausgaben der Blätter über die Vorgänge in Ostasien seilbieten zu dürfen. Als Kolporteure dürfen nur Christen fungieren. — Der Direktor der Handelsakademie von Belostock hat eine Schülerexkursion nach Petersburg und Warschau organisieren wollen,, mußte jedoch, wie die „Nowosti" melden, diese Route ändern, weil ihm von Petersburg aus bedeutet wurde, daß die jüdischen Schüler zum Aufenthalte in Petersburg nicht zngelassen würden!