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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-04-29 · Heft 18 (29.4.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 18 (29.4.1904)
Date
1904-04-29
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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68. Jahrgang. »..11. Der Oemetndebote. »-..--.u»»»... Vellage zur „Allgemeinen Leitung deK Audentum^" korrklpondrn?m und Nachrichten. Oeutschland. Berlin, 25. April. Der Verein „Freunde der Taubstummen" hielt gestern seine diesjährige ordentliche Generalversammlung ab. Der Vorsitzende, Geheimrat Dr. Boas, begrüßte die zahlreich erschienenen Mitglieder und widmete dem kürzlich verstorbenen Vorstandsmitglied Ferd. Landsberger in Breslau einen warmempsundenen Nachruf. Hierauf erstattete der Leiter der Taubstummenanstalt, Direktor M. Reich, den Verwaltungsbericht. Der Verein zählte am Jahresschluß 3137 Mitglieder, davon 1121 in Berlin. Die immerwährende Mitgliedschaft wurde in acht Fällen erworben. Im abgelaufenen Geschäftsjahr wurden 45 Zöglinge, 24 Knaben und 21 Mädchen vom.Direktor, drei Lehrern, einer Lehrerin und einer Erzieherin in vier aufsteigenden Klassen mit je zwei Abteilungen unterrichtet. Entlassen wurden vier Knaben und ein Mädchen und aufs neue vier Knaben und ein Mädchen ausgenommen. Während des Berichtsjahres istkein ernster Krankheitsfall vorgekommen. Dank der Hochherzigkeit einer Dame und der Herren Direktor Ludwig Ginsberg und Joseph Fränkel besitzt die Anstalt jetzt auch eine Brausebadeinrichtung, die von den Zöglingen als eine ganz besondere Wohltat empfunden wird. Die Hauptaufgabe des Vereins muß bleiben, dafür zu sorgen, daß möglichst alle jüdischen taubstummen Kinder, deren Zahl im deutschen Reiche sich auf etwa 120 beläuft, .der Wohltaten der Anstalt teilhaftig werden, damit sie gerüstet für den Lebenskampf dastehen können. Damit schließt der mit, Beifall aufgenommene Bericht. Dann verlas der Schatzmeister Willibald Löwenthal den Kassenbericht, worauf die Revisoren die Erteilung der Decharge beantragten, die auch einstimmig erfolgte. Nachdem der Voranschlag des Etats für 1904 mit 33750 Mark die Genehmigung der Versammlung erhielt, wurde an Stelle des verstorbenen Ferdinand Landsberger in Breslau Herr Louis Löwenthal dortselbst neu und die in diesem Jahre turnusmäßig ausscheidenden M. Äpelt-Halle, Ludwig Gumpertz-Berlin, Kommerzienrat Kirchdörfer-München, Pros. Rabbiner Dr. Mahbaum und Joseph Fränkel-Berlin, sowie die Revisoren Oskar Berlin, Heinrich Fränkel und Oskar Rathenau per Akklamation wiedergewählt. Auf ausdrücklichen Wunsch des Vorstandesmachen wir darauf aufmerksam, daß etwaige Neuanmeldungen um Ausnahme von Zöglingen bis spätestens zum 1. Oktober an Direktor M. Reich in Weißensee bei Berlin, Pankstraße 18 zu richten sind. 8. Berlin, 22. April. Just zur Zeit, wo in den Häusern der materiell Bessergestellten bereits das Ziel der Sommerreise beraten wird, stellt sich das Komitee der Ferienkolonien für jüdische Kinder, an dessen Spitze Herr Adolph Mayer seit einer Reihe von Jahren in unermüdlicher Tätigkeit steht, mit seinem 19. Jahresbericht ein und mahnt in eindringlichen Worten, der beständig wachsenden Not und dein stetig sich steigernden Elend in den niederen Schichten, unserer Gla ubens genossen unsere Aufmerksamkeit und unsere Sorge zuzüwenden. Die glänzenden Erfolge, welche mit den Ferienkolonien erzielt worden sind, haben zur Genüge dargetan, daß diese einen Wichtigen sozialen Faktor bedeuten, sie haben bewiesen, wie durch diese Kolonien Krankheit, wirtschaftliches und sittliches Elend gelindert wird, und doch haben diese wahrhaft humanitären Bestrebungen noch immer nicht die verdiente. Verbreitung gesunden, hat sich das gedeihliche Wirken des Vereins noch bei weitem nicht in dem Umfange entwickeln können, wie dies die Fürsorge für die unteren Volksschichten unbedingt erfordert hätte. Der liebevollen Teilnahme weiter Kreise wird und muß es gelingen, diesem Werke humaner Menschenliebe immer mehr Gönner und Freunde zuzusühren und so in immer größeren Schichten unserer Glaubensgenossen Not und Jammer lindern zu helfen! Im Jahre 1903 konnte 354 armen Kindern die Wohltat eines vierwöchentlichen Sommeraufenthalts gewährt werden in der Solbad-Kolonie Bad Elmen (60 Mädchen, 30 Knaben), in der Seebad-Kolonie Misdroy (60 Mädchen), in der Waldkolonie Schreckshaide bei Züllichau (30 Knaben) und in dem von hochherzigen Familien gewährten Freistellen (99 Knaben, 73 Mädchen). In Misdroy ist noch kein passendes Grundstück zur Errichtung eines eigenen Heims, für das bereits 10 000 Mark seitens der Berliner Logen U. O. B. B. bereits gestellt sind, gefunden worden. Dagegen geht das Bestreben des Vereins, im Solbad Elmen ein Erholungs- und^. Genesungsheim für arme jüdische Kinder zu errichten, seiner Verwirklichung entgegen. Ein Vorstandsmitglied des Kinder-Sparvereins, gleichzeitig ein Mitglied der Deutschen Reichslo ge U. O. B. B. hat auf Grund der in Elmen erzielten glänzenden Erfolge 100 000 Mark zur Errichtung eines Heims zur Verfügung gestellt. Beabsichtigt ist die Erbauung eines nach den. neuesten Erfahrungen eingerichteten Heims, die Errichtung eines Vereins, dem Haus und Kapital übergeben wird. Der Kinder-Sparverein hat beschlossen, bis dahin den Betrieb des jetzigen Genesungsheims (Eugen und Amalie Rosenstiel- Stiftung) sortzusetzen und seine Gefamteinnahme zu diesem Zweck fernerhin zu verwenden. Das Komitee für die Ferienkolonien hat die. im Berichtsjahre erzielten Einnahmen von 13 964,30 Mark bestimmungsgemäß., voll aufgebracht; seit seiner Begründung hat es bisher 4553 jüdische Kinder versendet und 135 527,85 Mark hierfür verausgabt. s. Berlin, 23. April. Im Verein „Eintracht" hielt Dr. Fritz Rothenberg, Badearzt in. Bad Salzbrunn, einen Vortrag über Badeleben und Badewesen früherer Zeit. Der Vortragende gab einen Ueberblicküber die Entwicklung des Badewesens von den ältesten Zeiten an. Er verweilte besonders bei den Juden; er erwähnte, wie das jüdische.Volk schon früh den Wert des Wassers erkannte — wie den Talmudisten Reinlichkeit und Körperpflege als nötig zum Leben dünkte „Das Leben der Feldhüttenbewohner und Wüstenbewohner ist kein Leben — warum, weil sie keine Badestuben haben" (Tr. Erubin 55). Zu einer Zeit in der der Gebrauch der Bäder abnahm, war das Judenbad oft die einzige Badeanstalt in kleineren Städten. Schon in alttestamentlicher Zeit gebrauchten die Hebräer warme Schwefelquellen in der Nähe des Sees Liberias wie nahe Gadara. Viele Kranke suchten Heilung, am Teiche Bethesda. In talmudischer Zeit kamen auch Schwitzbäder in Gebrauch. Er ging dann - zu den Griechen und Römern über und gab eine fesselnde Schilderung römischer Badeorte. — Besonders interessierten einige Reiseberichte aus dem Mittelalter, aus denen man eine genaue Vorstellung von der Schwierigkeit damaliger Reisen und dem ungefähren Kostenaufwand eines damaligen Badeaufenthalts gewann. Zur Neuzeit übergehend, behandelte der Vortragende besonders eingehend die Entwicklung der Seebäder und Mineralbäder. s. Berlin, 22. April. Der Redakteur der „Deutschen Hochwacht", Hübbe, stand in dieser Woche vor dem Amtsgericht I unter der Anklage wegen groben Unfugs, der in folgender Aeußerung der letzten Weihnächtsbeilage des genannten. Blattes begründet war: „Verstucht sei jedes Stück, und Unheil bringe es dem.Hause, jedes Stück unter dem .Christbaume, das bei Juden gekauft ist." - Die Anzeige in dieser Sache hatte der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" erstattet. - Der Angeklagte Hübbe erklärte, „der grobe. Unfug sei eher darin zu finden, daß außer der polizeilichen Zensurbehörde sich noch eine jüdische Oberinstanz anmaße, dem Staatsanwalt unterdie Arme zu greifen und die Gerichte mit Arbeit, zu überhäufen. Es sei keine Rede davon, daß eine Beunruhigung des Publikums vorliege; denn soweit seien wir doch noch nicht, daß ein paar Beamte des Denunziantenvereins, dip sich auf Kommando „beunruhigt" zu fühlen hätten, das „Publikum" bedeuten!" Im übrigen sei nur dem von Juden stammenden „Stück" unter dem Christbaume geflucht worden, keiner irgendwie legitimierten Person. Der Gerichshof sprach den Angeklagten Hübbe frei. Die Gründe für diese Freisprechung waren aber wohl andere, als die antisemitischen Blätter mitteilen, die den Gerichshof geradezu

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