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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-04-29 · Heft 18 (29.4.1904) · p. Seite 216

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 18 (29.4.1904)
Date
1904-04-29
Page
Seite 216 (sequence 12)
Language
German
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Der Lärm draußen wurde etwas^ intensiver. Die Laden--* tür unten war geöffnet worden. Im nächsten Moment ertöntes die Klingel. „Geht schon los," murmelte Frau Berliner, den Mund^ voller Kartoffeln. „Sitz still, Mama," meinte das Mädchen, und zur Treppe eilend, ries sie Hinunter: . „Wer ist dort, bitte?" „Ein Hammel-" kam eine griesgrämige Antwort. „Ein Hammel ist unten, Mama," rief das junge Mädchen belustigt „Das ist Braunschild," meinte die Mutter ruhig. „Sag, er möchte einen Moment warten." . Die Glocke ging jetzt alle zwei Minuten, der Laden füllte sich mit Männern und Weibern, die alle Schlachtzettel wollten^ Laut diskutierten sie die Tagesereignisse. „Haben Sie sich auch Gas einziehen lassen, Frau Jodelsohn?" hörte man deutlich eine heisere Weiberstimme. „Kochhannchen," erläuterte Frau Berliner oben. „Nu gewiß," kam die Antwort. „Ein Kibbet, was? Keil: Dreck, kein Staub — ein Dreh — ein Piff — brennts." „Ja, ä Gewure die Menschen jetzt haben," meinte eine andere Stimme, „bald wird man nur brauche!: das Gas ankieken, wirds schon allein brennen." Oben amüsierte man sich köstlich. Die Unterhaltung unteü wurde allgemein. „Wo bleibt nur die Berlinern heut wieder?" „Sie Hat-Besuch bekommen, ein Neffe aus Berlin," meinte ein Wissender. . ■ „©o-o?l" aus vielen Kehlen, „was ist er?" „Maler." Einen Moment herrschte Stille. Dann meinte Frau j Jodelsohn: ' | „Hm, — eine mieße Parnoße. Jetzt Maler — wo alles! schon tapezieren läßt, und wie tapezieren! De Rehbergen ihre j gute Stube sollen sie sehen — ä Pracht!" | „Ae Wunder" — es war unverkennbar Kochhannchens! Stinnne — „die hat sie gewiß in Berlin tapezieren' lassen, die > läßt doch alles dort machen." j Plötzlich ertönten schwere Männertritte auf der Treppe;! es kam jemand nach oben, Frau Berlinern sprang auf.! „Wer kommt dort?" rief sie.! „Ein ausgewachsenes Rind, Frau Berlinern," kam die j Antwort.! „Bitte bleiben Sie unten, ich komme schon," und noch I iunner mit vollen Backen kauend, ließ sie den Worten die Tat z folgen. Ms sich die beiden jungen Leute von ihrem Lachen einigermaßen erholt hatten, fragte das Mädchen — sie hieß Erna — ziemlich unvermittelt: „Also, Vetter, wirst Du sie malen?" - „Wen?!" Der Vetter war wieder blutrot in: Gesicht. „Sehr gut! Ich glaubte — keine Namen nennen?!" „Ach so — na ja — wenn sie's gestatten wird." Da murde die Tür weit geöffnet. „Treten Sie ein, Herr Doktor," komplimentierte Frau Berliner einen etwa 25 jährigen schlanken Mann über die Schwelle des Zimmers. Es war der junge Rabbiner. Mit seinem rotwangigen, von einem wohlgepflegten Vollbact umrahmten Gesicht, seinen treuherzigen, lebhaften. Augen und' seinen liebenswürdigen Manieren, war er, was die Damen immer gern mit einem „interessanten Menschen" bezeichnen. Nachdem Frau Berliner die Leutchen miteinander bekannt gemacht hatte, mußte sie' wieder zu ihren „Quitten" hinunter. - „Uebrigens muß ich beichten," meinte der Rabbiner im Lause des nun folgenden Gespräches, ,-daß ich nicht rein zufällig, sondern mit einer ganz bestimmten Absicht zu Ihnen hinauf gekommen bin. Erstens wollte ich Sie beide aus morgen zu-unserem Literaturvereinsabend einladey und zweitens. —" „Pardon!" unterbrach ihn der Maler, „aber woher mußten Sie denn überhauptdaß wir hier sind?" „Das weiß bereits die ganze Stadt," meinte der Rabbi lächelnd, „das dauert bei uns nicht lang." „Wer wird alles da sein," fragte das Mädchen recht frauenhaft, fügte dann aber schnell hinzu: „ich meine von meinen Freundinnen?" Der Gefragte nannte eine Anzahl Namen; beim letzten errötete der Maler wieder heftig. Seine Kusine lachte. „Wir können schon jetzt Zusagen. Wir werden da sein. Gelt, Erwin?" „Gestatten Sie nun," sagte der Rabbi, „daß ich aus das zurückkornme, was ich vorhin sagen wollte, alsSie mich unterbrachen. Ich habe Ihnen eine recht freudige Nachricht zu überbringen. Eine Nachricht von Ihrem ältesten Bruder Otto." Das Mädchen war aufgesprungen. . „Herr Doktor — er lebt?" „Lebt und ist gesund — und wird Sie' bald besuchen." „Herr Doktor!" > „Nur kaltes Blut, mein. Fräulein, hören'Sie mich ruhig an. Also heute früh erhielt ich einen Brief aus Amerika, adressiert: „An den Rabbiner in Schmarrenkower, Provinz Posen." Er war von Ihrem Bruder. Er schreibt, daß es ihm sehr gut gehe, daß er reich sei und jetzt nach hause komme, um seine Familie für die, ausgestandene Angst der vielen Jahre zu entschädigen. Nun fürchtete er aber, seiner Mutter zu schreiben, er fürchtete die Wirkung der Ueberraschung aus ihre Gesundheit. Also schreibt er an den Rabbiner. Sehr vernünftig, nicht wahr? Noch eins, er schreibt, er segelt mit dem nächsten Schiff, das den Newyorker Hafen verläßt, ab, dürfte also in drei bis vier Tagen hier sein." Bei diesen Worten zog er einen Brief aus seiner Brusttasche. In demselben Moment wurden Schritte hörbar. „Ihre Mutter," flüsterte der Rabbi hastig- „verwahren Sie den Brief. Morgen im Verein beraten wir weiter."-- (Schluß folgt.) iBrirfhaßm der fitöahtion. Wiener Leser. Briefe von Leopold Zunz wurden veröffentlicht von Prof. Maybäum in dem Jahresbericht der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums 1894 und in dem Jahrbuch der ungar. isr. Literaturgesellschaft 1.179 ff., ferner von Brann im Jahrbuch des Verbandes der jüdischen Literaturvereine Band V. und VI. für 1902 und 19.03,; von Ludwig. Geiger in Abraham Geigers Leben S. 184ff. Einzelne Briefe von Zunz an Varnhagenv. Ense, Aron Bernstein und andere wurde in früheren Jahrgängen unseres Blattes publiziert. : ■ * Berichtigung. In der Entscheidung des Reichsgerichts in jüdischen Ehescheidungsangelegenheiten, die wir in der vorigen Nummer (unter „Woche") mitteilten, ist leider ein Druckfehler stehen geblieben, der den Sinn der ganzen Mitteilung entstellt. Es ist dort beständig von „Eid" die Rede, während es selbstverständlich überall „Gel“ heißen muß. Wir werden übrigens das Urteil demnächst im Wortlaut veröffentlichen. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max B auchwitz in Berlin.

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