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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-04-29 · Heft 18 (29.4.1904) · p. Seite 215

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 18 (29.4.1904)
Date
1904-04-29
Page
Seite 215 (sequence 11)
Language
German
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Wir sehen also, daß die Israeliten zur Zeit der Bibel zwar eine Anzahl auf chemischem Wege hergestellter oder wenigstens herstellbarer und in der Jetztzeit sehr viel verwendeter Stoffe kannten. Aber fast überall mußte zugegeben werdendaß die Herstellungselbst von ihnen nicht bewirkt wordenist, daß sie die Stoffe vielmehr in gebrauchsfähigem Zustande von dem phönizischen Kaufmann erhielten. Das Handelsvolk des Altertums, die semitischen Phönizier, sind neben den hamitischen Aegyptern eine Zeitlang' die Kulturträger gewesend. h. die Träger derjenigen Kultur, welche sich, auf dem Boden des Handels und der Industrie entwickelt. Die Juden, die in der Folgezeit gezeigt haben, daß ihnen die Befähigung für Handel und Industrie durchaus nicht fehlt, haben zu der Zeit, von welcher hier die Rede ist,' eine höhere Aufgabe gehabt, eine Aufgabe, durch welche sie sich das Recht der Erhaltung durch mehr als drei Jahrtausende hindurch bis auf den heutigen Tag, und noch für unabsehbare Zeiten hinaus errungen haben, nämlich die Aufgabe, entgegen dem rohen Fetischismus und der unsittlichen Naturreligion der sie umwohnenden Völkerschaften den reinen Gottesbegriff zu gestalten und aüszubilden. In diesem Sinne sind sie in Wahrheit das Volk Gottes gewesen und geblieben. Ins einer klrmrn Gemeinde. Von Oskar T. Schweriner. . , ... . Y II. ° . ..;■ . . . rilbex schon war die Idee doch, -einen Literaturverein zu gründen, wie in fast allen Nachbärgemeinden. Ja. So mancher Jüngling dachte an manche Maid, der er auf diese Weise verstohlen die Fingerspitzen würde drücken können. Der schöne Emil, der Don Juan der Killewar dem Plan schon des Planes willen nicht abgeneigt, und der kurze Hirsch, der ewige Junggeselle, lächelte zynisch. Außerdem waren aber die Führer der Jugend für den Plan gewonnen, und ehe noch eine Stunde vergangen, war unter stürmischer Begeisterung einiger zwanzig Jünglinge der Schmarrenkower Literaturverein unter Leitung Seiner Hochwürden des Herrn Rabbiners Dr. Friedlich ins Leben gerufen. Und von dies er - Zeit datierte besagte Aufregung in der Schmarrenkower Kille, die nicht so schnell wieder zur Ruhe kommen sollte. . Der Rabbiner war. obenan, und er verstand es, dort zu bleiben. Er grub Daten aus, von irgendwo her, an denen es unbedingt eine Mizweh war, fröhlich und guter Dinge zu fein, und arrangierte folglich ein Tanzkränzchen in Schlichtermanns Saal, der Ertrag für die Armen, und tanzte selbst wacker mit. Als man zu Atem gekommen war, war inan sich einen Moment nicht ganz klar darüber, ob man dem Rabbi einen Rüffel oder Applaus zu spendieren habe. Im nächsten Moment jedoch — applaudierte man. Die Jünglinge, Mütter und Töchter waren dem Rabbiner dankbar für die Tanzkränzchen (war doch sogar schon eine Verlobung als- Resultat zu verzeichnen). Die Alten aber lauschten gar zu gern den fesselnden Erzählungen aus der jüdischen Geschichte, - wie sie ihnen der Rabbi zweimal wöchentlich bei Flundermanns zum besten gab. Und so war jeder■ zufrieden; jeder hatte den Rabbi von s e i n e m Standpunkt aus gern, und - über die - Kille war ein neuer Hauch gekommen. Sie war vorgeschritten. Wie Goldfinger sich poetisch ausdrückte: „Ein laaser Wind blust Über die Menschen", denn auch er brauchte in der letzten Zeit sein „Trefe" nicht mehr . halb m Stall, halb auf der Straße auszuposaunen. Es war an einem Freitagvormittag. Auf dem Markte herrschte buntes Treiben und ein unheimlicher Lärm. Denn am Freitag war Wochenmarkt in Schmarrenkower. Höckerweiber priesen ihre Waren an, Gänse grätschten, wenn man sie bei den Flügeln emporhob, um ihr Gewicht zu taxieren, Entengeschnatter und polnische Flüche mischten sich mit den -streitenden Stimmen der Bauern und Butterhändler. Am ärgsten schien der Lärm um die Fischstände herum zu toben, während hin und wieder die schrillen Töne eines Leierkastens das Ganze übertönten. Mitten am Markt, geradeüber von dem „pompösen", dreistöckigen, mit dem stolzen - Wappen der .Stadt geschmückten Rathaus, stand das einstöckige Häuschen der Witwe Berliner. Mit seinen alten, unebenen Stufen und seiner ganzen Baufälligkeit gereichte es weder dem Markt noch der Stadt zur besonderen Zierde. Jeder andere wäre denn ja auch wohl zweifellos gezwungen worden; den Bau niederzureißen. Aber nicht so die „Berlinern". Beliebt bei jedermann, den „Obersten" und „Untersten", drückte, man ein Auge zu und meinte: wird noch nicht gleich stürzen." Die „Berlinern" war eine sehr resolute Frau von etwa 55 Jahren. In ihrer Jugend hatte sie eine Bildung genossen, wie. sie für Schmarrenkower Gemeindeverhältnisse damaliger Jahre durchaus nicht üblich war, und nach dem Tode ihres Mannes, der vielleicht beliebtesten Persönlichkeit in der Gemeinde, hatte, man ihr die sogenannte „Kruppka" (woher das Wort stammt, wissen die Götter) übertragen. Das heißt, sie hatte die Bücher der Gemeinde zu führen, den Kultusbeamten .ihr Gehalt zu zahlen, die Spenden „kollektieren" zu. lassen, die Sitze im Tempel zu vermieten und — last not least — die Schlachtzettel, die „Quitten" zu verkaufen. An diesem Freitag mittag nun saßen oben inr Stübchen der Frau Berliner diese selbst, ein recht schönes, junges Mädchen von etwa 18 und ein hochaufgeschossener Jüngling von etwa 25 Jahren. Man hatte eben mit der Mahlzeit begonnen, die aus — Kartoffeln und Heringen bestand. „Na, Kinder, das war doch eine Ueberraschung!" meinte eben die alte Dame. „Wußtet Ihr einer vom andern, oder traft Ihr Euch so zufällig!" „Keine Spur, Mama," 'erwiderte das Mädchen fröhlich. ' „Wie ich in Kreuz aussteige und mit geheimem Grauen an die nächsten zwei langweiligen Stunden denke, steht da Plötzlich mit Palette und Staffelei unterm Arm, wie aus der Erde hervorgestampft, Vetter Erwin." „Na, Tantchen, die Freude kannst Du Dir ja denken," ergriff der junge Mann das Wort. „Ich für meinen Teil wenigstens war überglücklich. Das ist doch ganz was anders, als die drei Wochen in Schmarrenkower allein zubringen zu müssen." -,Allein?" Das Mädchen drohte schelmisch mit dem Finger. - „Und was . ist los — mit — na, Du weißt ja — hm?" „Das ist recht, keinen Namen nennen, meinte der andere," -etwas rot. werdend. „Aber wirklich, das war nur das Interesse des Malers für ein schönes Profil, und „Kennen wir, kennen wir," fuhr das junge Mädchen lustig; dazwischen. In dem Moment mischte sich Frau Berliner -wieder ins Gespräch. . > „Na, Kinder, Ihr wolltet ja partout Kartoffeln und Heringe. -Wie schmeckte denn nun?" - i- „Fein, Tante, fein!. — Die.Daberschen Kartoffeln sind s-dvch immer noch der prächtigste Fraß, den es gibt."

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