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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-04-29 · Heft 18 (29.4.1904) · p. Seite 213

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 18 (29.4.1904)
Date
1904-04-29
Page
Seite 213 (sequence 9)
Language
German
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213 die Soda künstlich darstellt, brauchen wir das in der Natur vorkommende Natron nicht mehr. Interessant ist, daß die Alten schon gewußt haben, daß, wenn man Essig auf Natron gießt, sowohl der saure Geschmack des Essigs als auch der höchst unangenehme Laugengeschmack des Natrons verschwindet und die entstehende Flüssigkeit salzigen Geschmack annimmt. Das beim Ausgießen des Essigs aus Natron entstehende Ausbrausen muß den Alten ebenfalls bekannt gewesen sein, erwähnt ist es freilich nicht. So viel über Neter. Was bedeutet nun das Wort Borit? Noch einmal findet sich dieses Wort in der Bibel, in Maleachi Kap. 3 Vers 2, wo es heißt: „und wie Borit der Wäscher", was Luther auch hier mit Seife übersetzt. Sonst sindet sich einige Male das Wort “0, welches dasselbe bedeutet. So wird es als reinigende Substanz in Hiob mehrmals erwähnt, Kap. 9, Vers 30: „wenn ich reinigte mit Bor meine Hände"; Kap. 22, Vers 30: „es wird mit Bor deine Hand gereinigt werden"; endlich Jesaias 1, 25: „ich werde wie Bor deine Schlacken wegbrennen". Auch in übertragenem Sinne wird es wiederholt gebraucht: ''T “DS „wie die Reinheit meiner Hände". Die neueren Uebersetzer der Bibel übertragen es zutreffend mit „Laugensalz". Unter diesen: Namen bezeichnete man früher die Substanz, welche man erhält, wenn nran Holzasche mit Wasser auslaugt, die Flüssigkeit von dem ungelöst Bleibenden abseiht und verdampft. Es bleibt hierbei eine feste, an der Lust allmählich zerfließende, der Soda sehr ähnliche Masse zurück, welche wir jetzt P o t a s ch e nennen, ein Name, der im Mittelalter entstanden ist und daher kommt, daß durch Vermittlung der Norddeutschen Hansestädte, namentlich Lübecks, diese Substanz aus dem Osten Europas in eigentümlichen rohen Töpfen über Nowgorod nach dem Westen verschickt wurde. Potasche ist nichts anderes als Topsasche. („Pot" heißt „Topf".) Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Potasche, welche die chemische Bezeichnung kohlensaures Kalium führt, wie Soda, kohlensaures Natrium, und welche noch stärker reinigende Wirkung besitzt als die Soda, bereits zur Zeit des Jeremias den Juden bekannt gewesen ist. Aber in keiner Weise wahrscheinlich ist es, daß die Juden damals auch die Bereitung der Potasche kannten. Abgesehen davon, daß sie ihr alsdann kaum einen besonderen Namen, der von “ns „reinigen" abgeleitet wird, gegeben haben würden, sindet sich nicht die geringste Andeutung in der Bibel dafür, daß die Asche irgend wie verwertet worden wäre. Vielmehr--ist Asche, “iBK, überall als Sinnbild des Niedrigen, Wertlosen gebraucht. „Ich bin geachtet wie Staub und Asche", klagt Hiob; darum setzt sich der Trauernde aus Asche oder streut Asche auf sein Haupt, um sich zu demütigen, zu erniedrigen. Wenn man zu jener Zeit gewußt hätte, daß man aus der beim Verbrennen des Holzes hinterbleibenden Asche das namentlich damals sehr wertvolle JT“D gewinnen kann (und in der Holzasche sind ungefähr 50 Prozent Potasche enthalten), man würde dieses Material nicht verächtlich behandelt haben. Wahrscheinlich kam rP~0 aus Aegypten, wo man sehr frühzeitig aus chemischem Wege verschiedene Stoffe darstellen gelernt hatte. Die Stelle in Jeremias würde also lauten: „Und wenn du dich mit Soda wüschest und noch Potasche hinzutätest, so blieben deine Sünden doch als? Flecken vor mir"; diese Schandflecken, diesen Schmutz beseitigen nicht Soda und nicht Potasche. Ein sehr großes Gebiet chemischer Tätigkeit, welches frühzeitig von den Menschen in Angriff genommen worden ist, ist das Färben. Selbstverständlich gab es zu-der Zeit, von 'welcher hier die Rede ist, noch keine künstlichen Farbstoffe, und statt der vielen tausende von Farbstoffen, welche im letzten halben Jahrhundert die Chemiker in allen möglichen Schattierungen hergestellt haben, gab es in alter Zeit nur sehr wenige. In der Bibel werden drei nebeneinander genannt: nPsn, p^HN/ "W-npbfl* — nbsn ist jedenfalls der aus der Purpnrschnecke in alter Zeit gewonnene rotbraune Farbstoff, den wir noch heute als Purpur bezeichnen; pJHK, welches gewöhnlich mit Purpur übersetzt wird, ist wahrscheinlich der rote Krappsarbstoff, den wir jetzt Alizarin nennen. Die Krapppflanze ist nämlich einheimisch im mittleren Asien und ist bereits in den ältesten Zeiten zum Färben benutzt worden. Der Krappfarbstoff, früher auch Türkisch-Rot genannt, zeichnet sich durch Schönheit und Echtheit aus und wird noch heute in sehr großem Maßstabe verwendet, nur wird er nicht mehr aus der Pflanze gewonnen, sondern künstlich hergestellt. kommt von Wurm, es ist das „Wurmrot" aber nicht, wie neuere Uebersetzer meinen, Cochenille oder Karmin, d. h. der rote Farbstoff von OoeeuL cacti, der Cochenillelaus; den:: diese Schildlaus ist in Mexiko und Zentralamerika einheimisch Und von dort nach Europa gebracht worden. Folglich konnten die Israeliten noch nicht ihre Bekanntschaft gemacht haben. Vielmehr ist es der sog. Kermes, ein gelblich roter Farbstoff, der aus einen: in Asien einheimischen Insekt stammt. Also die drei einzigen Farbstoffe, mit welchen überhaupt gefärbt werden konnte, sind alle rot, nur in ihren Nüancen verschieden. Daß die Israeliten mit diesen Farbstoffen nicht selbst gefärbt haben, sondern die gefärbten Stoffe oder Garne bezogen haben, ist wohl mit Sicherheit anzunehmen; denn in der Zeit vom 10. bis zum 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, aus welcher das alte Testament hauptsächlich stammt, galten die Phönizier als Meister und alleinige Besitzer der schwierigen Färbekunst und haben ihre gefärbten Garne und Gewebe an die verschiedenen Völker abgesetzt, beispielsweise auch an die Griechen, welche rot gefärbte Ware als <poin£ „Phönizier" bezeichneten. Außerdem befindet sich keine Andeutung über Färben in der Bibel. Also nur rot gefärbte Waren kannten die Israeliten. Andere Farbstoffe waren nicht bekannt, und für die unendlich vielen Farben der Blumen hatten sie keine besonderen Bezeichnungen. Nur für das Goldgelb der Haare hatten sie den Ausdruck pin& für das Blattgrün der Bäume den Ausdruck ■pin, für das Gelbgrün des Krauts die Bezeichnung pn\ und für rot CHS- Aber für das Blau, das ihnen der Himmel täglich zeigte, hatten sie keinen Namen. Endlich ist für den Chemiker noch interessant die Erwähnung einer zu damaliger Zeit gebrauchten Schminke. Im zweiten Buch der Könige wird nämlich erzählt, daß die übel beleumundete Jsebel. die Frau des israelitischen Königs Ahab, nachdem dessen Sohn und Nachfolger Jehoram in einer Militärrevolution durch Jehu entthront und getötet worden war, geschminkt am Fenster ihres Palastes den neuen Herrscher erwartete. Da heißt es: „Und sie behandelte ihre Augen mit niL." Puch ist mit anßiov übersetzt; , das - ist eine eigentümliche SchininIe. Es kommt nämlich an verschiedenen Orten ein grauschwarzes Mineral vor, welches wir heute Grauspießglanz oder Spießglanz nennen, welches leicht zerreiblich ist, und dessen Pulver von den alten Aegypterinnen oder vielmehr von den jungen Damen jener alten Zeitenbenutzt wurde, um das Weiße des Augapfels stärker hervortreten und das Auge größer erscheinen zu lassen. Darum heißt es an einer Stelle in Jeremias Kap. 4 Vers 30: „Denn, wenn du mit Puch deine Augen aufreißest." Das Spießglanzpulver wurde auf die Augenbrauen und auch in zarter Linie unter die Augen gestrichen.

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