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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-04-29 · Heft 18 (29.4.1904) · p. Seite 211

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 18 (29.4.1904)
Date
1904-04-29
Page
Seite 211 (sequence 7)
Language
German
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Den Geistlichen aller Kirchen der Eparchie ist durch Rundschreiben mitzuteilen, daß sie bei jeder Gelegenheit ihre Gemeindemitglieder darüber auszuklären haben, daß sich die bessarabischen Juden zu den Ereignissen im fernen Osten ebenso wie die übrige Bevölkerung Verhalten und auch wie diese freiwillig Opfer bringen. Was die von übelgesinnten Personen verbreiteten Gerüchte anbetrifft, wonach die Juden Geld für die Japaner sammeln sollen, so sind diese Gerüchte absolut unbegründet. Schließlich wird den Geistlichen vorgeschrieben, Aeußerungen eines feindlichen Verhaltens gegenüber den Juden sofort zur Kenntnis der Eparchialobrigkeit zu bringen." ' MM Gefährliches Spiel. Berlin, 24. dlpril. us liberalen Kreisen wird uns geschrieben: Der jüdische Liberalismus hat. sich nachgerade unter dem Umschwung -der Zeiten eine so zahme und friedfertige Sprache angewöhnt, daß man ihm keine ernste Aufwallung mehr zutraut. In Wahrheit sieht er die Dinge nur ruhiger und heiterer an, läßt die notwendige Reaktion so weit irgend möglich gewähren, weil er ja weiß, daß auch ihre Stunde schlagen muß, und verfolgt die Vorgänge im „gesetzestreuen" Lager nicht halb mit der Aufmerksamkeit, die ihm selbst von dort aus gezollt wird. Wir sind darüber auch wirklich friedlicher geworden, und das ist gut; die Gegensätze haben sich etwas ausgeglichen, und das kommt der Anerkennung des Liberalismus zu gute. Daß diesem letzteren die Zukunft gehört, hat sich soeben wieder in Köln, einer Hochburg des Konservativismus, bei der Entscheidung über die Einführung der Orgel gezeigt. Wir stinnnen darüber keine Jubelhymnen an; für uns war das Ergebnis selbstverständlich. Wie schwächlich sind die beiden Gründe der Unterlegenen, die sie in ihrem Proteste niederlegen! Also der Buchstabensinn einer Talmudstelle spricht gegen die Einführung der Orgel! Doch nein; auch der 'UN-NplN muß herhalten, also ein Grund des Trotzes, der Unversöhnlichkeit; noch dazu ein völliges Mißverständnis, und eine Unterstellung, die eine moderne Weltanschauung mit dem Götzentum der kanaanitischen Ureinwohner auf eine Stufe stellen würde! Nun soll also die Regierung entscheiden, ob der Rabbiner „für" oder der Rabbiner „gegen" Recht hat. Wir möchten nicht in ihrer Haut stecken. Nebenbei fei noch erwähnt: Sollte die Orgel, die nun doch fast 100 Jahre dem jüdischen Gottesdienste angehört, sich nicht endlich ehrlich gesprochen haben, nachdem ihr jüdische Sänger und Komponisten so willig gehuldigt und sie ihr Schma Jisroel mit allen ihren Registern stets gerade so schön hat ertönen lassen, als je einen Choral in der Kirche? Arme Königin, wann endet Dein Exil, wann ist. Dein Bann endlich gelöst? Doch wir wollten einen ganz anderen Seitensprung der Orthodoxie beleuchten, bei dem allerdings aller Scherz aufhört. Natürlich betrifft es die Hamburgische, die ja immer etwas Besonderes haben muß, und sei es im übelsten Sinne. Wird da ein seit mehreren Jahren verheiratetes Ehepaar durch die Geburt eines Knaben erfreut. Wie natürlich, ist es die erste Sorge des frommen Vaters, sich des Mohel zu versichern, damit die Beschneidungsseier am 8. Tage stattfinden könne. Aber da hat er die Rechnung ohne den Wirt, will sagen, ohne das hochwohllöbliche Rabbinat gemacht. Denn der Aermste ist seinerzeit nicht von diesem, sondern von einem Rabbiner der Hauptgemeinde in Berlin getraut worden, von deren Rabbinatskollegium vorher auch seine Frau, ins Judentum ausgenommen worden war. — Nun verfährt aber dieses Kollegium so gotteslästerlich, daß es zum rituellen Tauchbad nicht ein Kollegium von männlichen (!) Zeugen delegiert, wie es die gute (?) alte Zeit tat und naiver Weise auch verlangte, sondern sich mit dem Zeugnis der Badewärterinnen begnügt, -daß der vorschriftsmäßige Akt erfolgt sei. Darob in Hamburg Achselzucken und Bemäkelung. Kein Mohel fand sich, der den Akt der Circumcision vorzunehmen gewagt hätte, da die geistliche Behörde ein Verdikt dagegen erlassen hatte! Nun denn, merken die frommen Herren denn nicht, daß sie sich doppelt und dreifach ins Unrecht setzen? Angenommen, die Mutter wäre wirklich noch nicht Volljüdin, was wir bestreiten — mußte nicht sofort das Bes-din eingreifen, wenn das Kind vorn Momente seiner Geburt zum Juden bestimmt war? Und wenn nun der Vater dieses Kindes selbst die Circumcision betreiben will, unter welchem Vorwände kann er zurückgewiesen werden? *) Oder ist seine Ehe, weil staatlich anerkannt und unantastbar, nicht auch für uns als eine vollgültige mit allen daraus abzuleitenden religiösen Pflichten und Rechten anzusehen, da doch der Grundsatz dina demalchussa dina hoffentlich auch in Hamburg nicht unbekannt ist? Aber freilich Fanatismus macht blind und taub. Zugleich treibt er ein gefährliches Spiel. Wem in aller Welt meint inan mit solchen: Uebereifer zu dienen? Etwa den: Elternpaar, daß es Buße tue und hinfort in Sack und Asche bereue? Man will heute in so zarten religiösen Dingen nicht mehr bevormundet werden, man verbittet sich plumpe Eingriffe ins Familienleben, oder lacht darüber, wie über schlechte Scherze. Auffallend genug, wenn Menschen angesichts eines solchen Fanatismus nicht einfach' ihrer Gemeinde den Rücken kehren, und ins radikale Lager abschwenken. Offenbar beurteilen sie die Marotten ihrer Rabbiner noch zu milde, weil sie diese — nun sagen wir, als Opfer ihres Berufes ansehen. Aber vielleicht gewinnt das Institut der Circumcision selbst? Das gerade Gegenteil ist der Fall. Nicht alle Eltern hätten unter Mühe und Kosten, wie jener Vater tat, einen Mohel von auswärts kommen lassen, der denn auch unbekümmert um den zürnenden Mikado die Operation vornahm. Es ist doch ein offenes Geheimnis, daß der Abfall auch vor diesem Institut nicht Halt macht. Wer dieses in den letzten Jahrzehnten gestützt hat, wer es sozusagen dem modern denkenden Israeliten gerettet hat, das war nicht die Orthodoxie, sondernder an Zunz orientierte Liberalismus. Durch ihn ist die Circumcision aus der Reihe der flüchtigen, sich immer wiederholenden Zeremonien herausgehoben, und durch berechtigte Umdeutung zu einem der bleibenden Symbole des Judentums erhöht worden. Wer dem Institut in solcher Weise aber dienen will, der wird seine Uebung nimmer erleichtern, sondern erschweren. Und ebenso verhält es sich mit der Aufnahme von Proselyten, die hier ja wohl der Ausgangspunkt aller Wirren gewesen ist. Es muß heute für weibliche Personen genügen, daß sie sich die Religionswahrheiten zu eigen machen und ein Tauchbad, das Symbol der altjüdischen Familienreinheit, nehmen. Die Hinzuziehung männlicher Zeugen aber widerspricht den fortgeschrittenen sittlichen Anschauungen; sie erschien schon Joel Sirkes als unsittlich, denn er sagt im ' h Man vergleiche im VI. B. der Geiger'schen Zeitschrift S. 175 'den Briefwechsel zwischen Aub und Rosenstern über dieselbe; Materie, wo aus zahlreichen Dezisoren erwiesen wird, daß die Anwesenheit von drei Gelehrter: nur zur.. Uebernahme des Gesetzes, s. aber nicht zum Untertauchen nötig sei.

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