Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 18 (29.4.1904)
- Date
- 1904-04-29
- Page
- Seite 210 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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29 Berliner konservativen Bürgervereinen eingereichtes Gesuch, das denselben Zweck verfolgte, zu Händen des Erstunterzeichners, Fabrikanten Pretzel, zurückgewiesen worden. Das bringt nun das Leiborgan des genannten Abgeordneten in Harnisch und es zieht daraus folgende Schlüsse über die Stellung des Kaisers zur antisemitischen Partei: „Es hieße Vogelstraußpolitik treiben, wollte man diese Sachlage verkennen, wollte man sich vielleicht damit zu trösten suchen, daß unverantwortliche Ratgeber, die dem Antisemitismus abgeneigt sind, oder. die gar noch im Judentum stecken, in der Stunde der Entscheidung den Kaiser beraten hätten. Der Kaiser hat vielmehr durch seine Entschließung bekundet und bekunden wollen, daß er zur Zeit nicht gewillt ist, mit den Parteien zu gehen, die sich als national bezeichnen, und daß ihm der Börsenliberalismus und das Zentrum zum Zwecke der Förderung seiner besonderen Pläne, die uns glücklichen Zeiten entgegenführen sollen, gegenwärtig lieber sind." Der Enttäuschung folgen die Drohungen. Nachdem auseinandergesetzt worden ist, daß sich die Herren von einem Irrtum in der Gesamtauffassung der kaiserlichen Politik befreit haben, heißt es weiter: „Für den deutschen Antisemitismus liegt ein Grund zur Entmutigung ebenso wenig vor. Weithin leuchten die Wettersignale, sie zeigen uns den Feind, und sie zeigen den fortan einzuschlagenden Weg. Das Schicksal, verkannt zu werden, teilen die Antisemiten mit den besten Männern aller Zeiten. Tüchtige Patrioten, die Anno 1812/13 zur Befreiung vom französischen Joch aufriesen, wurden zunächst als Rebellen Gehandelt, erst eine spätere Zeit wurde ihnen gerecht. Wie kann man sich da wundern, wenn auch heute in höfischen Kreisen für den Befreiungskampf kein rechtes Verständnis vorhanden ist, wenn kalte Abneigung von der Stelle erfolgt, für die man alles einsetzte! Als rückgradstarke, freie unabhängige Männer werden die Antisemiten mit oder gegen die Regierung den Kampf für des Vaterlandes Ruhm, Freiheit und Wohlfahrt, gegen jüdische Hinterlist aufnehmen, und die Zeit ist dann nicht fern, in der man auch an entscheidender Stelle von Jrrtümern befreit werden wird, die die besprochenen Entscheidungen der Krone herbeigeführt haben." Die „Fr. D. Pr." bemerkt zu diesen Fanfaronaden: „Frecher als in diesem demagogischen Versuch, den Kaiser in Gegensatz zu bringen zu dem nationalen Empfinden, ist wohl selten die Entschließung der Krone bei Ausübung des Begnadigungsrechts für politische Parteizwecke verwertet worden." Und diese Leute spielen sich als die Erbpächter königstreuer Gesinnung auf! * Womöglich noch schlimmer sind aber ihre französischen Genossen. Denn die deutschen Antisemiten sind höchstens lächerlich, jene aber gefährlich, wie aus dem Verlauf der Revisionsverhandlung des Dreyfus-Prozesses deutlich hervorgeht. Am 19. d. wurde zum ersten Male Jaures vom Kassationshofe über den vielbesprochenen Kaiserbrief, d. h. die angebliche eigenhändige Randbemerkung Kaiser Wilhelms auf dem Bordereau, vernommen. Das Vorhandensein dieser kaiserlichen Note hat bekanntlich der antisemitische Abgeordnete Millev oh e in einer Volksversammlung und der Oberst Stoffel im Privatgespräch mit Ferlet de Bourbonne behauptet. Wie Jaures bei seiner Vernehmung erfuhr, sind beide, Millevoye und Stoffel, schon vom Kasfationshof befragt worden, worauf sie ihre Behauptung stützten; beide verweigerten indessen die Aussage. Nach Jaures, der die mit dem gefälschten Kaiserbrief getriebenen Machenschaften abermals darlegte, wurde Frau Söverine verhört, die wissen will, daß General Mercier eine Photographie herumgereicht habe, um so gegen Drehfus Stimmung zu machen. — Der Abgeordnete Millevoye bestätigte selbst wie die „Köln. Ztg." berichtet, einem Mitarbeiter des „Temps", daß er es abgelehnt habe, über das Bordereau irgend welche Erklärungen abzugeben. In mehr als gezwungenen Wendungen äußerte er sich dahin, daß er als Volksvertreter stets zu erwägen habe, ob er den Ursprung gewisser Auskünfte angeben dürfe. Es liege ihm daran, das Geheimnis der ihn: gewordenen Mitteilungen und ihren vertraulichen Charakter zu bewahren. Er brauche in diesen: Punkte die Ratschläge von Jaures nicht und beantworte dessen Drängen mit Nichtachtung. Millevoye weigerte sich sogar, dem Mitarbeiter des „Temps" die schriftliche Vorladung zu zeigen, die er von: Kassationshofe erhalten hatte. Eine nette Gesellschaft! $ In der russischen Presse tauchen jetzt die abenteuerlichsten Gerüchte und die unsinnigsten Lügen auf, zu deren Widerlegung ein eigenes Organ von Nöten wäre. Daß die Antisemitenpresse aller Länder diese Gerüchte und Lügen sreundwillig äbdruckt, kann man sich denken. Die Dernentis aber schenken sie sich meistens. Wir wollen hier nur eine kleine Blütenlese aus dieser Woche geben. Die Nachricht von einer „Mafsenflucht militärscheuer, ganz vorwiegend israelitischer Jünglinge ans Rußland" — ist erlogen. Die Nachricht, daß an de:n Attentatsversuch (?) gegen Herrn v. Plehwe ein Jude beteiligt gewesen sei — ist erlogen. Die Mitteilung, daß eine Legion von 25 000 polnischen Juden und russischen Flüchtlingen aus Sibirien sich in China formiert habe, um n:it Japan gegen Rußland zu kämpfen — ist erlogen. Und so geht es fort bis ms Unendliche — aber ohne jede Grazie! & Ein weißer Rabe unter seinen russischen Kollegen ist der Gouverneur von Bessarabien, Fürst Urussow, wie wir schon wiederholt zu bemerken Gelegenheit hatten. Neuerdings.hat sein Amtsblatt den folgenden Erlaß an die Geistlichkeit publiziert: „In letzter Zeit sind vielfach Nachrichten darüber eingelaufen, daß übelgesinnte Personen unter dem einfachen Volke Gerüchte verbreiten, wonach die Juden überhaupt, darunter auch die bessarabischen, sich übelwollend gegen die Negierung verhalten, daß sie Geld sammeln und es nach Japan senden; ferner werden andere lügnerische Nachrichten über die Handlungen der Juden verbreitet, wodurch das einfache Volk gegen diese aufgebracht wird. Ohne über die Ungereimtheit dieser Gerüchte ein Wort zu verlieren, erwähne ich, daß die Juden in Bessarabien seit dem Beginn, des Krieges eine ebenso große Bereitwilligkeit, dem Vaterlande zu dienen wie die übrige Bevölkerung an den Tag legen und diese Bereitwilligkeit auch durch die Versicherung treuuntertänigster Gefühle für den Thron äußern, wofür sie, nach einem untertänigsten Bericht, der allerhöchsten Dankbarkeit gewürdigt wurden; ebenso äußern die Juden ihre Vaterlandsliebe durch ihre Spenden zun: Besten der Kranken und Verwundeten im fernen Osten. Wenn die oben erwähnten Gerüchte, ohne widerlegt zu werden, ins Volk dringen, so kann sich leicht die Ueberzeugung feftsetzen, daß sie begründet seien, was wiederum ohne Zweifel einen Haß gegen die Juden Hervorrufen kann, der leicht ähnliche Ausschreitungen veranlassen könnte, wie sie im April vorigen Jahres stattfanden. Zur Vorbeugung von Unordnungen habe ich die Ehre, Ew. Ehrwürden zu fragen, ob Sie es nicht für nützlich halten, daß die Geistlichen in den Kirchen und bei jeder Gelegenheit das Volk aufklären und in ihn: das Bewußtsein erwecken, daß sich die Juden zu den Ereignissen im fernen Osten mit denselben Gefühlen verhalten, von denen auch die übrige Bevölkerung erfüllt ist, und gleich dieser gern und freiwillig ihre Beiträge zur Erleichterung des Loses der Krieger im fernen Osten darbringen, lieber die Verfügung, welche Sie in dieser Angelegenheit treffen, bitte ich, mich in Kenntnis zu setzen." Auf dieses Schreiben erließ der Bischof des Sprengels an: 6. März nachstehende Resolution an das Konsistorium zur sofortigen Beachtung: