Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 18 (29.4.1904)
- Date
- 1904-04-29
- Page
- Seite 208 (sequence 4)
- Language
- German
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208 sächsische Judengestß doch besser sei als -der bisherige Zustand. Unter lebhaftem Widerspruch erklärt er, daß die Schächtfrage mit diesem gar nichts zu tun.habe. Herr Dr. Fiegel-Berlin überbringt die Zustimmung de^ Lehrerverbandes zum Beitritt zur neuenOrganisation. Justizrat C a s sel - Berlin tritt sehr warm für die Organisation ein und betont nachdrücklich, daß die fortschrittlichen Parteien jederzeit eindringlich für die Rechte der deutschen Juden eingetreten seien und dies auch fernerhin selbständig tun werden. Der Verband wolle Gleichberechtigungs¬ und Menschheitsinteressen, nicht aber materielle und wirtschaftliche Interessen, er dürfe deshalb nicht mit dem Bund der Landwirte und ähnlichen Institutionen verglichen werden. Nachdem noch Kommerzienrat Plaut-Kassel erklärt hatte, daß für Niederhessen, wenn sie auch jetzt noch gebundene Marschroute hätten, der spätere Beitritt zum Verbände in sicherer Aussicht stehe, schließt die Generaldebatte und es tritt eine etwa halbstündige Pause ein. Ueber die Spezialdebatte müssen wir-uns kürzer fassen; wir können nur die Resultate derselben mitteilen, da ja auch wesentlich neue Gesichtspunkte nicht mehr zu Tage traten. Nach langer Debatte wurden die beiden ersten Paragraphen einstimmig angenommen. Dieselben lauten: § 1. „Der Verband der Deutschen Juden" bezweckt die Vertretung aller den Juden im deutschen Reiche gemeinsamer Interessen. § 2. „Die Erörterung von Fragen der Religion und des Kultus, sowie der inneren Verwaltung der Gemeinden ist nur insoweit statthaft, als es sich um die Abwehr von Angriffen handelt." Zahlreiche Amendements zu diesem Paragraphen wurden abgelehnt. Bei § 3, der die Zusammensetzung der Hautversammlung betrifft, wurde aus Antrag Dr. Ehrenberg-Stettin die Berufung von Delegierten aus Gemeinden, welche mindestens 1000 Seelen umfassen, statt, wie es im Statutenentwurf heißt, 2000 Seelen, beschlossen. Ein Antrag des Stadtverordnetenvorstehers Cohn-Liegnitz diese Ziffer auf 600 herabzusetzen, wurde abgelehnt. Ebenso wurde ein Antrag von Prof. Mahbaum abgelehnt, dem Rabbinerverbande 5 Vertreter statt 2 zuzugestehen. Dagegen wurden die Anträge Blumenthal-Kassel und Gronemann- Hannover angenommen, je 2 Vertreter der Vorsteherämter in Kurhessen und der staatlich organisierten Rabbinatsbezirke in Hannover, Hessen-Nassau u. a. Provinzen zu wählen. Verschiedene Anträge von Sonderverbänden wurden abgelehnt, unter anderen auch die von Dr. med. Adler-Lübeck, eine besondere Vertretung des orthodoxen Rabbinerverbandes und der gesetzestrenen Vereinigung zuzulassen. Die Befürchtung, daß die orthodoxen Interessen im Verbände nicht genügend berücksichtigt werden könnten, wurde von Benjamin Hirsch- Halberstadt und Hermann Gu mp er tz-Hamburg entschieden zurückgewiesen. Auch der Antrag Adler über Fragen der Apologetik, einen Beschluß von dem Entscheid der drei Rabbinerseminare abhängig zu machen, wurde abgelehnt. Die Paragraphen 5—7, welche sich im wesentlichen mit der Zusammenberufung der Hauptversammlungen und dem entsprechenden Modus beschäftigen, wurden ohne länge Debatte angenommen. Der Antrag, alljährlich eine Hauptversammlung einzuberusen, wurde abgelehnt; desgleichen der Antrag Flörsheim-Dortmund, die Hauptversammlung stets in Berlin abzuhalten. § 8 über die Zusammensetzung des Ausschusses wurde mit dem Antrag Maybaum, auch zwei Vertreter des Rabbinerverbandes hineinzuwählen, angenommen. Absatz 2 dieses Paragraphen wurde dahin geändert, daß jede Gemeinde mit über 10000 Seelen das Recht habe, für den Ausschuß je einen Delegierten zu benennen, statt vorzuschlagen, wie es imStatutenentwurf heißt. Der Antrag des Landesgerichtsrat Wollstein- Breslau, die Zuwahl von Einzelpersonen in den Ausschuß bis zur Zahl von acht zu beschränken, wurde abgelehnt. Rechtsanwalt Auerbach-Frankfurt a. M. erwarb sich den Dank der Versammlung durch seinen Vorschlag die Debatte über die §§ 9—12'und 18—16 zu verbinden. Zu § 14 erklärte Rechtsanwalt Horwitz aus Anfrage, daß die finanziellen Aufwendungen nur geringe sein werden und die Einkünfte sich im wesentlichen aus freiwilligen Beiträgen der Großgemeinden und einzelner sich zusammenseßen würhen. Der Antrag Dr. Vogelstein-Stettin zu § 16 die Statutenänderung betreffend, die Zustimmung zu einer solchen, nicht von einer Zweidrittelmehrheit, sondern nur - von der Mehrheitdes Ausschusses, sowie nicht' von einer Dreiviertelmehrheit,; sondern nur von einer Zweidrittelmehrheit der Hauptversammlung abhängig zu machen, wird auf das Bedenken. Professor Philipp so ns, - das große Werk nicht einer Zufallsmajoritat .auszusetzen, abgelehnt. Die Generalabstimmung ergab die einmütige Annahme des Satzungsenttvurfs. Nach, einigen Worten des Dankes und der Genugtuung über die vollendete Arbeit wurde die Absendung eines Huldigungstelegramms an den deutschen Kaiser als den Schirmherrn und Bewahrer aller religiösen Güter, einstimmig beschlossen. Es erfolgten schließlich noch . die Wahlen für den Ausschuß. Nach dem< Vorschläge von. Justizrat Lilienthal- Berlin wurde die Liste wie folgt angenommen. Zunächst die fünf Mitglieder des bisherigen engeren Ausschusses: Rechtsanwalt Dr. horwitz. Justizrat Dr. Fuchs, Professor Philippson, Justizrat Breslauer. Justizrat Friedemann.- s ärntllch"mBerlin; alsdann Rechtsanwalt Blan -Frankfurt cu M., Rechtsanwalt Dr. Cohn- Dessau, Landaerichtsrat Moll stein-Breslau. Stadtrat Magnps- Königsberg, Geheimer Reaierunasrat''Professor Aron-Berlin. Rechtsanwalt Dr. Samjmr-Hamburg, Benjamin <Hrr sch-Halberstadt, James Simon-Berlin, Dr. Fieg el-Berlim Stadtrat Ho mbupger- Karlsruhe, G'oldschmidb-Posen, Simsow-Danzig, Dr."^Apfel- Köln, Justizrat Geig er^Franksürt a. M.," Geheimrat Professor Pinner^Berlin und Martin Simon-Berlin.. Alsdann folgen die üblichen Schlußreden. - Cohn-Liegnitz dankt dem Vorsitzenden für die mustergültige Leitung. Dr. Epp enstein-Briefen hebt die Verdienste Professor Philippsons um das Zustandekommen des Werkes hervor, Benjamin Hirsch dankt der Berliner Gemeinde für ihre Gastfreundschaft und dem engeren Ausschuß für seine unermüdliche Arbeit. Einen wahrhaft ergreifenden Abschluß bildeten die rührenden Worte, mit denen der berühmte Talmudforscher Seminardozent Dr. I. Levy- Breslau seine freudige Genugtuung über d'en wohltuenden Eindruck aussprach, den die Versammlung auf ihn gemacht habe, und die innige Bitte hinzufügte, auch in trüben Tagen das Vertrauen auf die Vorsehung nicht schwinden zu lassen, die Israel jederzeit beschützt und beschirmt habe. Mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf das deutsche Vaterland und das deutsche Judentum schloß der Vorsitzende gegen 6 Uhr die Sitzung. . i^3fS£ Dir Woche. Berlin, 26. April. 1 ^eber die Debatte im Reichstage vom 19. d. M. haben wir schon kurz berichtet. Aber es ist durchaus notwendig, länger dabei zu verweilen, da die Tagespresse merkwürdigerweise nur kurz darüber hinweggegangen ist. Volle Anerkennung gebührt zunächst dem Abgeordneten Stadtrat Kämpf sür sein mannhaftes' Auftreten im Interesse der Sache. Ein klares Streiflicht fiel dabei auch aus die Behandlung, welche die russischen Juden in ihrem Vaterlande zu erleiden haben.. Aber nicht darum handelte es sich in dieser Debatte, sondern der Abgeordnete Kämpf setzte vielmehr mit großer Klarheit auseinander, wie die Art und Weise, mit welcher deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens in Rußland behandelt werden, den Bestimmungen der Reichsverfassung und des deutsch-russischen Handelsvertrages direkt widersprechen. Einige eklatante Fälle sollten diese Behauptungen drastisch illustrieren.- Der Redner schilderte hierauf die schweren wirtschaftlichen Nachteile, welche dadurch für das deutsche Reich selbst entstehen, um schließlich mit sicherer Logik den unhaltbaren Einwand zu zerstören, die deutschen Juden könnten nicht erwarten, in Rußland besser behandelt zu werden, wie ihre russischen Glaubensgenossen. Die Rede machte ersichtlich einen tiefen Eindruck — nur auf den Bänken der Rechten wußte man nichts besseres zu tun, als zu lachen. Hierauf sprach der Direktor im Auswärtigen Amt, Geheimer Rat Frantzius, dessen Rede die Tagesblätter überhaupt nicht gebracht haben: ■ , ,