Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1904)
- Date
- 1904-04-22
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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68. Jahrgang. No. 17. Berlin, 22. April 1904. Beilage zur „Allgemeinen Leitung de§ KuticntuniF" , lkorrrkpündknrrn und Kschrichten. Deutschland. 8. Berlin, 14. April. Der heutigen Repräsentantenversammlung lagen zwar fast ausschließlich minder wichtige Vorlagen zur Beratung vor, trotzdem gestaltete sich die Diskussion stellenweise recht interessant. Vom Vorstand ist die Mitteilung eingegangen, daß er der Resolution der Versammlung betreffs Beschaffung eines Shnagogenterrains im Stadtteil Moabit beigetreten ist. Debattelos angenommen werden die Zuwendungen der Frau Pauline Zaller geb. Lichtenstein im Betrage von 1400 Mark cm die Armenkommission, ferner des Herrn I. Wachtel in Höhe von 208,80 Mark an das Krankenhaus. Das Ehepaar Max und Rosalie Ozauski hat ferner der Gemeinde zwei Männerplätze und einen Frauenplatz in der alten Synagoge testamentarisch ^zur Verfügung gestellt, die an arme Leute vergeben werden sollen. Den von diesem Ehepaar ebenfalls zur Grabeserhaltung zugewendeten Betrag von 13000 Mark hat die Gemeindeverwaltung um 8000 Mark kürzen müssen, da nach dem Tode des Ehemannes ein Vermögensverfall eingetreten ist und ein armer Verwandter zur Erbschaft sich gemeldet hat. — Zur Anschaffung eines Flügels für die Mädchenschule werden 750 Mark genehmigt. Dagegen wurde die Bewilligung von 800 Mark zur Anschaffung eines Harmoniums für die Bethalle auf dem Friedhofe in Weißensee abgelehnt! Die Anregung zu dieser Vorlage ist von der Friedhosskommission ausgegangen. Der Ausschuß III, in dessen Sitzung nur . drei Mitglieder anwesend waren, hatte sich nicht über diesen Titel einigen können, ja, Herr Loewenberg hatte sogar diese Art der Beerdigung als „unjüdisch" bezeichnet. Der Referent der Vorlage, Professor Geiger, hält die weihevolle Ausgestaltung gerade dieses traurigsten Teiles unserer religiösen Verpflichtungen durchaus für angebracht. Er beantragt eine Erörterung dahin, das Harmonium in allen Fällen spielen zu lassen, falls die Angehörigen des Verstorbenen nicht dagegen Einspruch erheben. Herr Loewenberg bleibt bei seiner Behauptung stehen, daß diese Art der Beerdigung .unjüdisch sei. Er erinnert, daß es früher nicht gestattet gewesen sei, am Sabbat nach dem Friedhof zu gehen, und daß erst später der Friedhof am Sabbat geöffnet worden sei. Er würde sich nicht wundern, wie er hinzusügt, wenn nächstens gewünscht würde, bei Beerdigungen ein Trompeterkorps blasen zu lassen! Kommissar Netter teilt mit, daß auch der Ausschuß I die Hergabe der Mittel zum Harmoniuur abgelehnt und der Vorstand nichts gegen das Scheiterm der Vorlage einzuwenden habe. Er bestätigt jedoch nochmals, daß bei den jetzigen Beerdigungen zweifellos Uebelstände vorhanden seien und bei Harmoniumbegleitungen die Feier tatsächlich eine gehobenere und würdigere sei. Herr Manheimer bestreitet, daß der Wunsch nach " einen: Harmonium irgendwie eine Nachahmung christlicher Sitten bedeute. Man sollte doch annehmen, daß der Vorsitzende der Friedhofskommission ein Urteil darüber habe, ob .jetzt Mißstände vorhanden seien. Herr Weinberg will nicht zugeben, daß die Würde der Feier bisher irgend etwas zu wünschen gelassen hätte. Professor Geiger möchte endlich die Bemerkung, daß die Harmoniumbegleitung unjüdisch sei, nicht unwidersprochen lassen. Wie es mit Freuden zu begrüßen sei, daß der Friedhof am Sabbat und den Feiertagen, den einzigen freien Tagen für viele Leute, offen gehalten werde, so sei es auch zweckentsprechend, die Würde der Feier zu erhöhen. Jedenfalls könne er es nicht für berechtigt erachten, daß ein Mitglied der Versammlung den Antrag eines anderen als unjüdisch bezeichne. Bei der Abstimmung wird der Antrag mit sechs gegen acht Stimmen abgelehnt; dafür stimmen fünf Liberale und bemerkenswerterweise auch der Vorsitzende Geheimrat Blumenthal. Die Versammlung wandte sich alsdann der Vorlage betreffs Ankauf eines Terrains zur Errichtung des neuen Krankenhauses zu. Maurermeister Fränkel empfiehlt den Antrag des Gemeindevorstandes anzunehmen. Er teilt noch mit, daß das 11 Morgen große Terrain, in der Seestraße gegenüber der dritten Alterversorgungsanstalt gelegen ist und das Krankenhaus zur Aufnahme bis zu 200 Betten eingerichtet werden soll. Der von der Stadtgemeinde für das Terrain geforderte Preis sei ein mäßiger. Rechtanwalt Dr. Cohn berichtet aus den Vorverhandlungen im Ausschuß III, daß dort Bedenken wegen der weiten Entfernung erhoben worden seien. Vorsteher Jacobh weist darauf hin, daß der Terrainpreis wegen der in der Abnahme der Stadtkranken beruhenden Gegenleistungen der jüdischen Gemeinde mäßiger berechnet worden fei. Pros. Baginskh hebt betreffs des Vorwurfs der weiten Entfernung hervor, daß man jetzt gezwungen sei, mit derartigen Bauten an die Peripherie der Stadt zu gehen, wie auch das Beispiel des Virchow-Krankenhauses beweise. Er ist der Ueberzeugung, daß kein besserer Platz gefunden werden konnte und der Gemeindevorstand wärmsten Dank verdiene für die erfolgreiche und gewiß nicht leichte Unterhandlung mit der Stadt. Herr Weinberg kann es nicht begreifen, daß das jüdische Krankenhaus, das noch vor 40 Jahren eine Musteranstalt gewesen sei, „in so kurzer Zeit" so zurückgegangen sei, daß die Polizei die Schließung androhen mußte. Das Bedenken der weiten Entfernung teilt er mit Rücksicht auf die vielen armen Juden. Vorsteher Jacobh erwidert, daß drei Straßenbahnlinien dorthin fahren. Pros. Blaschke hebt hervor, daß im Ausschuß nur die weite Entfernung mit Rücksicht auf die Glaubensgenossen, welche am Sabbat nicht fahren, als bedenklich bezeichnet worden sei- Prof. Baginskh ireut sich, daß der Vorredner zu seinem (Baginsky's) religiösen Gefühl so viel Vertrauen, habe, doch, wo ärztliche Interessen in Frage stehen, lasse er sein religiöses Gefühl zu Hause! (Prof. Geiger ruft: Bravo!) Er halte es übrigens auch für zweckmäßig, daß die Kranken nicht so häufig besucht würden. Die Anregung des Herrn Berthold Israel, die auf die dem gekauften Terrain benachbarten sechs Morgen sich das Verkaufsrecht für fünf Jahre zu sichern, lehnt Vorsteher Jacobh mit der Motivierung ab, daß dies eine jährliche Belastung mit 30000 Mark für die Gemeindeverwaltung bedeuten würde. Die Vorlage wurde alsdann einstimmig angenommen. — In die Armenkommission wurde Dr. Edmund Salseld, in die Waisenkommission Direktor Grünwalb-Pankow und in die Bibliothekkommission Herr Siegfried Brünn abgeordnet. Ein von konservativen Mitgliedern gestellter Antrag wünscht, eine Zahlungsaufforderung an die Steuerrestanten der ganzen Etatsperiode mit dem Hinweis, daß sie bei Nichtzahlung des Wahlrechtes verlustig gehen. Herr Isidor Sachs begründet kurz diesen Antrag. Professor Blaschke stimmt diesem Anträge zu, doch nicht in der Hoffnung, die möglicherweise von den Antragstellern gehegt wird Er hat nämlich, wie er mitteilte, gegen seinen Willen Ohrenzeuge einer Unterhaltung sein müssen, in der die 1340 rückständigen Steuerzahler - als . konservative Wähler reklamiert wurden. Wie sich im Laufe der Debatte herausstellte, ist diese interessante Bemerkung von Herrn Weinberg getan worden, der beim Verlassen des Sitzungssaales laut geäußert hatte: j,Das sind unsere Wähler!" Vorsteher Simon hält die Gemeindeverwaltung nicht für berechtigt, auf die Steuerzahler eine solche Pression auszuüben. Nach .ihm ist es ausreichend, wenn bei der. Ankündigung der Auslegung der Wählerlisten nochmals an den Statutenparagraphen betreffs des Verlustes des Wahlrechtes erinnert wird. Der Antrag wurde mit großer , Majorität angenommen. In einer dringlichen Vorlage beantragt der Gemeindevorstand die Einsetzung einer Sonderkommission (2 Aelteste, 4 Repräsentanten) zur Vorbereitung der Wahl von Shnagogenvorstehern und den Funktionären für die Synagoge Rhkestraße. Seitens der Repräsentanten werden in diese Kommission die Herren . Dr. Cohn, Isidor Sachs, Louis Sachs und Professor Blaschke entsandt. — In einer ferneren dringlichen Vorlage wird endlich noch beschlossen, die bei der Einweihungsfeier der neuen Mädchenschule gehaltenen Reden in Form einer Broschüre, denen eine Einleitung über die bauhygienischen Neuheiten der Schule vorausgeschickt werden soll, drucken und allen Gemeindemitgliedern zugehen zu lassen. . Ver-