Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1904)
- Date
- 1904-04-22
- Page
- Seite 204 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Karten einen Moment zur- Seite geworfen und die leidige Frage von neuem ausgenommen. „Stramm", ertönte eine etwas hohe Stimme aus dem linken Zimmer „stramm! Ich sag, es ist eine Gemeinheit! Verkauft und verraten ist die Kille geworden. Hat man sich da einen Rabbiner zugelegt. E Raw von 25 Jahren für die Schmarrenkower Kille! Was soll der kennen? Der soll uns lernen? Der soll Kaschres deuten können?" Die Stimme steigerte sich mehr und mehr, bis sie beinahe überschlug. „Stramm ist das gewesen, a Rosch-Haschono-Predigt? E Busche, Stramm? Noch einen Augenblick, einen Augenblick sag ich euch, und er hätt uns erzählt a Maase vom Tote! — Ich Hab gemeint, er wird, — jeden Augenblick! Und das müssen wir uns gefallen lassen, vor dem Gelde — vor unserm Gelbe!?" schloß er flannnend unter tosenden: Beifall. „Fünfzig Pfennig," sagte der schöne Emil im Zimmer rechts, aus eine Karte klopfend darin: „Habt ihr gehört, Stramm — Salme fängt an, hochdeutsch zu reden". „Wie ers sagt, ist gleichgültig aber was er sagt, hat er jedenfalls recht," meinte Caesar Kwaller. Kwaller, ein Jüngling von 25 Jahren, war das Prototyp eines Philisters. Dick, mit knallroten Wangen und rundem Gesicht, ging er morgens über Land, kaufte eine Ferse oder Rind (das war ein Unterschied in Schmarrenkower), und wenn es der Mamser von einem Chasan nicht trefe machte, dann war ja alles gut. Der Chasan, der Goldfinger, das war nämlich auch so einer. Nach der unparteiischen Kollektiv aussag e sämtlicher Schmarrenkower Fleischer konnte Goldfinger weder „dawenen", denn er schrie 'nur ganz jämmerlich und hatte keine musikalische Note in sich (was besagte Schlächtermeister ja sehr gut zu beurteilen imstande fein mußten), noch konnte er mit dem richtigen „Nigen" „leinen", noch konnte er überhaupt etwas. Nur das Rind . trefe machen, das konnte er. So viel trefene Rinder hatte es in der Kille noch nicht gegeben, wie während Goldfingers einjähriger Regierung. Es war soweit gekommen, daß Goldfinger sich hütete, sein imperatives „Trefe" in: Schlachthof des Schlächters offen zu proklamieren. Dafür hatte er zu trübe Erfahrungen gemacht. Seit ein Schlächter ihn in: Schlachthof eingesperrt und gedroht hatte, nicht früher herauszulasfen, bis er seinen Irrtum eingesehen, war er vorsichtiger , geworden. Jetzt, wenn das Vieh geschlachtet und untersucht war, murmelte er etwas vor sich hin, das gewöhnlich wie „Koscher" klang, dann Packte er sein Messer zusammen und erst in der Tür, u:it seinen: halben Körper auf der Straße, stieß er ein krampfhaftes „Trefe" hervor, warf die Tür hinter sich ins Schloß und rannte davon. Und in den nächsten 5 Minuten blieb er nicht stehen. Wenn die LeuteIhn dann so durch die Gasse eilen sahen, stießen sie einander an und meinten: „Goldfinger hat schon wieder.ein Trefe". - So etwa standen die Dinge in der Schmarrenkower Kille kurz vor Beginn dieser Erzählung. Die Zusammenkünfte bei Flundermanns hatten neben einen Bombengeschäft für diesen Mann auch nochsonstige Resultate. Zuerst beschloß man, keine Steuern mehr zu zählen.' Durch diese Rechnung machte aber der Ortsgendarm einen sehr dicken Strich. Was nicht zählen wollte,^mußte gepfändet werden. Also zahlte man. Böser sah es schon aus, als man keinen Sitz mehr im Tempel kaufen wollte, sondern als Armer sich einfach einen änweisen ließ. Doch durch einen guten Einfall überkau: der Vorstand auch dieses Hindernis/Sobald sich solch ein „Armer" um Ausweisung eines Sitzes meldete, wurde ihm prompt einer neben seinem besten Feinde angewiesen — und dazu noch eine Stelle tiefer. ' Moische Cohn, genannt „Chroß"-kommt. Ein dicker Mann, der vielleicht Kragen Nummer 47 trägt. Seine Nase trieft von Schnupftabak. Seine Unzufriedenheit ist chronisch und notorisch. Wo Unzufriedene beisammen sind, äst er sicher in . der ersten Reihe. Jetzt hebt er an mit seiner unbeschreiblichen Stimme, näselnd, gedehnt, ein Kreuz zwischen Grunzen und Baß: „Bitte weisen Sie mir an einen Umsonstsitz". „Aber sie sind doch nicht arm, Herr Cohn". „Jetzt ja. .Wenn die Kille wird nehmen a Raaf — was . j is ä Raaf — werd' ich^ wieder sein reich." „Schön, - No. 764". Jener sieht zweifelhaft aus. „Welche Reih' ist das?" „Die vorletzte". Ein gewaltsam unterdrücktes Stöhnen. Sonst saß er vis u vis den: Raaf, in der ersten Reihe. Mer fitzt neben mir", fragte er endlich. „Die Nummer v o r Ihnen hat Joseph Reumann". „Fisch — Nähme?! — Neben mir?!" kreischte der Alte. „As vßer! Das ist eine Gemeinheit, das laß ich mir nicht bieten. Einen andern Sitz will ich haben!" „Dann kaufen Sie sich doch einen. Ueberhaupt in: Vertrauen, Herr Cohn, weil Sie's sind. Hilles Hallmann ist heute hiergewesen, und hat sich die Sitze angesehen. Ich meine, er will Ihren alten kaufen". Das Maß war Poll. „Reb Kahne, Kochhannchens Mann auf meine» Sitz, wo schon mei Tate seelig gesessen hat?", schrie er. Und dann resolut: „So soll Para leben. Hier haben Sie Ihre 15 Mark. Adien". Diese Szenen wiederholten sich-mit immer gleichem Resultat. Dann streikten die Schlächter. Entweder einen anderen Rebbe und Kantor, oder kein koscher Fleisch.. Was hilft's? Hübschlanke war gar nicht allzuweit entfernt von Schmarrenkower, es gab koscher Fleisch in Hülle und Fülle. Da schließlich gab die Opposition klein bei. J Indessen war es Purim geworden. Der junge Rabbiner hatte durchaus nicht feine Hände in den Schoß gelegt, sondern sich an die Bekämpfung seiner Gegner gemacht. Und das „Wie" hatte der gesamten Kille, sogar den „Obersten", den Atem benommen. Er war eines Abends in höchsteigener , Person bei Flundermann, Zimmer rechts, erschienen und hatte sich ein Glas Bier bestellt. Konsternation! Man hörte auf zu mauscheln. Der Rabbiner hatte so nebenbei zu Caesar Kwaller und dem schönen Emil gemeint, daß in der Kille , doch eigentlich gar nichts los sei. „Mauscheln" sei nicht schön, schon weil es ein Hazardspiel sei und dann, — weil doch keine Dainen teilnehmen könnten. Ueberhaupt veredle der Umgang mit Damen die Menschheit. Man muß einen Verein gründen, an dem Da:nen und Herren zwanglos teilnehmen könnten. . Er selbst wäre erbötig, sich 'einem solchen Verein an die Spitze zu stellen und ihn zu leiten. Natürlich muß er sich von edelsten Jünglingen der Kille unterstützt wissen. Und da ja grade die | „Edelsten" so schön beisammen sein, — wie wärs, wenn man 1 gleich einen Beschluß faßte. Me Edelsten waren starr. Das ein Raw in der Chewra bei tropfender Kerze und Schnupftabak Talmud „lernte", das war ihnen geläufig, aber daß einer einen Verein mit Damen f gründen wollte — Donnerwetter! (Fortsetzung folgt.) | Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.