Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1904)
- Date
- 1904-04-22
- Page
- Seite 203 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228581-3228599--60756-3274541- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 2× ep/1004827
OCR text
203 von einer charakteristischen Eigenschaft des Kalkes, leicht zn zerfallen, spricht, so kapn er damit nur den gebrannten Kalk gemeint haben, und gebrannter Kalk konnte nur zur Mörtelbereitung verwendet werden. Da man das Brennen des Tons kannte, brauchtes nicht zu sehr aufzusallen, daß man auch das Brennen des Kalks kannte. Beiläufig sei noch erwähnt, daß man zur Zeit der Abfassung der Bibel Zwar den Ton. zu. brennen verstand, nicht aber ihn auch gleichzeitig wasserdicht zu machen. Tongeräte konnten daher nicht zur Aufbewahrung von Flüssigkeiten benutzt werden. Die. Herstellung wasserdichter Tongesäße gehört einer viel späteren Zeit an. (Schluß folgt.) Jus einer kleinen Gemeinde. Von Oskar T. Schweriner. 4rx Schmarrenkower herrschte Aufregung. Nein, — das ist nicht genug gesagt; — in Schmarrenkower jagte eine Aufregung die andere. So etwas hatte die Kille seit ihres Bestehens noch nicht erlebt — und sie bestand unberufen und zu gesund doch schon recht lange. Die ältesten Leute konnten sich auf derartiges nicht erinnern. Angesangen hatten die Aufregungen mit dem Kampf ltnt den Rabbi, und als die Angelegenheit glücklich vorüber war, kam die Gründung des Literaturvereins mit seinem Sieg der Jungen über die Alten und dem schließlichen kulturellen Fortschritt der ganzen Kille. Doch kaum sind diese Aufregungen glücklich überwunden, da kommt der „Berliners" .Junge plötzlich nach Hause zurück, der Junge, den man längst verschollen geglaubt. Und bald durchschwirren Gerüchte von enormem Reichtum von der „Berlinern ihren Sohn" die Luft. Also war es ganz logisch, daß die Aufregung sich in der Kille steigerte, je näher der Schabbes heranrückte. Die guten Schmarrenkower hatten nämlich ein unfehlbares Mittel, den Wohlstand eines Fremden zu taxieren. Ob er wollte oder nicht, sobald es zur Thora-Vorlesung kam, wurde der Fremde durch eine „Lije" geehrt. Dann mußte er selbstverständlich etwas spenden — etwas „menader“ sein, und nach dieser Spende wurde er geschützt. Sie nües ihm seinen Platz an, für alle Zeiten; hoch oben in der „Aristokratie", oder tief unten im „Volk". Nun, der Sonnabend kam heran, der Tempel war gefüllt wie selten. Sogar die Frauengalerie zeigte wenig leere Sitze. Da sah man Frauen, die eigentlich nur junt Rosch-Chaudesch-Benschen, zur Predigt kamen. Und als es zum „Beienen? ging, da verließ kein einziger 6llewra-Uann den Tempel wie üblich; alles blieb schön aus seinen Sitzen, und harrte der Dinge, die da konnnen sollten. Und die Dinge kamen. Man beobachtete, wie der Schammes dem jungen Berliner etwas zuraunte, und wie letztere sich darauf von seinem Nachbar den „Talles" ausborgte. Und als der Fremde endlich aufgerufen wurde, da schüttelte man die Köpfe vor Verwunderung über die Sicherheit, mit welcher er die „Broche“ hersagte. Gar nicht, als wenn er jahrelang in Amerika gewesen wäre. Sogar den „Nigen“ hatte er ganz richtig, wie ein Alter. Doch jetzt nahte der wichtige Moment. Das eigentümliche Summen, womit die Mitbetenden den Tempel bis dahin erfüllt hatten, verstummte plötzlich, Männer und Frauen saßen mit vorgestreckten Köpfen lauschend da, einige hatten sogar ihre Hand ans Ohr gelegt. Da sprach der Fremde einige leise Worte zum Vorbeter. Die Wirkung war sonderbar. Der Vorbeter drehte sich blitzschnell zum Sprecher herum, gasste ihn einem Moment mit ossenstehendem Munde an, und brachte schließlich nur hervor: „Wa — woas?!" Der Fremde sprach wieder einige Worte.' Der Chasan schien ganz aus dem Häuschen. Er schien mit diesem Mischeberach nicht zu Ende kommen zn können, nahm ein oder zweimal frisch Ansatz und platzte schließlich an der Stelle, wo. sonst, wie Usus, die Spende in hebräischer Sprache verkündet wird, in die Worte aus: „Eine neue Synagoge mit Gasanlage und sämtlichen Zubehör- und Torarollen, Silber, Vorhängen usw. und was hier ist, soll die Chewra Kadischa bekommen. Außerdem 5000 Mark für die Armen"! Das aus dem Stegreif zu übersetzen, war dem guten Chasan doch zu viel gewesen. Kann man sich da wundern, daß die Mitglieder der Schmarrenkower Kille vor Aufregung nicht recht wußten, wo ihnen der Kopf stand? Und als nun „unser Berliner", wie sie ihn nannten, im Literatur-Verein die Geschichte seines Reichtums öffentlich zum Vesten gegeben hatte, und mit Jedermann, aber auch Jedermann angestoßen hatte, da kannte die Begeisterung und Aufregung der Schmarrenkower keine Grenzen mehr. Und die Geschichte, die der junge Berliner erzählte, war wirklich des Hörens wert. Sie klang kaum glaublich, und doch wiederum wahr und — vor allen Dingen — sie w a r wahr. Es wird eine denkwürdige Nacht bleiben in der Geschichte der Schmarren- " kower. Alle saßen sie um den Jüngling herum, in Schlittermanns Saal, denn bei Flundermann, wo sonst der Literaturverein tagte, war nicht Platz genug. Jeder hatte eine Flasche Wein vor sich, und alle lauschten gespannt, wie er — — Doch ich merke, ich habe vorgegriffen. Ich wollte als Chronist nur der Wahrheit gemäß die Begebenheiten notieren, die die Kille von Schmarrenkowen in eine solche Serie von Aufregungen trieben, wie sie selbst die ältesten Leute nicht denken konnten und die dann mit einem solchen Aufschwung der kulturellen und finanziellen Verhältnisse enden sollten. Also angefangen hatten die Aufregungen, wie schon gesagt, mit den: „Kampf um den Rabbi". Zu den großen Jonr-Towim hatte man nämlich einen Rabbiner engagiert, bei dessen Wahl ein Teil der „Repräsentanten" dem andern Teil wenig schmeichelhafte Worte gesagt hatten. Selbst der Vorstand, bestehend aus drei. Herren, war gespalten. Der gespaltene Herr hielt es mit dein Volk. Aber die „Obersten" siegten, der Rabbiner wurde, gewählt. Darob große Ernpörung im Volke. Flundermanns Kneipe gegenüber der Synagoge war allabendlich überfüllt von den Unzufriedenen. Flundermann selbst war ihr Anführer. Warum nicht? Solche "Geschäfte hatte er noch nicht gesehen seit dem Bestand der Kille. Die zwei niedrigen Zimmer hinter seinem Laden waren allabendlich mit Tabaksqualin so gefüllt, das die weißen Kalkdecken oben bereits eine unentschiedene Nuance von grau-schwarz aufwiesen; sehen konnte man die Menschen im ersten Augenblick gewöhnlich überhaupt nicht — nur Silhouetten — um so deutlicher hörte man sie aber. Im Zimmer links pflegten sich die Aelteren des Volkes zu versammeln, im rechten Zimmer die Jugend. Im Zimmer links trank man wenig Schnaps, mehr Bier, aß dazu ganze „Ellen" von Krakauer Wurst — Liegnitzer Bomben für den verfeinerten Geschmack — und diskutierte die Situation und schmiedete Pläne. Im Zimmer rechts „mauschelte" man, — vor allen Dingen. Man mauschelte, bis so ein hingeworfenes Wort die Leidenschaften wieder entfachte. Dann wurden die