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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-04-22 · Heft 17 (22.4.1904) · p. Seite 197

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 17 (22.4.1904)
Date
1904-04-22
Page
Seite 197 (sequence 5)
Language
German
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Adligen gegen ihn vor. Den Kleinen ist er zu streng, denn > er wünscht, daß der Geistliche fleißig Messen lese und predige und weniger auf die Jagd gehe, und im'Wirtshause sitze und politisiere; die hohen Adligen neiden sein überreich dotiertes Erzbistum, und nun beginnt ein frisches und fröhliches Kesseltreiben gegen den „Juden", wie man ihn überall nennt; ich lasse absichtlich die wenig wohlriechenden Epitheta weg, die das Attribut zu dem Juden bilden. Prozesse über Prozesse wuchern wie die Pilze aus dem mit ebenso saftigen wie kotigen Zeitungsartikeln gedüngten Boden. Es ist ein Kamps aller gegen einen, und da muß auch die knorrigste Eiche stürzen. Und sie stürzte. Kohn ist nicht mehr Erzbischof; in Rom denkt er über die Vergänglichkeit alles Irdischen, nach; zu Ostern weiht ein anderer Erzbischof die Oele im Dome zu Olmütz,! dessen Türme an die einstige Herrlichkeit des Bauernsohnes erinnern. Wir wiederholen es: die mächtigsten Einflüsse machten sich bei der Kurie geltend, um Kohn, den Erzbischof, zu stürzen, und die ganze Frage war schließlich zu einer ganz gemeinen Rassenfrage heräbgesunken, wie dies auch jene Zeitungen zugestanden, die nicht genug Holzscheite herbeischleppen konnten, nur den im Grunde ganz unschuldigen Mann — in figura — zu verbrennen. Wer an dem Geschicke dieses Mannes nicht die neue und doch ewig alte Geschichte unseres Stammes lernen kann, der vermag überhaupt nichts zu lernen. Und jetzt werden! die hochgeborenen Adligen, die Hohenlohes und die Komorowskys, Deutsche, Tschechen und Polen den edlen Wettlanf beginnen, um die Millionen des Olmützer Erzbistums einzuheimsen, sich und den vielen bedürftigen Beamten zum Frommen. Das -ganze aber nennt man oaritgs, an der es angeblich Kohn fehlen ließ. Sein Vorgänger Fürstenberg übte diese eaiitas! Kohn freilich sah allen Leuten aus die Finger und störte gar manchen böhmischen Zirkel. Der Bauernsohn war töricht genug, für seine Person kaum das Gehalt eines Beamten der neunten Rangklasse zu brauchen, er sammelte das Geld für die Kirche, dafür belohnte man ihn damit, daß mm: im Volke sagte, der Jude trage das Geld auf die englische Bank, und verlange, der arme Geistliche möge sich, wie er, mit Suppe, Rindfleisch und Gemüse zum Mittagessen, begnügen. Das ist der Lohn für das strenge, aber gerechte Wirken. Und wir behaupten, wenn irgend ein Graf oder Fürst noch strenger gewirtschaftet hätte, nie und nimmer hätte man es gewagt, gegen ihn so vorzugehen, wie gegen den Judenstämmlintz. Kohn war sicherlich ein äußerst gläubiger Katholik, aber die Rassenmenschen sahen in ihm nur den Juden. Vor Grafen und Fürsten aber, denen die sReligion gar oft nur ein gutes Geschäft ist, hat man bei uns einen heillosen Respekt. Man hat keinen Begriff, wie tief der Rassenantisemitismus in Fleisch und Blut eingedrungen ist. Die Affäre eines getauften Wiener Universitätsprosessors, die freilich eine höchst schändliche ist, und leider noch viel Staub aufwirbeln wird, gibt wieder davon Zeugnis. Der getaufte Jude bleibt Noch immer den Organen der Antisemiten der unsittliche, sinnliche Jude, der Schandtaten begeht, die nach der Lehre des „Deutschen Volksblatt", aus dem Wesen des Judentums hervorgehen. Die gelehrten Herren Universitütsprosessoren, die Bücher schreiben, in denen sie die Rasseneigentümlichkeiten der Juden bloßlegen, die dem Judentum alles nehmen wollen, was es Großes der Menschheit geschenkt, um es den Assyriern etwa zuzuschreiben, die. aber nach ihren Theorien keine Semiten sind, mögen^nun sehen, welches Unheil sie anrichten. Von Harnak bis Delitzsch, von Chamberlain bis zum süßen Mob ist wahrlich kein weiter Schritt. Da hat in der mährischen Landeshauptstadt ein furchtbarer Fall sich, ereignet. Ein als sehr reich geltender arischer Großgrundbesitzer, dev die Kleinigkeit von | 129000 Kronen jährlich Kr seine nicht ganz noblen Passionen ver—schwendete, hat sich eines für ihn nicht sehr schönen Tages, an dem er seinen nächsten Verwandten ihr Erbteil auszahlen sollte, vom Fenster seines palastartigen Wohnhauses gestürzt, weil er besagtes Erbteil schon lange den Weg alles Irdischen hatte gehen lassen. Mit liebevollem Schweigen bedeckten die Zeitungen, die wenige magere Notizen über den sensationellen „Fall" brachten, diese wahrhaft skandalöse Affäre. Wir fragten uns, was wäre geschehen, wenn ein Jude dies getan hätte? Das ganze Rüstzeug schmählichster Verleumdung wäre gegen das Judentum in den Kampf geführt worden. Es ist ein Nichtjude — Bauer das ist etwas anderes. Von der Ungerechtigkeit und Gewalttätigkeit, mit der man in! unserem gesellschaftlichen Leben vorgeht, kann man sich schwer einen Begriff machen. Schon in der Schule sangen’ unsere Jugendbildner damit an, mit ungleicher Wage zu messen. Unsere Universitätsjugend macht im häßlichsten Rassenantisenütismus. Die Zeitungen verbreiten dieses Gift unter der Bevölkerung, und leider finden sich in unserer Mitte die Helden nicht, die diesen feindseligen Kumpanen entgegentreten. Dafür hat die Wiener Kultusgemeinde die Einrichtung getroffen, daß in den orthodoxesten Synagogen der Residenz am Sabbath liagadol von Rabbinern talmudische Vorträge über Issur! chomez gehalten werden. Wenn wir uns nicht ausraffen und dem Stillstände Halt gebieten, dann werden wir wieder bald im finstersten Mittelalter sein, mag die Sonne der Zeit noch so hell und frühlingsmäßig leuchten. Gehen wir daher rasch und kräftig an die Arbeit. Wie dies geschehen soll, dies sei die ernsteste Erwägung jener Kreise, die dazu berufen sind, die Träger unserer Bundeslade zu sein. Iwri. tjanus hecklcher. Von Max Olitzki. ie populärste Person im englischen Ober-und Urckerhaus, Mr. James Heckscher, feierte am 19. d. M. seinen 70. Geburtstag. — James Heckscher ist am 19. April 1834 in Hamburg geboren und begann 1859 seine Tätigkeit im englischen Parlament als Leiter des Depeschendienstes für die Reutersche Telegraphen-Kompagnie. Damals war das heute weltberühmte Institut im Entstehen begriffen. Der Besitzer und Begründer des R.T.-B., Baron von Reuter, hatte mit seinem Scharfsinn in Mr. Heckscher den Mann erblickt, der viel zur Hebung des heute allerersten Instituts beitragen sollte. 1864, zur Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges, wurde er nach Amerika gesandt, um den Reuterschen Nachrichtendienst zu leiten. Er sandte damals die einzig als wahr in Betracht kommenden Berichte über die Verschwörung gegep Lincoln, brachte die genauesten Texte über die damaligen Proklamationen und über Andrew Johnson. Dieses war, in Anbetracht der schwierigen Verhältnisse, mit denen Heckscher zu kämpfen hatte,' eine glänzende Leistung. Da es noch keine Kabelverbindung gab, so sah sich Heckscher häufig genug genötigt, eigene Verbindungen herzustellen, die dein Reuterschen Bureau^zwar große materielle Opfer auserlegten, aber auch den Grundstein zum Ruhme des Instituts und der Promptheit des Nachrichtendienstes setzten. 1865 kehrte er von seiner erfolgreichen amerikanischen Mission zurück und wurde bald darauf nach Brüssel gesandt, woselbst er' 272 Jahre das Reutersche Bureau vertrat. Von dort siedelte er im Aufträge seines Instituts auf neun Monate nach Berlin, dann nach Hamburg über, wo er seine anmutige, kluge Lebensgefährtin kennen lernte. Infolge dieser Ehe-

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