Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1904)
- Date
- 1904-04-22
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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. 196 allein schuldiger Teil erkannt. Gegen dieses Urteil legte der Mann Berufung beim Oberlandesgericht ein, weil er nicht der allein schuldige Teil sein wollte. Während diese Prozeßhandlung noch schwebte, kanr es zwischen den Parteien zu einem später gerichtlich bestätigten Vergleich, nach welchem der Mann sich verpflichtete, die Berufung zurückzuziehen und versprach, nach Erledigung der Vermögensauseinandersetzung auch in die rituelle Scheidung zu willigen und die nach der mosaischen-Religion erforderlichen Erklärungen (Eid) -abzngeben. Die Frau wollte nun wieder heiraten, und als der Mann, nach- .dem die Vermögensangelegenheit geordnet war, sich dennoch weigerte, jenen versprochenen Eid zu leisten, nahm die Frau gerichtliche Hilfe in Anspruch, um den Mann, zu den nach jüdischer Vorschrift notwendigen und von ihm versprochenen Erklärungen zu veranlassen. Das Landgericht hat diesem Anträge entsprochen und dem Mann im Weigerungsfälle eine Geldstrafe von 500 Mark angedroht.. Als der Eid nicht geleistet und die Weigerung fortgesetzt wurde, verurteilte das Landgericht den Mann zur erwähnten Geldstrafe und stellte eine weitere Geldstrafe von 1000 Mark in Aussicht. Als alle Beschwerden hiergegen erfolglos blieben, hat der Mann gegen seine geschiedene Frau Klage angestellt, dahingehend, festzustellen, daß die bei jenem Vergleich geschlossene Verpflichtung, in die rituelle Scheidung-zu willigen durch Abgabe jener verlangten Erklärung, nichtig und -die zur Erzwingung eingeleitete Zwangsvollstreckung unzulässig sei, weil in dem gestellten Verlangen ein Gewissenszwang liege. , * ' Wir haben bereits in der vorigen Nummer des Herrn Pfarrers Skowronek aus Bogutschütz und seiner antisemitischen Anwandlungen gedacht. Inzwischen hat der schreiblustige Herr abermals einen Brief an die „V. Z." gerichtet, welcher vollinhaltlich mitgeteilt zu werden verdient. , „Bogutschütz, 13. April 1904. Lassen Sie sich doch nicht so riesige Bären äufbinden: 1. „Daß der Bogutschützer Friedhof bis vor etwa zehn Jahren ein rein deutsches Gepräge hatte"; 2. „daß die jüdischen Geschäftsleute noch immer die strammsten Zentrumsagitatoren gewesen sind". Sollte Ihr Kattowitzer Berichterstatter wirklich davon nichts wissen, daß am Abend der letzten Reichstagswahl die Kattowitzer Judenschaft im Hotel „Monopol" Korfanty unter Ueberreichung eines großen Blumenstraußes zur Wahl herzlich beglückwünscht hat? Daß läßt doch lies blicken!! — Es macht deshalb einen geradezu komischen Eindruck, wenn die jüdische Journalistik in Hakatisrnirs arbeitet. Da sind die oberschlesischen Schnapsjuden praktischer. Die fassen das „fromme wasserpolnische Volk" von einer anderen Seite. Skowronek, Pfarrer." Aus der Antwort des Blattes ist für uns folgende Stelle von charakteristischem Interesse: . „Sie bestriten, daß die jüdischen Geschäftsleute noch immer hie -strammsten Zentrumsagitatoren gewesen seien. Sie würden recht haben, wenn wir wirklich so geschrieben hätten. In unserem Artikel aber steht: „Die jüdischen Geschäftsleute auf dem Lande." Und nun fragen wir Sie, Hochwürden, ist das wahr oder nicht? Wir raten Ihnen ernstlich, künftig genau lesen zu wollen, denn die Annahme, Sie könnten bewußt korrigiert haben, müssen wir doch weit -von uns weisen. Daß die „oberschlesischen Schnapsjuden", soweit sie in Bogutschütz wohnen, nicht mehr allzu freudig dem Zentrumsbanner folgen, glauben wir übrigens nach den uns vorliegenden Proben Ihrer Denkungsart als Diener des Friedens sehr gern. Was die Mitteilung über das Verhalten der „Kattowitzer. Iudenschaft" anbelangt, so können wir sie auf ihren Tatbestand hier nicht prüfen. Sollte sie auf Wahrheit beruhen, so würden wir nicht anstehen, unser aufrichtiges Bedauern darüber auszusprechen." Auch selbst in dieser schweren Zeit findet man in Rußland noch Muße, sich mit den Juden zu beschäftigen. Hern v. Plehwe scheint wirklich nichts anderes zu tun zü haben. Vor einigen Tagen brachten englische Blätter die Nachricht, Oskar Strauß, der frühere-amerikanische Gesandte in Konstantinopel, habe erzählt, daß England und Amerika auf die Kunde von Vorbereitungen zu antisemitischen Unruhen in Südrußland bei der russischen Regierung Vorstellung erhoben hätten. Kein Mensch hat diese sicher aus ruißverstandenen Aeußerungen beruhende Nachricht geglaubt. Die russische Regierung fühlt sich aber doch gedrungen, durch ihre offiziöse Telegraphenagentur kategorisch erklären zu lassen:. „Die Meldung der Londoner „Morning Post" ans Washington, nach der die Regierungen der Vereinigten Staaten und Großbritanniens der russischen Regierung aus Anlaß der Gerüchte über in Südrußland vorbereitete antisemitische Unruhen Vorstellungen gemacht hätten, entbehrt jeglicher Begründung und ist die reinste.Erfindung." $ Im amerikanischen Kongreß hat jüngst, wie aus Washington gemeldet wurde, der Deputierte Adams eine Bill eingebracht, durch welche die Zahl der Einwanderer, welche künftig innerhalb eines Jahres in den Vereinigten Staaten zugelassen werden soll, nicht mehr als 80000 betragen dürfe. Adams führte aus, es würden durch die Bill nur drei Länder Europas, nämlich Oesterreich-Ungarn, Rußland u,nd Italien, aus welchen Ländern die am wenigsten wünschenswerten Einwanderer stammen, berührt. Von der Million Einwanderer j des letzten Jahres seien zwei Drittel aus den genannten Ländern gekommen, und aus der Einwanderungsstatistik gehe hervor, daß trotz der sorgfältigsten Inspektion im abgelaufenen Jahre nur vier Fünftel Prozent von der Einwanderung ausgeschlossen werden konnten. Daß diese Bill sich hauptsächlich gegen die Juden richtet, ist sonnenklar. Inzwischen geschieht in Newyork alles ernstlich seitens der dortigen Juden, um die Schäden, welche die Einwanderung aus dem Osten mit sich führt, zu beseitigen. Verschiedene Vereine, darunter die Bnai Brith-Logen und die Jewish Agricultural and Industrial Aid Society nehmen sich der Sache an. Es gelang im Laufe des der-' stoffenen Jahres 5525 Personen aus Newyork fortzuschaffen. Während der drei Jahre der Agitation in dieser Richtung wurden überhaupt 10 565 Personen aus Newyork nach den ferneren Provinzen sortgeschickt. Die „Dispersionsgesellschaft" sorgt nicht nur für die Fortschaffung der Juden aus Newyork sondern auch für deren Versorgung. Es geschieht sehr selten, daß die fortgeschickten Juden nach Newyork. zurückkehren. So kehrten im Jahre 1903 bloß 1,7 0/0 zurück. Die Orte, wohin man gewöhnlich die Juden schickt, sind in Westamerika gelegen. St. Louis, ' Cincinnati, Milwaukee, Detroit, Kansas City, Omahv, Ohio re. heißen die Provinzen. Zweifellos geht es den Juden dort entschieden „besser, da die Bevölkerung nicht so übermäßig angewachsen ist. Lriek aus Nelterreich. Ende März. as Geschick des gewesenen Erzbischofs von Olmütz, Dr. Kohn, gibt uns noch einmal Anlaß, uns mit dem Glück und Ende dieses in manchem Betracht merkwürdigen Mannes zu beschäftigen. Ein armer, von Juden abstammender Bauernsohn aus dem dunkelsten Mähren wird zu einer nie geahnten Höhe emporgehoben. Seine Einkünfte sind fürstliche; er verwaltet sein kirchliches hohes Amt auf das tatkräftigste, bewirtschaftet seine weit ausgedehnten Güter auf das musterhafteste — da plötzlich beginnt man gegen ihn zu wühlen. Die kleinen Kleriker gehen im engen Bündnis mit den höchsten