Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1904)
- Date
- 1904-04-22
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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195 erklärlich bei den armen Juden des Ostens sein, die noch im Ghetto lebten. Es ist gewiß in hohem Grade betrübenswert, daß in unserem Vaterlande noch heute solche Zustände herrschen. Das darf und kann uns. nicht abhalten, dazu berzutragen, daß endlich diesen Zuständen ein Ende bereitet werde. Erfreulich ist es nicht, im Reichstage nach dieser Richtung hin tätig zu sein, aber es muß die heiligste Pflicht der liberalen Männer sein, hier ganze Arbeit zu machen. Möge es, so schließt der Redner unter lebhaftem Beifall, der Mehrzahl von Ihnen beschieden sein, mitzuerleben, daß, was Kaiser Friedrich einst die Schmach des Jahrhunderts nannte, wie der Schnee vor der Frühlingssonne verschwinde, daß wieder Zeiten zurückkehren in unserem Vaterlande, wie sie in unserer Väter Zeit waren, daß ohne Unterschied des Glaubens alle Mitbürger sich in edlem und heiligem Wettstreit bestreben, des gemeinsamen Vaterlandes wert zu sein. Möge sich der Wunsch erfüllen, dem Scheffel seiner Zeit Ansdruck gegeben hat: Ein Hoch dem Deutschen Reich, — An Kühnheit reich, dem Adler gleich — Mög's täglich neu sich stärken; — Doch Gott behüt's vor Klassenhaß und Rassenhaß und Massenhaß — Und derlei Teufelswerken! Der Vorsitzende legte alsdann folgende Resolution der Versammlung vor: „Die Stellung der Inden im deutschen Heere entspricht in keiner Weise dem verfassungsmäßigen Grundsatz konfessioneller Gleichberechtigung. Zumal in Preußen ist heute das Aufrücken unserer jüdischen Mitbürger in Offiziersstellungen tatsächlich ausgeschlossen. Da die Juden an den Heereslasten wie an alten anderen Staatslasten zum Vollen beteiligt werden, so erscheint ihre aus sachlichen Gründen schlechterdings nicht zu rechtfertigende Zurücksetzung im Heere als eine staatsbürgerliche Ehrenkränkung, die eines Rechtsstaates unwürdig ist." In der kurzen Diskussion weist Justizrat Dr. Heinrich Meyer Cohn darauf hin, daß es.mehr jüdische Kinder und jüdische Greise gibt tut Verhältnis zu solchen, die gerade im dienstpflichtigen Alter stehen, eine biologische Tatsache, die betreffs der oben erwähnten Differenz der Juden im Heere erheblich in Betracht kommt. Auch ein Mangel an Wolhabenheit der Juden spielt bei dieser Frage mit. Aus Grund einer Statistik, die Redner unter den dienstpflichtigen Studierenden angestellt hat, wonach alle Juristen in höherem Maße diensttauglich seien als die Mediziner und die Medizitrer weitaus diensttauglicher als die Philosophen, könne man den mathematischen Beweis führen, daß mit der steigenden Lebensführung auch die Diensttauglichkeit steige. In der russischen Armee sei die Zahl der jüdischen Gemeinen schon größer als ihrer Zahl prozentual entspreche, noch weit großer sei die Zahl der jüdischen Aerzte. Der jüdische Soldat werde im Kriege immer mehr ästimiert, als im Frieden und unsere eigene Regierung wie auch die fremden Negierungen hätten den Beweis geliefert, daß, wenn geschossen werden soll, der Jude so geeignet wie der Christ sei. Oberstabsarzt Dr. Ros enth al bespricht besonders die Zurücksetzung der jüdischen Aerzte im Heere. Sanitätsrat Dr. Neumann hebt noch hervor, daß es vielerlei Gründe gebe, die das Zahlenverhältnis der Juden im Heere erklären oder in gewisser Weise mildern. Die zahllosen antisemitischen Verfolgungen hätten zweifellos auch ihre schädigende Wirkung aus die jüdische Bevölkerung ausgeübt, betreffs deren körperlicher Degeneration und ihres moralischen Mutes. Darum müsse man dankbar sein, daß sich auch außerhalb der jüdischen Bevölkerung ein Verein gegen den Antisemitismus gebildet habe. Redner erinnert, daß, als König Friedrich Wilhelm IV. von den acht Korpskommandanten im Jahre 1844 die Beantwortung der Frage verlangte, ob es nicht besser sein tvürde, die Juden überhaupt vom Militär zu befreien und anstatt dessen von ihnen eine Geldabgabe zu erheben, alle ohne Unterschied erwiderten, daß es im Frieden wie im Kriege keinen Unterschied zwischen christlichen und jüdischen Soldaten gebe, sie. hätten, dieselben Fehler und dieselben Tugenden. — Damit schloß die Diskussion; die oben gegebene Resolution wurde einstimmig angenommen. — Die bisherigen fünf Mitglieder des Vorstandes: Dr. Th. Barth-Berlin, Archivdirektor Dr. Georg Winter-Osnabrück, Geh. Baurat a. D. Benoit-Karlsruhe i. Baden, Stadtrat H. Flinsch und Charles L. Hallgarten-Franksurt a. M. wurden schließlich durch Akklamation wieder- Herr Prof. Eickhoff neugewählt. Nie Woche. Berlin, 20. April, it äem Tage, wo die Parlamente wieder ihre Tore öffnen, beginnt auch unsere Arbeit, den Reden und Verhandlungen, soweit sie sich auf unsere Interessen beziehen, aufmerksam zu folgen. Im Reichstag will die Affäre „Mandelstamm und Silberfarb" nicht zur Ruhe kommen. In der Sitzung vom 14. d. M. hat der Abgeordnete Bebel sie abermals angeschnitten. Ueber die beiden Russen machte er dabei folgende Mitteilungen von allgemeinem Interesse: „Silberfarb ist kein Attarchist, nicht einmal Sozialist, sondern Zionist, also ein orthodoxer Jude, dem nichts ferner liegen als Umsturzgedanken. Mandelstamm hat als junger Mensch zu Libau sich scharf gegen die Russifizierungsbestrebnngen gegenüber beu Deutschen gewandt. Später ging er nach Moskau, trat in eine Fabrik als Arbeiter ein und wurde dort wegen sozialdemokratischer Agitation verhaftet. Er wurde zwei Jahre in Untersuchungshaft gehalten." Wie von anderer Seite berichtet wird, soll Mandelstamm überhaupt nicht mehr Jude sein. Wichtiger als all dies war aber aus der Antwort des Reichskanzlers der folgende Passus: „Was nun die stattgehabten Ausweisungen anbetrifft, die auf meine Veranlassung erfolgt finb, so haben sich die Ausgewiesenen ihr Schicksal selbst zuzuschreiben. (Sehr richtig!) Ich habe es hier vor einigen Wochen ausgeführt, daß fremde Studenten, die sich bei uns ruhig und anständig benehmen, ungestört unsere Bildungsanstalten besuchen und ihren Studien nach gehen können. Wie richtig das ist, können Sie schon daraus entnehmen, daß in der Universität Berlin in der letzten Zeit die Zahl der fremden und speziell der russischen Studenten nicht ab-, sondern zugenommetr hat. (Hört hört!) Es scheint also den Herren bei uns gar nicht schlecht zu gefallen." Die Scharfmacher auf der rechten Seite werden diese Aeußerungen nicht mit besonderem Vergnügen angehört haben. In der Sitzung von: 19. d. M. hielt Abg. Kämpf eine sehr wirksame Rede über die Behandlung deutscher Staatsangehöriger jüdischer Konfession in Rußland. Wir kommen noch darauf zurück. Im Herrenhause, wo die sogenannte Judenfrage — Gott sei Dank — nur selten angeschnitten wird, haben am 15. d. zwei -schlesische Granden den erfreulichsten Beweis erbracht, daß der Antisemitismus nicht zum Dogma der konservativen Idee gehört. Die Grafen Praschma und Oppersdorff sind merkwürdigerweise zugleich auf die Idee eines Vergleiches zwischen Juden und Polen gekommen. Und beide haben Ausnahmegesetze gegen die Juden mit gleicher Entschiedenheit abgelehnt wie gegen die Polen. Der letztere fragte seine Parteigenossen erregt: „Wollen Sie etwa einen polnischen Zionismus, wollen Sie die alte Schande der Judenverfolgung in neuerAuflage? Das wäreein Spektakel." Wenn aber Graf Praschma meint, daß, falls sich das neue Gesetz nicht gegen die Polen, sondern gegen die Juden — was er nicht wünsche — wenden sollte, so würden die Liberalen sehr energisch dagegen opponieren, so mag er gewiß Recht haben. -Er vergißt nur, daß die Polen nicht nur ihre eigenen Vertreter, sondern auch Fürsprecher in anderen Parteien haben, während die Juden nur an den Liberalen einen Rückhalt, besitzen. * Das Reichsgericht hat jüngst in einer Scheidungsklage eine für uns prinzipielle wichtige Entscheidung gefaßt. Der Fall lag folgendermaßen: Ein jüdisches Ehepaar hatte gegenseitig die Scheidungsklage angestrengt. Das Landgericht hatte die Klage der Frau für begründet angesehen, es. wurde deshalb die Ehe geschieden und der Mann als