Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228581-3228598--60741-3274525- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
68. Jahrgang. So. 16. dkk ' Vetlase zur „Allgemeinen Leitung tie^ Judentums" lkürrelpllndenHM und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 11. April. In eindrucksvoller Feier wurde heute vormittag der Neubau der jüdischen Gemeindemädchenschule in der Kaiserstraße 29/30 eingeweiht. Zu diesem feierlichen Akte hatten die städtischen Behörden Herrn Schulrat Dr. Michaelis, der in Amtstracht erschienen war, und Herrn Stadtschulinspektor Dr. Fischer entsandt. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde wie die Repräsentanz war zahlreich vertreten, das Rabbinat hatte sich säst in corpore eingefunden; von bekannteren Persönlichkeiten bemerkten wir noch den greisen, allzeit rüstigen Stadtverordneten Sanitätsrat Dr. Neumann, Dr. Jutrosinski, Direktor Grunwald vom Waisenhaus in Pankow, Direktor Dr. Holzmann und andere. 'Nachdem ein zusammengestellter Chor der Zöglinge der Schule unter Leitung ihres Gesanglehrers das Terzett von Mendelsohn: „Hebe deine Augen auf", gesungen,' hielt Rabbiner Prof. Dr. Mahbaum die Weiherede. Er verwies aus die wichtigste Ausgabe, die einem religiösen Gemeinwesen obliege, die Begründung von Schulen, eine Ausgabe, die bereits von unseren Weisen erkannt worden sei, die da sagten, daß das Studium der Thora die heiligste Pflicht sei. Die Aufgabe der Schule sei nicht nur die Jugend für das Lebet: zu erziehen, sondern die Schule sei auch eine Stätte sittlicher Erziehung. Dem Unterricht in der Religion müsse deshalb die erste Stelle eingeräumt werden. Denn nur aus dem Gottesglauben quille jene Kraft des sittlichen Willens, die das Tierische in uns bändige und das edel Menschliche in uns zur Entfaltung bringe und uns dadurch befähige, selbst das Schwerste zu tragen und zu dulden. Darum bilde die Religion, wenn auch nicht den einzigen, so doch den hauptsächlichsten Gesichtspunkt, der uns bei der Gründung der Schulen leite und uns ihre Erhaltung zur Pflicht mache. Die Gemeindeschulen bilde:: die eigentliche Quellen der Verjüngung unserer Glaubensgemeiude und die Schüler und Schülerinnen, die von hier ausgehen, seien auch für das praktische Leben gefestigt, weil sie tief eingewurzelt seien in dem Boden der Religion. Nach beiden Seiten hin möge die Mädchenschule auch in den neuen Räumen ihre hohe Aufgabe erfüllen. Sie erziehe die Zöglinge für das Leben, sie mache sie geschickt für den Kamps ums Dasein, der jetzt auch dem weiblichen Geschlecht nicht erspart bleibe, geschickt nicht blos durch die Entfaltung ihrer geistigen und technischen Fähigkeiten, sondern auch durch die Entwicklung ihres Pflichtgefühls. Hier solle ihnen eingeflößt werden die Liebe zu der Stadt, in der sie geboren, die Liebe zu dem Staate, dem sie angehören, die Liebe zu dem Vaterlande, das mit seinem schützenden Arm alle seine Kinder umfaßt halte. Hier, sollen sie eingesührt werden in das Geistesleben der deutschen Nation, hier soll ihnen erschlossen werden die große Rechtsgeschichte des deutschen Volkes, die Schule soll eint Pflanzstätte sein für die Liebe zu König und Vaterland, zu Kaiser und Reich, für jene Liebe, die uns mit allen Landsgenossen eine als Kinder des einzigen, großen, deutschen Volkes. Aber die Schule erfülle auch die Aufgabe, die ihr von der Gemeinde gestellt sei, sie erziehe die Schüler und Schülerinnen zu treuen Bekennern des Judentums. Der Redner schloß mit dem Wunsche, daß Leiter und Lehrer ihrer hohen Aufgabe stets eingedenk bleiben mögen, ihres menschenbildenden Berufes in jener Vorbildlichkeit walten mögen, die den schöpferischen Nachahmungstrieb in den Herzen der Kinder wecke. Dann erfülle sich das Wort, mit dem er das Haus weihe: „Möge die Huld des Ewigen unseres Gottes über uns walten, daß er fördere das Werk unserer Hände." Ein kurzes Gebet schloß die eindrucksvolle Rede. Nach abermaligem Chorgesang „Wenn Gott der Herr das Haus erbaut" bewillkommnete der Vertreter des Gemeindevorstandes Herr Sanitätsrat Dr. Stern die Gäste. Er wies auf die Notwendigkeit der Errichtung eines Neubaus der Schule hin, deren räumliche Verhältnisse nach siebzigjährigem Bestehen im alten Gebäude sich in jeder Beziehung als unzulänglich erwiesen hatten. Als historisch interessant und für das Judentum charakteristsch bezeichnete er das seit Jahrtausenden ausgeprägte und tief eingewurzelte Gefühl, für die Erziehung der Jugend zu sorgen. Und diese traditionelle Pietät gegen eine kulturelle Forderung sei nicht der letzte Trieb gewesen für die Errichtung des Neubaus. Der alte Geist, die Kinder zu braven, tüchtigen und sittlichen Menschen heranzubilden, sie zu ausopfernngssreudigen und aufopserungsfähigen Kindern ihres Vaterlandes zu erziehen, werde auch in der neuen Schule walten und herrschen, die nunmehr auch in der äußeren Gestaltung, wie in der inneren Einrichtung wohl allen Ansprüchen genügen dürfte, die man billigerweise an ein modernes Schulgebäude stellen könne, zumal da an den bisherigen Lehrgang sich ein Fortbildungsunterricht anschließen und binnen kurzem ein Schularzt in den Dienst der Schule gestellt werden solle. Der Redner dankte der Komnüssivn für die baulichen Angelegenheiten, den: Baumeister, Herrn HöNiger, den staatlichen und städtischen Behörden für das freundliche Wohlwollen, das sie dem Schulwesen der jüdischen Gemeinde stets entgegengebracht. Er schloß mit dem Wunsch, daß Leiter und Lehrer wie bisher so auch fernerhin mit demselben regen Interesse und anerkennenswerten Eifer sich bewähren nrögen, als zuversichtliche und zielbewußte Hüter unserer Jugend. Er übergab die Mädchenschule ihrer Bestimmung mit den Wunsche, daß sie zum Heil und Segen unserer gegenwärtigen und aller künftigen Generationen blühen, wachsen und gedeihen möge bis in die späteste Zukunft. In kurzen Worten sprach alsdann, als Vertreter der städtischen Schuldeputation, der die Aufsicht über die Schule führende Schulinspektor Fischer, die herzlichsten Glück- und Segenswünsche zur Eröffnung des Hauses aus. Nach einen: kurzen geschichtlichen Rückblick dankte er dem jüdischen Gemeindevorstand namens der städtischen Verwaltung, für diese Schule nahezu sieben Jahrzehnte hindurch namhafte Opfer gebracht und nunmehr dieses schöne Schulgebäude errichtet zu haben, in dem die Kinder zu gottesfürchtigen, königstreuen und charaktervollen Persönlichkeiten wie bisher erzogen werden mögen. Als letzter Redner gab der zeitige Leiter der Anstalt, Rektor Dr. Gutmann, in kurzen Zügen den Werdegang der Schule,, die in: Jahre 1835 als Industrieschule mit zwei Stufen eröffnet, später zur Mittelschule erhoben wurde und nunmehr als achtklassige Schule besteht. Er zeichnete die einzelnen Entwicklungsphasen, die die Schule unter Leitung von Engelmann, Pros. Steinschneider und Dr. Adler, welch letzterem auch das Verdienst der wirksamen Anregung des Neubaus gebühre, und versprach für sich selbst, im Sinne seiner Vorgänger die Schule. fortzuführen. Er erblickt den Wert der jüdischen Schule zunächst darin, daß in ihr dem Religionsunterricht wie ,dem Hebräischen größere Berücksichtigung zuteil werden könne als in den paritätischen Schulen, dann aber seien auch die jüdischen Schulen die Stätte, wo die Kinder der aus altdeutschen Ländern eingewanderten Familie:: in deutsche Sprache, deutsche Sitte und deutschen Geist eingeführt werden. Die Hymne „Wir danken dir" schloß die würdige und erhebende Feier. — Der Schulneubau besteht aus einem Vorderhaus und einem langgestreckten Seitenflügel. Im Vorderhaus befinden sich rechts und links von den großen Durchfahrten die Wohnungen der beiden Portiers (Schuldiener und Synagoge), zu ebener Erde die 150 Quadratmeter große Turnhalle, die durch zwei Stockwerke geht und eine lichte Höhe von 6,50 Meter hat. Im ersten Stockwerk liegt die Wohnung des Rektors und das Amtszimmer, im zweiten die 23 Meter lange und Äl>,50 Meter breite Aula, die an der Vorder- und an der Hinterfront je 5 große Korbbogensenster mit.Bleiverglasung aufweist. Der eigentliche Schulbau ist der Seitenflügel, der von der linksseitigen Durchfahrt durch eine Freitreppe erreicht wird. Hier sind in vier Etagen 16 Klassenzimmer untergebracht, von welchen eine große als Zeichensaal benutzt wird. Die Klassen haben eine Größe - von 5Ö Quadratmeter. und bei 8 Meter Breite eine geringe Tiefe von 6 Meter. Der geräumige etwa 1000 Quadratmeter große,