Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- Seite 192 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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T-- WWWWWWMZWW r 192 kalifchen Gedanken des Wechselchors Ausdruck zu geben. Oder schwebte dem Komponisten auch der Gedanke vor, den grandiosen Meister Sulzer durch ein grandioses Werk ehren zu können? — Zur speziellen Betrachtung der einzelnen Nummern übergehend, mag gleich bemerkt werden, daß die Chöre durchweg besser gelungen sind, als die Rezitative des Vorbeters, denen die Eigenart, dramatische. Belebung fehlen und die durch öftere „Ganzschlüsse" inmitten kurzer musikalischer Sätze an Lebhaftigkeit und „Fluß" einbüßen. —-Die harmonische Bearbeitung der recht melodischen Chöre ist sauber und klangschön. Mur einige kleine Härten, wie im zweiten Chor Takt 5, im Schlußchor Takt 9 und 13 hätten vermieden werden können. - Die Chöre „Schma“ und „Aniu sind in der Ausarbeitung des Motivs zu kurz weggekommen, die weitere Durchführung des ersten musikalischen Gedankens im Nachahnrungsstil vielleicht nur um je vier Takte hätte zur Abrundung des Ganzen entschieden vorteilhaft beigetragen. Der selbständige Orgelpart ist gewissenhaft und sachverständig gearbeitet. So stellt die Keduschah des Herrn Zivi eine wertvolle Bereicherung unserer Synagogengesang-Literatur dar und kann allen Synagogenchören, sowie den Herren Kantoren zur Anschaffung wohl empfohlen werden. 8. F. KxrechsWl. Geehrter Herr Redakteur! Ihrem Leitartikel: „Das nuserwählte Volk" fNr. l2) zitieren Sie aus dem Roman „Moderne Propheten" den Rabbiner, welcher sagt: „Die Juden können ausgewählt sein, wie ein Thermometer, die Wärme zu messen, so den Knlturgrad der verschiedenen Völker zu bestinnnen. An der Behandlung der Juden erkennt man die Bildung der Individuen wie den Kulturstand der Völker." Es, dürfte für Sie' und Ihre Leser vom Interesse sein zu erfahren, daß diesen Ausspruch wirklich ein Rabbiner getan, und zwar ein sehr bedeutender, und kein geringerer als der selige Dr. Jellinek, s. Z. Prediger und Oberrabbiner in Wien. Bei dem anläßlich der Tempeleinweihung in Linz am 10. Mai 1877 ab gehaltenen Festbankette sprach Dr.-Jellinek den Kaisertvaft. In diesem sagte er wörtlich: „Wir Juden sind das Thermometer der Zivilisation. Wenn man wissen will, wie es unter den Völkern aussieht, wie ihre Bildung beschaffen ist, ob Aufklärung und Humanität dort eine Stätte aufgeschlagen haben, wie regiert und was für Gesetze gegeben werden, so braucht man bloß auf die Juden zu blicken. Es gibt Staaten, wv die Humanität unter Null steht — ich brauche sie nicht zu nennen, sie sind heute in dem Munde von ganz Europa — blicken Sie dorthin und betrachten Sie dort den Juden, seine äußere Erscheinung, seine gedrückte Haltung, sein ganzes verkümmertes Wesen und Sie werden erkennen, daß nicht bloß in unfern Gegenden der Mai etwas kalt ist, sondern daß in jenen Ländern nie ein Mai aufgegangen ist für wahre Bildung und Zivilisation! Wie es in unserem Vaterlande aussieht, auch dafür sprechen die Juden!"') Diese im Jahre 1877 von Dr. Jellinek gesprochenen Worte, namentlich unser Vaterland betreffend, haben noch heute ihren Wert nicht verloren. Teplitz, 2. April. Mit dem Ausdrucke der Hochachtung Dr. Ad. Kurrein. Geehrter Herr Redakteur! 3ch bin ein Opfer (der berühmten russischen brutalen Willkür — und bin leider nicht ^das einzige Opfer —, eines von jenen hunderttausenden, die jetzt durch die russische Despotie teilweise schon verunglückt sind, teilweise noch verunglücken werden. Ich bin ein armer jüdischer Handwerker. 15 Jahre wohnte ich. in Tomsk (Bezirksstadt in Sibirien), wo viele andere arme jüdische Handwerker wohnten und wo wir unser tägliches Brot schwer aber ehrlich verdienten. Mit den Einwohnern der Stadt befanden wir^ ') Festschrift zur Erinnerung an die feierliche Einweihung des^ israelitischen Tempels zu Linz. S. 38 ff. uns in den besten Beziehungen. Von dem Gifte des Antisemitismus spürten wir-nichts und konnten in voller Ruhe unsere Arbeit leisten. So ging es bis zum Sommer. Da besuchte der Minister des Innern, von Plehwe, unsere Stadt und nach einigen Tagen wurden wir, alle jüdische Handwerker, zur Polizei gerufen, wo man uns zu unterzeichnen zwang, daß wir im Verlauf eines Monats Tomsk zu verlassen hätten. Wer es nicht ausführe, der werde administrativ verbannt. Und so, ohne jeden Grund, nur nach grausamer Willkür sind nicht nur jene.500 jüdische Familien die in Tomsk wohnen, völlig ruiniert, sondern auch alle jüdischen Familien, die überhaupt in Sibirien wohnen. Wir haben keine Ahnung davon, was die Regierung veranlassen konnte, so viele friedliche Familien zu vertreiben: niemals war über uns irgend welche Beschwerde seitens der Bevölkerung ergangen, mit der wir uns so gut verstanden, niemals nahmen wir den geringsten Anteil an der revolutionären Bewegung, die gegenwärtig in ganz Rußland gährt. Wir wendeten uns mit Bitten an den Generalgouverneur, den Minister, den Senat, sogar an den Zaren, bekamen aber keine oder eine absagende Antwort. Die einzige Gnade, die uns bewilligt ward, ist die Erlaubnis noch ein paar Monate in Tomsk zu verbleiben, um alles in „Ordnung" zu bringe«. (!) Bei der Zerstörung und Vernichten von Hab und Gut soll auch eine Ordnung Vorkommen! Viele von den Unglücklichen haben schon Tomsk verlassen, um weit über den Ozean das Stückchen Brot zu suchen. Und welch eine bittere Ironie des Schicksals! Dieselben Wagen, die unsere jüdischen Brüder als Soldaten und Reservisten nach dem fernen Osten transportierten, verbannten uns jetzt von dort nach dem fernen Westen. Und während wir jetzt, aus der Heimat vertrieben, immer weiterund weiter in die Ferne uns verlieren, vergießen unsere Brüder, unsere Söhne ihr Blut . . . für solch ein Land, woraus sie auch nach dem Kriege,, so wie jetzt, rücksichtslos verjagt werden!! Gibt es eine grauenhaftere Barbarei? Wer von den beiden kriegführenden Parteien ist mehr asiatisch? Das „europäische" Rußland oder das „asiatische" Japan? Ein russisches Opfer. $ Sehr geehrter Herr Redakteur! ^^rsuche Sie höslichst um gefällige Aufnahme folgender Zeilen in den Sprechsaal Ihres geschätzten Blattes. Mit der Erklärung der Genesisstelle 4, 13 von Herrn Dr. Sonneschein „meine Schuld ist zu groß, um verziehen zu werden" — welche Erklärung übrigens auch Jbn Esra z. St. gibt — kann man sich nur teilweise zufrieden geben, nämlich mit der Auffassung von V)l? — Schuld. Hingegen widerspricht der Behauptung, daß pj; KtW „im ganzen biblischen Schrifttum das Verzeihen der Sünde und nichts anderes bedeutet", Leviticus 5, 1 und 17. Aus letzterer Stelle geht klar hervor, daß mit „Schuld tragen" übersetzt werden muß als Synonym zu Brumath i. Elf., 20. März.. Dr. Levy, Rabbiner. Sehr geehrter Herr Redakteur! V^or einigen Wochen ist in Ihrem sehr geschätzten Blatte von Herrn Professor Simonsen-Kopenhagen der von den Herren Oberrabbiner Hirsch-Hamburg und Klausrabbiner Dukes-Altona aus Grätzs Ehre gemachte Angriff, in vortrefflicher Weise zurückgewiesen worden. — Aus der Erklärung des Herrn Dr. Rosenbacher, daß die^ Unterschrift Ezechiel Landaus tatsächlich vorhanden, müßte jedermann annehmen, daß die von Herrn Oberrabbiner Hirsch gegen Grätz erhobene Beschuldigung mehr als grundlos ist, wenn nicht eine entschiedene Berichtigung der man mit Spannung seit Wochen entgegensieht, endlich erfolgen sollte. Oder sind im Gegensatz, zur allgemeinen Anschauung die Hamburger Orthodoxen der Ansicht, daß nur was zum Munde hinein, nicht aber was zum Munde herausgeht, verunreinigt? Hamburg, 20. März. ' Honestus. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. . Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.