Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- Seite 191 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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191 Literarische Mitteilungen. — 6ontru Delitzsch, die Babelhhpothesen widerlegt von Dr. S. Meyer. I. und II. Heft. Frankfurt a. M. 1903. I. Kauffmaun. Als Professor-Delitzsch Anfang des Jahres 1902 seinen ersten. Vortrag hielt, war der Verfasser der angezeigten Schrift der erste, der ihm in der „Deutschen Israelitischen Zeitung" entgegentrat. Delitzsch versuchte in einem Schreiben an den Verfasser dessen Argumente zu entkräften, worauf Dr. Meyer in seiner Schrift antwortete. Der Brief Delitzsch'- ist im ersten Hefte abgedruckt. Die vorliegende Schrift ist in zahlreichen politischen und Fachblättern des In- und Auslandes sehr günstig besprochen worden. Professor Dr. Eduard König in Bonn, ein kompetenter Beurteiler, nennt sie in der „Kirchlichen Wochenschrift für evangelische Christen" — „inhaltlich die reichste". Es soll auch hier, wenn auch etwas verspätet, auf dieselbe aufmerksam gemacht werden. Das erste Heft enthält eine allgemeine wissenschaftliche Einleitung zu dem Thema. Dann werden besprochen: 1. Der hebräische vierbuchstabige Gottesname; 2. Sabbat der Hebräer und der Schabbatu der Babylonier; 3. Die Erschaffung der Welt in der Bibel und auf den Keilschriftentafeln; 4. Die Erzählung vom Sündenfall; 5.' Der „Scheol";. 6. Die Sündflut; 7. Kaiser Wilhelm über Delitzsch'.Vorträge; 8. Erörterung über den Brief Seiner Majestät des Kaisers. Das zweite Heft: 1. Einleitung; 2. Delitzsch' Wort zur „Klärung"; 3. Die Tafel mit dem Brief des Jehoel, das ist Joel; 4. LI, „Das Ziel"; 5. Der Monotheismus; 6; Die Frau in der Bibel- Der gelehrte Verfasser weist mit vollkommener Sachkenntnis in eingehender Weise nach, das; das, was Delitzsch gegen das alte Testament vorbringt und als sicheres Ergebnis seiner Babel-Forschungen darstellt, nichts anderes als Hypothesen sind, welche aus Unkenntnis oderfalschen Voraussetzungen sich aufbauen und als sicheres Produkt exakter Forschung der überraschten Welt serviert werden. Herr Dr. Meyer übt an all' den einzelnen Hypothesen mit Geist und Ironie strenge Kritik. Es ist hier nicht der Ort, des näheren darauf einzugehen. Wohl aber möchten wir die Aufmerksamkeit aller Gebildeten auf die Schrift lenken. — Albert Katz: Der Chassidismus. Berlin 1904. 8". M. Poppelauer. Der Verfasser hat mit diesen: Thema eines der am wenigsten beachteten Kapitel in der neueren Geschichte des Jndentums bearbeitet. Ist seine Schrift schon deswegen bemerkenswert, so ist sie besonders durch die tiefe Auffassung und wissenschaftliche Behandlung des Gegenstandes bedeutsam zu nennen. Sie erfaßt das Wesen des Chassidismus in feinem innersten Kern. Und das konnte dem. Herrn Verfasser darum am besten gelingen, weil er mit der nötigen Kenntnis der kabbalistisch-chassidischen Literatur ausgerüstet, .denselben aus eigener Anschauung durch jahrelangen persönlichen Umgang mit den betreffenden Kreisen kennen gelernt hat. Er führt den Nachweis, daß der Chassidismus sich nicht, wie sonst vielfach behauptet worden ist in einen direkten Gegensatz zur Tradition und zum Nabbinismus setzt, und vollzieht so eine Ehrenrettung desselben, die alle Vorurteile, die bisher gegen ihn bestanden, niederschlägt und ihn uns sympathisch macht. Der Chassidismus erscheint uns danach religiös genommen nicht mehr als der wilde Mann, der, von allen Banden einernüchternen religiösen Anschauung losgelöst, auf der schwanken Leiter des Mystizismus und der schwärmerischen Verzückung den somnambulen Tanz ins Uebersinnliche macht, sondern als eine achtunggebietende geschloffene Weltanschauung, die kraft der intensivsten Gewalt des Glaubens im Herzen durch einen aufs höchste gesteigerten gottfreudigen Optimismus nach Lebensheiligung ringt. Diesen Eindruck wird der unbefangene Leser aus der Schrift umsomehr empfangen, als der Verfasser seinen Gegenstand ohne Voreingenommenheit und ohne Schönfärberei in klar überzeugender Form dargestellt hat. Dr. Ludwig Pick. — Dr. A. Heppner und I. Herzberg: „Aus Bergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinde in den Posen er Landen." Koschmin 1904. Israel Tuch. Heft I. — Von dieser interessanten Schrift, die wir kürzlich angekündigt, liegt nunmehr die erste Lieferung vor. Das Werk soll, wie die Heraus geber ankündigen, in seinem I. Teile wertvolle Mitteilungen „aus der Vergangenheit der Inden in den Posen er Landen" darbieten. Das Interesse, das gerade'dieser-Teilwecken wird,, ist ein um so größeres, als keine jüdische Provinzialgeschichtc ein so wechselvolles Bild aufzuweisen hat, als die der Provinz Posen; fällt sie doch zu einem großen Teil mit der Geschichte der Juden in Polen zusammen. Im II. Teile sollen .mit Illustrationen versehene „jüdische Gemeindebilder aus der Provinz Posen" dargeboten werden. In denselben soll gezeigt werden, wie die einzelnen Gemeinden der Provinz Posen von der Zeit ihrer Begründung bis zur Gegenwart sich entwickelt haben. ' Ehrwürdige Gestalten, deren.Andenken noch in der Erinnerung der heutigen Generation lebt, sollen 'vorgeführt werden. Nicht minder sollen die Verdienste all der Männer, welche Kraft und Können mit Eifer und Hingebung dem Gemeindewohl gewidmet haben gewürdigt werden. Aber auch diejenigen Männer, die den Posener-Landen entstammen, die weit über die Grenzen des heimatlichen Kreises einen Namen erlangt haben, und auf welche die jüdische Gesamtheit stolz sein kann, sollen Erwähnung finden. Das Werk wird in etwa 12 bis 15 Lieferungen erscheinen, die in kurzen Fristen zur Ausgabe gelangen. Wenn die folgenden Lieferungen halten, was hier versprochen wird, und nach dem Lesen des ersten Heftes zweifeln wir gar nicht daran, dann wird dem jüdischen Lesepublikum eine interessante und belehrende Lektüre geboten. Wir wollen daher nicht verfehlen, die Schrift „Aus Vergangenheit und Gegenwart" aufs wärmste zu empfehlen. Die Anschaffung derselben wird durch die lieferungsweise erfolgende Herausgabe wesentlich erleichtert. Fest-Kednschah für Kantor, achtstimmig gemischten Chor und Orgel, komponiert von H. Zivi, Kantor, Elberfeld. Leipzig 1904. M. W. Kaufmann. Herr Zivi hat eine Keduschah erscheinen lassen, die er „dem Andenken des verewigten Oberkantors an: Seitenstetter Tempel zu Wien, dem großen Meister und Reformator des Synagogengesanges Salomon Sulzer zur Feier seines hundertjährigen Geburtstages 30. März 1904 in Verehrung gewidmet" hat. — Dem Komponisten gebührt zunächst Dank und Anerkennung, daß er einer Ehrenpflicht der Kantorenwelt in solch sinniger Weise nachgekommen ist und der 100 jährigen Wiederkehr des Tages, an dem der größte Meister auf dem Gebiete des neueren Synagogengesanges, Salomon Sulzer, geboren ist, gedacht hat. Gar dünn sind ja die „Großen" auf diesem Gebiete gesät; denn die »reisten bedeutenden jüdischen Komponisten standen der Synagoge gleichgültig gegenüber, stellten ihr Genichnichi in den Dienst der heiligen Sache. (Eine gleiche Erscheinung können wir ja auch bei unseren jüdischen Dichtern beobachten. Beweis: das poetisch niedrige Niveau der deutschen Lieder in den neueren Gebetbüchern). So könnte man fast mit Neid auf die stattliche Reihe der großen Geister blicken, die in andern Kulten Herrliches für ihren Gottesdienst geschaffen haben. Die Gründe für diese Erscheinung auseinanderzusetzen, würde über den Nahmen einer Besprechung hinausgehen. Es genüge ihre Registrierung. Wenn deshalb ein gottbegnadeter Künstler inrter uns sein ganzes Können und Wissen — gleich Sulzer — der Verherrlichung des jüdischen Gottesdienstes gewidmet, hat, so gebührt ihm umsomehr unsere Anerkennung, unsere- Verehrung. Das Andenken eines solchen Mannes wachzurufen, ist deshalb eine verdienstliche Tat. Und wodurch könnte das besser geschehen, als wenn ein Komponist sich durch die Erinnerung an den 100 jährigen Geburtstag des großen Meisters zur Komposition des liturgisch bedeutsamsten Teils unseres Gottesdienstes, der Keduschah, begeistern läßt? Die Komposition ist für achtstimmigen Chor geschrieben, ein umfangreicher Apparat, bedenken wir das Material — selbst bei den großen Synagogenchören — welches zur Aufführung uns zur Verfügung steht. Jedoch der Komponist, der als Kantor ein Mann der Praxis ist, wird sich wohl dieser Schwierigkeit bewußt gewesen sein und hat sein Werk wohl in der Absicht geschrieben, um dem inner« Wesen der Keduschah Ausdruck zu geben. Nach der Schilderung des Propheten preisen die Engel in wechselnden Doppelchören die Majestät Gottes. Und so singen auch wechselnde Chöre von zwei Sopran-, zwei Alt- und vier Männerstimmen, die zum Schluß jedes Satzes zu gemeinsamem Preis sich vereinigen, in dieser Komposition die Sätze der .Keduschah. Die Bezeichnung „achtstimmig", welche der Komponist für die Chöre gebraucht hat, ist meines Erachtens jedoch nicht zutreffend. Was achtstinnniger Chor ist, könnte Herr Zivi aus den Werken Palästrinas u. a. nt. ersehen. Was er geschaffen hat, ist in: Grunde gekommen nur ein doppelter vierstimmiger Chor. Und darum meine ich, es hätte ein vierstimmiger Chor auch ausgereicht, inn dem musi