Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- Seite 190 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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190 Ehret seinen Schmerz, sein Unglück, Und ihr ehrt euch selber; wisset: Adelt auch der Mut den Krieger, Adelt Großmut mehr den Sieger. Ans und solget meinem Beispiel! Seht, wie ich den Ueberwund'neu Heb' enrpor in meine Arme, Liebreich an mein Herz ihn drücke, So besieget Eure Feinde Jetzt durch Edelsinn und reichet Ihnen brüderlich die Hände. Ihr gewährt nur diese Bitte, Als den einzigen Preis des Sieges! Auf dem Wahlplatz wird begraben Rauhen Krieges Haß und Ingrimm; llnd der Friede ist geschlossen. An der Hand den Bruder führend, Ziehet ruhmreich heim der Sieger. Preisend danken ihm die Seinen, In Bewunderung die Feinde. — Dieses Gleichnis mag, mein Sohn, dir Deiner Seele Zwiespalt lösen Und den Widerstreit versöhnen Zwischen Pflicht und Herzensregung. Folge treulich nur der Fahne, Die dein Fürst emporgehoben; Folg' dem Rufe deines Landes, Unbekümmert, seine Sache, Ob auch sei sie die gerechte. Deine Schuldigkeit erfüllend, Thust du jedenfalls dein Bestes. Kämpfst du mannhaft, todverachtend Für die Sache, der verpfändet Deine Treue, so verfichtst du Deiues Stammes Ruhm und Ehre. Doch zugleich erfüllen kannst du Menschenpflicht und Pflicht des Juden Auch mit dem Beruf des Kriegers, Wenn du rücksichtsmilde Schonurig Gegen den Besiegten übest. Laß die Hand, die kampfgeftählte, Lind und sänstigend sich legen Auf die Wunden, die im Dienst sie Der Notwendigkeit — muß schlagen. Laß dir deines jüd'schen Herzens Mitleidsweiches menschlich Rühren, Durch das grause Schlachtenwürgen Und der Waffen ehern Tosen Nie und nirgends übertäuben. Gib dem Todesblick der Krieges, Teiluahmsinniger Empfindung Milden Regen zum Begleiter: Hilfreich löschend senke dieser Nieder sich, wo jener zündet. Zeigst du dich als wackrer Streiter In den: Kampfe, dann erweisest Du dich auch als rechter Jude; Zeigst du dich als wackrer Jude Nach dein Kampfe, dann bewährst du Dich zugleich als rechter Streiter. — Nicht genug, daß du hochherzig Im eroberten Gebiete Not und Leiden mindernd waltest, Mußt du noch dem Uebermute Zügelloser Soldateska Ernst und mild entgegentreten; Durch die Macht der Ueberredung Deiner Freunde Herz gewinnend Für den Gram der Ueberwund'neu, Die da schuldlos, wehrlos seufzen Unter scharfer Kriegesgeißel. Du, als Jude, sollst sie lehren, In dem Feind, den Bruder lieben Und in jedem Menschenwesen Gott den Vater aller ehren. Weise ihnen unablässig Auf das letzte höchste Ziel hin, Das die Menschheit, nur verbrüdert And in Liebe einst verschmolzen, Kann erreichen, „wenn der Schöpfer „Blut'geu Kampf ans Erdenende „Ewig bannet, Schlachtgeschosse, „Speer nnd Lanz' und Kriegeswagen „Bricht und in die Flammen schleudert;') „Wenn die Wahrheit Schild und Panzer,') Und wenn Vater Jakobs Losung Als der einz'ge Kriegsruf schallet: „Hört, mein Schwert ist frommes Wünschen, „Und mein Bogen ist die Bitte; ^) „Keine Waffe schwingt ein Volk mehr, „Lernet nicht das Kriegeshandwerk." h Siehst und ehrst du schon in Jedem, Ohne Unterschied des Stammes, Wie des Glaubens, einen Bruder, Sollst du gleichwohl in dem Juden, Doppelt den Verwandten schätzen Und von ihm des Krieges Unbill Mit gesteigerter Besorgnis Fernehalten und erleichtern. „Zwiefach leisten, doppelt leiden," Ist die Erbschaft, die vom Bruder- Einst sich unser Aeltervater Mit der Erstgeburt5) erkaufte;, Denn von jedem Mißgeschicke Fühlt der Jude Schlag und Rückschlag. Zweimal sagt Jesaias — „tröstet, „Da er zweifach hat zu büßen: „Er bedarf des Trostes doppelt, „Weil der Herr ihm zuerkannte j „Zwiefach stets das Maß der Tränen""). Brach die Pestilenz verheerend In des Landes heitern Frieden, Hieß es: Sicher hat der Jude Uns're Brunnen all', vergiftet! Und obschon auch er beweinen Mußte manches teure Wesen, ’) Psalm 46—10. -’) Psalm 91—4. :i) 1. B. M. 48—22 nach der Deutung des Talmuds, Laba-baUun s. 120. *) Jesaias, 2—4. 5) Der Erstgeborene erhielt einen doppelten Anteil von dem hinterlassenen Gut des Vaters. 6) Jesaias 40—1, 2. j „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. . . denn es hat empfangen ans! der Hand des Ewigen doppelt für all seine! Sünden." Hierzu der Jälkut z. St. „tröstet,; tröstet" — entsprechend dem Verse: „sie! weinet, weinet" (Klagelied 1—2.). Das die Seuche ihm entrissen, Ach, was half es; arg verfolgend, Quälten Haß und Vorurteile Mit der Pest ihn um die Wette. Zwiefach flössen seine Tränen, Und er brauchte doppelt Tröstung ... Hat der Himmel seinen Regen Und die Erde ihren Segen, Rauh versagt dem Fleiß der Menschen, Daß der Hunger sein gespenstisch Bleich entstelltes Antlitz zeiget, Heißt es wiederum: der Jude Spekulieret auf den Mißwachs, Durch Getreidewucher schraubt er Höher uns hinauf das Elend! Mag auch ihm das Mark vertrocknen Harte Not, muß er dazu noch All' die Wut der rohen Menge lieber sich ergehen lassen, Doppelt darum trostbedürstig. — Und entfesselt seine Schrecken All' der Krieg, mit Schwert und Feuer Segensfluren wild verwüstend, Zischeln alsbald die Verleumder Tückisch : Ja gewiß, der Jude Macht den Späher und Verräter! Und obgleich auch jüd'sche Herzen Auf den Schlachtgefilden bluten, Ob das Ungemach des Krieges Auch auf uns mag bleiern lasten; 4 Doch gesellt zu dem des Feindes Sich der Druck der Unserigen. Darum „tröstet" zweimal — „tröstet!" D'rob mein Sohn magst Du die Sorgfalt Und den Eifer, den Du allen Hier in diesem, hartgeprüsten, Heimgesuchten Land willst weihen, Noch verdoppeln für die Wohlfahrt Deiner alten Stammgenossen; Du vermagst dann, so verschwisternd Kriegsgebot der Pflicht des Juden, Tausendfältig zu vergüten Uns das Drangsal, das Du tapfer, Treugehorsam Helsen mußtest, lieber unser Land zu bringen. Dir dem edlen Feinde darf ich Dann auch meinen Segen geben." — An der Pforte war der Schammes Mit den Schlüsseln in den Händen, Wartensmüde eingeschlafen . . . Plötzlich klingt es ihm zur Seite, Rasselnd ins Mathan-baßeßer'). Rasch empor fährt da der Alte; Sieht noch durch die Tür entschwinden Die Gestalt des Balmilchome, Und er murmelt schlafestrunken, Heimwärts taumelnd: Unser Rabbi, Hundert Jahre soll er leben! Sein J'hirozen nimmt kein Ende, Wird sich Gott nicht bald erbarmend — ') Opserstock, ctg. „eine Gabe im Geheimen". Sein Name rührt von einem Spruche Salomos, 21—14, her.