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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-04-15 · Heft 16 (15.4.1904) · p. Seite 189

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 16 (15.4.1904)
Date
1904-04-15
Page
Seite 189 (sequence 9)
Language
German
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Daß blindwütend sie so manches Edle jüdische Herz zerreißen; Deine Hand zerfleischet jene, Die dir dreifach hat verbrüdert Glaube, Stamm und gleiches Elend Ach, für die ich täglich bete. Ob sie auch zerstreuet leben, Weit in aller Herren Landen, Und an die so unauflöslich Tausende von Jahresringen Der Vergangenheit mich ketten Und der Zukunft, der verheißnen, Die herbei wir stündlich sehnen, Sie, mit denen gern ich teilte Lust und Leid und Wohl und Wehe — Gegen diese soll ich wüten, Soll mein Schwert mit ihrem Herzblut Tränken, ein Erbarmungsloser Ihren Jammer mehren helfen?! Und all das für eine Sache, Deren Recht ein zweifelhaftes — Dem Soldateneide folgend, Stritt für sie ich unbegeistert. Mag das Schlachtgewühl von außen Grimmig auch mich rings umtoben: Schwerer ist der Kampf im Innern, Den ich Hab' mit meinem Herzen Auszüfechten, wenn die Trommel Bald mich ruft zu neuen Schlachten. L^rcht' hinein mir, frommer Rabbi, Mit der Fackel deiner Weisheit, In den Jrrgang meiner Seele!"" Aus des Greises klarem Antlitz Schwebt ein sinnig heilig Lächeln. Seine Hand, die leicht erzittert, Legt er jenem auf die Schulter, Schauet liebreich ihm ins Auge Und beginnt mit einem Gleichnis. „Einst, vor vielen hundert Jahren, Lebte, rings von Glück umgeben, Reich an Gut und reich an Güte, Mächtig und doch vielgepriesen, Ein gar edler weiser König. Seinen beiden Söhnen aber, Die er über alles liebte, Blähte all' das, Macht und Reichtum Und die Zärtlichkeit des Vaters, Das Gemüt mit eitlem Dünkel. Uebermut und Trotz, gesellend Zu Rechthaberei sich, schwellten Ihre Herzen gar mit Zwietracht, Zorn und Launen und entzweiten Sie bei jedem kind'schen Anlaß. Tiefbetrübt sah es der Vater. Schwere Sorgen um die Zukunft Und das Heil der Kinder furchten Seine gramumwölkte Stirne, Und, nach langem inner» Ringen, Ruft herbei er seine Söhne, Spricht zu ihnen unerbittlich, Doch mit schmerzerfüllter Strenge: Weil ihr so, verwöhnt vom Glücke, Schnödem Tun und frevelhaftem, Todeswürdigem Beginnen Euer edles Wesen opfert, Nun, so soll denn Not und Drangsal Euch, in wack'rem Walten, lehren, Euer bess'res Selbst erkennen, Und der Fluch des Daseins lasse Euch des Lebens Wert empfinden. Da ihr hier, von Lieb' umgeben, Statt, daß jeder in des ändern Wohl sein eigen Glück sollt' suchen, .Euren Groll und Widerwillen Hämisch an einander wetzet: Nun, so sollt ihr fürder lernen, Wahre Bruderliebe fdfjäfjen; Unter haßerglühten Fremden. Zieht hinweg mir aus den Augen! Nur gebessert und in Liebe Engvereinigt, dürft ihr einstens Wiederkehren vor mein Antlitz. — Von dem Zornesblick des Vaters, Ziehen sie, verbannt, von dannen In ein Dasein, das für beide Bloß ein fortgesetzter Kamps sei. Noch von Groll erfüllt die Herzen, Scheiden sie nun von einander, Um vereinzelt hinzuschreiten Durch die Wüste ihres Lebens. Ach, die Glut des Mißgeschickes Schmolz gar bald die Eisesrinde Ihres starren Bruderhasses, Daß sie taut zu warmen Tränen Bangen sehnsuchtstiefen Wehes. Heißes Mühen, leidvoll Ringen, Sie verdorrten das Geschlinge Ueppig wuchernder Begierden. All' das läuterte ihr Streben, Ließ mit schmachtendem Verlangen An das Vaterhaus sie denken, An das Bruderherz sich sehnen .... Manches Jahr schon war verflossen Unter Widerwärtigkeiten, Welche sie getrennt bestanden. Ueberwunden hatten beide Vorurteil und Haß und Schmähung, Hatten endlich sich errungen Ehrenstand und Ehrennamen Durch ersprießlich edles Wirken, Jeder fern in andrem Lande. Da^ beginnt es wild zu gähren In dem Schoße der Nationen; Es entfesselt seine Schrecken All ein Kriegesungewitter. Untres stehen schon die Heere Todesmutig gegenüber; Doch bevor sie waffenstarrend, Mit der Blutgier wilder Tiere, Rasend auf einander stoßen, Regt sich noch ein menschlich Fühlen In umpanzerten Gemütern. Daß nicht Ströme Blutes fließen, Wählt man einen vielerprobten Streiter je von beiden Seiten, Um im Zweikampf auszusechten Die Entscheidung dieses Krieges. Als die Kämpfer auf dem Wahlplatz Mitten zwischen beiden Heeren,- Fühlend die Bedeutungsschwere Heilig übernommner Sendung, Ernst ins Aug einander schauten: Da erkannten sich die Brüder, Die so lang in Harm getrennten. Seufzertiefe Freudenrnfe Rangen sich aus ihrem Busen; Ihre Waffen, kaum gehoben, Senkten sich zu Boden nieder; Und sie wären flugs einander In die Arme schier gesunken, Hätte sie nicht überkommen . Furchtbar schon der Ernst der Lagtz. Wie verzweiflungsvolles Stöhnen, Klagt's aus Jeglichem von Beiden: Mußten wir uns so begegnen, Die wir uns in Liebe suchen! Will denn das Geschick nun rächen Jenen alten Groll und Hader, Daß zu mörderlichem Strauße Es uns so zusammenführte? Ach, wie kann ich einst erscheinen Vor dem Antlitz unsres Vaters, Kainsmäler an der Stirne, Blut des Bruders an den Händen! Wie soll ich für meine neue Traute Heimat, deren Schicksal, Wohl und Wehe, voll Vertrauen Hoch mich ehrend, in die Hände Sie mir legten, nunmehr streiten, Da, um ihren Ruhm zu heben, Dich zu Boden ich muß fällen! Horch, es dröhnt schon ungeduldig Rasselnd drüben in den Reihen. Sicher rennt und raunt geschäftig Scheeler Haß, und die Verleumdung Nennt Verräter uns und Feige. Ans, zum Kampfe, Herzensbruder, Alle Kräfte raff' zusammen — Gott mag unsre Waffen lenken! . . . Klirrend schlagen ihre Schwerter Auf einander — Funken sprühen — Und da blitzt es wie Verständnis Beiden in den kühnen Augen. Und mit seltnem Kampfgeschicke Führen wuchtig sie die Waffen. Keiner denkt daran, zu decken Seinen eigenen Leib vor Hieben, Noch den Andern schwer zu treffen: Schwert tobt gegen Schwert gewaltig - Eine Flammenklinge reißet Schartenwunden in die andere. Still bewundernd, bang erwartend, Schau'n die Heere auf den lange Unentschied'nen Kampf der Helden. Doch da holt der eine Streiter Furchtbar aus zu jähem Streiche. Sausend trifft das Schwert die Klinge, Die zersplittert gellend klirret — llnd es sinkt der tapfere Gegner Wehrlos und betäubt zu Boden. Durch die Reihen beider Heere Zuckt ein Aufschrei markerschütternd, Wälzt, ein Zubelsturm sich hüben, Als ein Schreckensruf drüben Fort in wachsendem Getöse. Unberührt von denl Getümmel, Sanfte Wehmut in dem Antlitz, Beugt zu dem besiegten Bruder Nieder sich der Ueberwinder; Und er wehrt den Kriegsgenossen, Die ihn frohen Dankes umjauchzen, Und er wehrt den Ungestümen, Die mit grimmigen Geberden Nach dem hingesunk'nen Gegner Die bewehrten Hände strecken: Lasst ihn! wund ist ihm die Seele Von dem Schlag des Mißgeschickes — Und ihr wollet diesem Tupfern Schnöd noch neue Wunden schlagen?

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