Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- Seite 188 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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, 188 Der Sieger. , Von Dr. B. Placzek. n der alten Schul zu Maariw2) Sind versammelt die Balbatim3), Zahlreich, wie man sonst sie niemals Hier erblickt an Wochentagen. Tiefer neigen sie die Häupter, Trüber blicken ihre Augen/ Denn nach manch gewalt'gem Siege Ueberfluteten die Feinde Rings das Land, schwer zum Bedarfe Leerend Speicher, Stall und Scheune, Stille standen die Gewerke Vor dem rauhen Kriegeshandwerk, Emsiger Betrieb verstummte Vor'des Feindes tollem Treiben; Jedes Haus ward zur Kaserne, Jeder Weg zur Heeresstraße; Und die armen Khilleleute Wagten sich nicht in die Dörfer, Mußten sich zur Ruh' bequemen. Und sie hatten vollauf Muße, Um die Größe ihres Unglücks Zu ermessen, alle Leiden Mit Bedacht auch dnrchzukosten. Oester fanden sie sich ein jetzt In der alten Synagoge, — Deren Mauern widerhallten Nicht vom Schritt, der Feindeshorden, — Mancher bloß, um seinem regen Geist Beschäftigung zu suchen. Doch die Meisten, um ihr volles Schweres Herz in tiefer Andacht . . Auszuschütten vor dem Herrn. Graues düsteres Gemäuer, Das umrahmt die Trauerstimmung; Trübe Lichter malen qualmend Riesenschatten an die Wände, Lassen ihre Dämmerstrahlen Zittern aus den schwermutsbleichen, Sorgenvollen Angesichtern. Dumpfer rauschen die Gebete, Nicht mehr dann und wann durchzucket Von willkürlichem Getriller Kühngeschwung'nen Schnörkelsanges; Und der Chasenft intonieret Schon den Schluß mit Hellem Ruse, Klappet zu de.n abgegriffenen Alten pergamentnen Siddur °) . . . . Aus der letzten Ständerreihe, Wo die Orchim3) und Awelim*) Sitzen, hin bis an die Stufen Vom Aron — hakodesch 8) treten Ein Soldat vom Feindesheere Und ein hager blasses Knäblein Aus der Khille. „Bin ein Owel" °), „Owel bin ich," sagen beide Auf die Frage des Balt'filleh ") i) Synagoge. -) Abendgebet. 3) Mitglieder einer jüdischen Gemeinde. Vorsänger. *) Gebetbuch. °) Fremde Arme. 7) Trauernde. Nach jüdischem Brauche sitzen die Leidtragenden während des Trauerjahres in den letzten. Bänken der Synagoge. 8) Die heilige Lade, in der die Thorarollen sich befinden. 9) Ein Trauernder. 10) Vorbeter. „ „Kadisch kann nur einer sagen; Mag der. Siddur da entscheiden, . Den ich aufschlag', durch ein Zeichen: Wer ihn sage von Euch beiden."" Andre Lose hat der Siddur Als das Kriegsglück: traf des Sieges Los den Streiter, trifft den Knaben Doch das Los zum Kadischsagen. Und wie triumphierend lächelt Still in sich hinein das Knäblein. Neidlos schaut aus ihn der Krieger, Denkt dabei in sanfter Wehmut: Sicher reiner als die meinen Fürs Gebet sind deine Lippen. Mit gar Heller frischer Stinune Fängt das Kind nun an den Kadisch. Aufsein kindlich frommes Antlitz Ehrfurchtsvoller Ernst sich lagert. Langsam buchstabiert's zusammen, Doch mit fühlendem Verständnis Und empfindungsreicher Ahnung All die ungelenken Worte; Denn der Kadisch war das erste, Was im (Siebet1) e§ erlernte, Und mit solchem raschen Eifer, Daß erstaunte der Melammed2). Weiß zwar noch nicht, was es saget, Weiß nur, daß es also betet ür den lieben guten Vater, Der schon im Ganeden3) weilet. Hie und da bloß stockt's ein wenig, Wie von Schluchzen unterbrochen. Seufzt es, weil ihm so beschwerlich Noch das Lesen, oder weil es Tiefbetrübt gedenkt des Toten? Und daß Letzt're mag bedünken Wohl den feindlichen Soldaten, Daß er schmerzlich tieferreget Auf das arme Knäblein schauet. Denkt er an das eigne Söhnlein, Das mit dem in gleichem Alter Nach dem fernen Vater banget? — Hinter ihm, da flüstert's leise: „Seht, ein solcher Balmilchome4) War's, der in der Schlacht den Vater Dieses Joßern^) totgeschossen!" Ha, wie er zusarnmenzucket, Von dem Worte jäh erschüttert! An derselben Stelle bleibt er Festgebannt noch lange stehen, Schüttelt manchmal wie verneinend Rasch das Haupt, bald fährt er hastig ' Mit der Hand sich nach der Stirne, Gleich als wollte er verscheuchen Böse lästige Gedanken. Aus der dunklen Wimper luget Scheu hervor die klare Zähre, Angeblinzelt von dem fahlen Scheine gelber Omed-Lichter3) Deren Strahl verwundert irret Von der blanken Zier des Helmes Zu der Träne hellem Glitzern. — ') Winkelschule. 2) Lehrer. 3) Paradies. 4) Soldat. 5) Waise. 6) Lichter vor dem Pulte des Anbeters. Stille ward es in der Schul schon, Und der Schammes'), der verlöschte Alle Lichter bis auf eines, Trippelt lange unentschlossen Ilm den Fremden, bis er endlich Ihn erweckt aus seinen Träumen. -. „Auf den Rabbi will ich warten, Suche Rat bei seiner Weisheit." Halb gutmütig, halb verdrießlich Drauf der Schammes: „„Unser Rabbi Hundert Jahre soll er leben. Weiß kein End' für seine Tfilles'); Seit mit Kriegesnot und Krankheit Heimgesucht uns der Allmächt'ge, Setzt er jeden in der Kille, Mann und Weib und Kind besonders, Wer an irgend etwas leidet, Betend ein in sein J'hi-rozen'), Daß es zählt schon zu den Dingen, Die nicht einen Schiur') haben, i Wenn sich Gott nicht bald erbarmet, Könnt' es noch gescheh'n, daß einen: Früher ausgeht die Neschome8), Als er sein Schmoneßre ausgeht"). Werdet nur nicht ungeduldig; Fertig ist er gleich, ich hör' es An dem brünstig tiefen Klagen, An dem ungestümen Flehen."" Immer noch Gebete murmelnd, Naht der Rabbi sich dem Kriegsmann, Reicht die Hand ihm hin zum Gruße Und er fragt ihn dann vertraulich: „Bist du von den Unfern einer'). Wenn du auch zum Feind gehörest?" „„Wie ich eben trotz des einen, Doch vermöcht zu sein das andre — Ach, das ist es — klagt der Krieger — Was mir alle Sinne foltert! Diesen Zwiespalt auszugleichen, Quäl ich fruchtlos ab mein Denken, Wie ein Riß ging es vollends mir Durch die Seele, all der Jammer- Meiner Lage überkam mich, Als ich hier das arme Knäblein Hörte, seufzend Kadisch sagen Um den Vater, den die Kugel Tödlich traf aus unfern Reihen. Wie mit scharfen Krallen packte - Mein Gewissen da der Vorwurf: Wehe, wehe! bist ein Jude - Und entsendest die Geschosse, ') Synagogendiener. ") Gebete. '') Ein freies Gebet, das man nach Bedürfnis formuliert und zum Schluß in das vorgeschriebene Schmoneßre, das aus achtzehn Wünschen und Benediktionen ursprünglich bestehende Gebetstück einzuschieben pflegt. .') Maß. Anspielung auf einen in die Liturgie mit einbezogenen Spruch, in dem die Dinge aufgezählt werden, für die es kein Maß und keine Grenze gibt. *) Seele. e) Zu Ende jenes 18 - Gebetes geht der Betende drei Schritte rückwärts. 7) Eine Deutungsweise des Verses Josua 5—13. '