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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-04-15 · Heft 16 (15.4.1904) · p. Seite 187

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 16 (15.4.1904)
Date
1904-04-15
Page
Seite 187 (sequence 7)
Language
German
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187 Juden an das deutsche Bürgerrecht" und 1891 seine „Epistelder Hebräer an Dr. Paulus". Dem Andenken dieses Mannes, der von Basedow und den Philautropen ausgehend, ein keineswegs extremer Anhänger Pestalozzis geworden war, wird ein nicht unbedeutender Teil des bevorstehenden Frankfurter Schulfestes zum 100 jährigen Jubiläum des Philantropins gewidmet sein. In liebevoller Weise behandelt der langjährige Direktor des Philantropins, der streng nach akademischer heutiger Art philologisch geschulte und vor seiner Bestätigung als Direktor durch ein behördliches hochnotpeinliches „Kollegium" erst zu seinem Amte qualifizierte Dr. H. Bärwald gerade das! Autodidaktentum von Michael Heß. Da der Lebensgang dieses Mannes für viele „Talmudisten", die es später zu den hervorragendsten Leistungen brachten, mit denen sie viele „Akademiker" überflügelten, typisch ist, seien hier einige Stellen ausführlich wiedergegeben: Leicht ist es, auf geebneter Bahn fortschreitend die Lebensaufgabe > zu erfüllen, durch Gymnasium, Universität und pädagogisches Seminar; zu einer Lehrtätigkeit an einer wohlgeordneten Schule zu gelangen j und sich schließlich auch als Schulleiter zu bewähren. Wie anders! erging es Heß! Wie er antodidaktisch sich alle für seinen Beruf erforderlichen Kenntnisse erwerben mußte, so hatte er auch für seine praktische, nnterrichtliche Tätigkeit weder ein Vorbild noch eine Anleitung; ja, er hatte dabei eine ihm angeborene temperamentvolle Heftigkeit und Leidenschaft, der er erst nach und nach Herr geworden ist, niederzukämpfen. Er hat es als ein Glück einpfunden, überhaupt eine Schule als Arbeitsfeld gewonnen zu haben, aber auch diese hatte er erst zu formen und unter mannigfachen Schwierigkeiten auszudehnen und weiterzubilden. Wie viel Nachdenken, Fleiß und Mühe waren dazu für ihn erforderlich, dem die Wohltat in seiner Jugend einer wohlgeordneten Schule anzugehören, versagt geblieben war! Einen! Lehrplan mußte er selbst schaffen. Er mußte auf die Bedürfnisse der i sich erst bildenden Schulgemeinde achten und danach die Lehraufgabe der gesamten Schule und der einzelnen Klassen bestimmen. Hätte er dabei nur eine aus Fachmännern bestehende Vorgesetzte Behörde gehabt! Seine Vorgesetzte Behörde bestand aus Kaufleuten, die voir den besten Absichten für die Schule erfüllt waren, aber doch auch zugleich von dem bestimmten Willen, überall ihre eigenen Anschauungen geltend zu machen. Wohl hatte Heß einen richtigen Begriff von den unerläßlichen Befugnissen und der notwendigen Autorität eines Schuldirektors; aber so wenig wie seine Schulbehörde wollten in den Jahrzehnten seiner amtlichen Tätigkeit die Lehrer seine Leitung anerkennen, sie sahen in ihm nur den ersten unter Gleichberechtigten. Dies kam auch in den Lehrerkonserenzen zum Ausdruck, deren Vorsitzender nicht der Oberlehrer, sondern ein Schulratsmitglied war und im Interesse geordneter Verhandlungen auch sein mußte, wie denn auch stets nicht das Votum des Oberlehrers, sondern der Beschluß der Konferenz für den Schulrat maßgebend war. Unmögliches wurde von ihm verlangt: 26 Stunden wöchentlichen Unterricht sollte er geben und dabei zugleich die Pünktlichkeit ititb den Unterricht der Lehrer beaufsichtigen. Jede seiner Klagen über Ilnpünktlichkeit wurde mit dem gleichen Vorwurf gegen ihn selbst beantwortet. Und weil diese Vorwürfe nicht immer unbegründet waren, so wurden 1817 zwei Lehrer mit der Kontrolle der Pünktlichkeit des Oberlehrers beauftragt, zu der sich bald jeder einzelne Lehrer berechtigt hielt. Bei all seinen mannigfachen Arbeiten und Sorgen befand er sich oft genug in bedrängten äußeren Verhältnissen. Er trat seine Stellung mit einem Gehalt von 400 Gulden an, das sich zwar rasch steigerte — seit 1814 bezog er 1200 Gulden —, doch reichte es nicht aus, und er war noch lange auf Privatunterricht angewiesen. Sein Einkommen verbesserte sich einigermaßen auch dadurch, daß seine Frau seit 1813 als Handarbeitslehrerin beschäftigt war und dafür jährlich 250 fl. Honorar bezog. Seine Dienstwohnung im Kompostell war durchaus unzureichend, erst in seinem 64. Lebensjahre bekam er 1854 im neuen Schulgebäude eine standesgemäße Wohnung. Bei alledem waren aber doch der Oberlehrer, das Lehrerkollegium und der Schulrat durch das Bewußtsein gemeinsamer Arbeit für dasselbe Ziel: die Besserung der Lage ihrer Glaubensgenossen durch rationellen Jugendunterricht, eng verbunden. Selbst die Eigenmächtigkeit der einzelnen Lehrer und ihr Widerstreben gegen die . Autorität des Oberlehrers hatten zum Teil ihre Quelle in ihrem hohen Pflichtbewußtsein und im Gefühl der Verantwortlichkeit jedes einzelnen für das Ganze. Heß und seine Genossen aus der Zeit des Philantropins, zu denen dann Johlson, Creizenach und Jost als die hervorragendsten hinzutraten, hoben in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die Schule zu einer solchen Bedeutung und solchem Ansehen empor, daß keine andere jüdische Schule Deutschlands sich mit ihr vergleichen konnte. So strömten ihr denn auch Schüler aus allen Gegenden zu, und hervorragende Männer, die sich für die Kultur der Juden interessierten, unterließen es bei ihrer Anwesenheit in Frankfurt nicht, die Schule zu besuchen und ihre Einrichtungen kennen zu lernen; als der berühmteste von allen hat Adolphe Cremieux (geb. 1796, gest. 1880) auf seiner Rückreise aus dem Orient, wohin er sich mit Sir Moses Montefiore und Dr. Salomon Munk wegen Judenverfolgungen von Damaskus I begeben hatte, am 7. und 8. Dezember 1840 dem Unterricht beigewohnt. Die Schule trat als die bedeutendste Leistung der Frankfurter jüdischen Gemeinde hervor und diese zögerte darum auch damals nicht, das Patronat zu übernehmen und ihr ein Haus zu bauen, welches irr jener Zeit als das stattlichste Frankfurts gelten konnte. So bedeutende Erfolge, die von Heß in einer fast ein halbes Jahrhundert währenden Tätigkeit erreicht, wurden, waren mit mannigfachen Kämpfen verbunden. Heß war vorn Tälmndstudium unmittelbar übergegangen zu Voltaire und Rousseau, zu Lessing und Herder. Er war ein Marin der Aufklärungsperiode, auf den zugleich die Ideen der französischen Revolution den größten Einfluß ausübten. Viele, die einen ähnlichen Bildungsgrad gegangen waren, haben sich bei alledem die Wertschätzung des jüdischen Schriftentums bewahrt. Heß ist von der Epoche seines Talrnudstndiums nur eines geblieben: der Schmerz über „die Dürftigkeit, Unzulänglichkeit und praktische Unbrauchbarkeit dessen, was derr Hauptinhalt seiner Jugendbildung ausmachte". -) Mehr und mehr löste er sich von dem religiösen Herkonrmen urrd sah mit derr Aufklärern das Wesen der Religion in ihrer sittlichen veredelnden Kraft. Er war aufrichtig bemüht, die Kinder zu gottesfürchtigeu und sittlich guten Menschen zu erziehen und legte von Anfang an daraus das größte Gewicht. Sein höchstes Ziel war die Erziehung zur Humanität; für sie ist er in Wort und Schrift allezeit eingetreten.3) Bon der Richtigkeit seines Standpunkts war er fest durchdrungen, und mit der Siegesgewißheit eines Reformators ist er in den Kampf für den religiösen und politischen Fortschritt eingetreten; er ging darin freilich so weit, die Verteidiger des Alten leichthin als Heuchler zu behandelnd) Unwillkürlich trat in seinen Entlassungsreden und Vorträgen im Andachtsaal manchmal ein Radikalismus zu Tage, den der Schulrat dämpfen zu müssen glaubte. Dieser Standpunkt des Oberlehrers, den 'manche seiner Mitarbeiter teilten, hat dahin geführt, daß die dem religiösen Liberalismus abholden Kreise der jüdischen Gemeinde es vorzogen, ihre Kinder städtischen Schulen oder der 1853 eröffneten Realschule der Israelitischen Religionsgesellschaft anzuvertrauen. Seine Gegner betonten aber immer nur seinen religiösen Radikalismus und erkannten niemals an, daß sein ganzes Leben trotz alledem seinen Glaubensgenossen gewidmet war, für deren religiöse und humane Bildung er . allezeit mit Aufopferung und Erfolg tätig gewesen ist. I Vergl. Jost, Neuere Geschichte der Israeliten 11, 346 ff; Grätz, Geschichte der Juden, XI 466. , 2) Die Bürger- und Realschule 1857, S. 11. 3) Vergl. seine Schrift „lieber die Bildung zur Humanität. Freundliche Worte an Lehrer in Bürger- und Volksschulen". Frankfurt a. M. 1842. 4) Vgl. den Nachruf für M. Creizenach, Progr. 1843, S. 8.

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