Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- Seite 185 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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185 Philosoph. Es handelt sich nur um die Orientierung, um die Aufdeckung des Weges, der vom jüdischen Schristtume aus direkt zu dieser Höhe führt. Und das ist die Arbeit Lazarus" in den'letzten zwanzig Jahren seines schasfensreichen Lebens, die Arbeit, der er sich mit jugendlicher Begeisterung hingegeben. — das ist die „Ethik des Judentums". Der Lazarus der letzten zwanzig Jahre war ein j ü d i s ch er Philosoph. Und ihm seien diese Zeilen zum Jahrzeitstage gewidmet. Lrirk aus England. Von Rev. Dr. Chotzner. acta logunior, oder „Tatsachen sprechen" — so lautet ein altes, lateinisches Sprichwort, das auch in moderner Zeit als eine praktische Lehre angesehen werden kann. Dieser Spruch zeigt sich namentlich wirksam angesichts der Kontroverse hinsichtlich Babel und Bibel, die Professor Friedrich Delitzsch jüngst wieder aufs-Neue hervorgerufen hat. Letzterer macht bekanntlich die ernste Forderung, daß das alte Testament aus seiner bisherigen Stellung verdrängt werde, da es seiner Meinung nach aufgehört habe, für die gesamte Menschheit von irgend welchem anerkennenswerten Nutzen zu sein. Nun möchte ich hier aber folgende Tatsache erwähnen, die einiges Licht auf den Gegenstand wirft. In diesen Tagen fand nämlich in der St. Pauls Kathedrale in London eine religiöse Feier statt, die auf das hundertjährige Jubiläum der Gründung des unter dem Namen „British und Foreign Biblical Society“ weit bekannten Londoner Vereins Bezug hatte. An der fraglichen Feier beteiligten sich verschiedene Mitglieder der englischen königlichen Familie, und der höchste Würdenträger der englischen Staatskirche, der Erzbischof von Eanterbury, hielt die übliche, darüber referierende Predigt. Der Text der letzteren war: „Und Gott sprach, es werde Licht, und da ward Licht," welche Metapher der Redner recht passend und mit gutem Effekt auf die Bibel selbst anwandte. Diese, fuhr er fort, zu behaupten, habe seit Hunderten von Jahren auf die gesamte englische Nation nach verschiedenen Richtungen hin höchst wohltätig eingewirkt, und sie sei zugleich auch eine unerschöpfliche Quelle für verschiedene englische Dichter und Schriftsteller ersten Ranges gewesen, woraus sie einen großen Teil ihrer Inspiration bei der Abfassung ihrer gediegensten dichterischen und prasaischen Stücke geschöpft haben. Ja, noch mehr, unter den zahlreichen Werken, welche die englische Literatur von jeher produziert hat, fei keines so häufig und so gerne in jedem englischen Haushalte gelesen als gerade die Bibel, deren Inhalt 'und Diktion gleich schön und anziehend sind. Es würde mich zu weit führen, wollte ich hier noch weitere Bemerkungen anführen, die der besagte Kirchenfürst hinsichtlich des großen Stutzens der Bibel gemacht, doch sei mir gestattet, einige kurze Fakta zu erwähnen, die bezüglich, der letzteren der obenbesagte Verein in einem von diesem kürzlich veröffentlichten Buche bekannt gemacht hat. Seit dessen Gründung, heißt es daselbst, hat der betreffende Verein 180 Millionen Kopien der Bibel in alle Weltteile versandt, und diese sind in ungefähr vierhundert Sprachen übersetzt. Im vergangenen Jahre allein sind etwa sechs Millionen Kopien des alten und neuen Testaments, oder verschiedener einzelner Teile derselben durch den Handel abgesetzt worden, und wird allem Anscheine nach dieser ungeheure Absatz in Zukunft an Ausdehnung noch zunehmen. Alle diese Tatsachen beweisen nun klar und deutlich, wie wenig Chancen Professor Delitzsch hat, seine obenerwähnte Forderung, in dem Weltreiche Englands wenigstens, jemals realisiert zu sehen. Es ist interessant zu erfahren, daß der deutsche Kaiser dem in Rede stehenden Verein ein Geldgeschenk von mehreren tausend Pfund Sterling hat kürzlich zukommen lassen, um demselben zu weiterer Tätigkeit zu verhelfen. Welche treffende Ironie des Schicksals! 'Durch diese seine freiwillige Gabe zeigte der deutsche Kaiser an, daß er Herrn Delitzschs Theorie keineswegs verwirklicht wissen wollte. — Im englischen Parlament ist die Bill in betreff der Beschränkung von sogenannten „aliens“ (Ausländer) in England zur üblichen Diskussion gebracht worden. Da aber unter „aliens“ in erster Reihe Juden gemeint sind, die meist aus Rußland und Polen nach dem vereinigten Königreiche kommen, so ist es selbstverständlich, daß die fragliche Bill für die Juden Englands von besonderem Interesse ist. Es ist freilich noch nicht ganz bestimmt, ob erstere in beiden Häusern des englischen Parlaments durchgeführt und svnüt schließlich zum bindenden Gesetz gemacht werden wird, aber selbst wenn dies der Fall sein sollte, glaube ich, daß, allen: Anscheine nach leider nicht alle Juden Englands davon unangenehm enttäuscht sein würden. Dies läßt sich leicht erklären, wenn man bedenkt, wie oft gewisse unliebsame jüdische Einwanderer durch ihre unsauberen Handlungen einen sogenannten „Chillul Haschem" hierzulande verursachen. Die in diesen Blättern bereits erwähnte „Schechita"- Affäre in Liverpool, und ebenso hundert andere ähnliche Fälle, die hier und da in England von Zeit zu Zeit austauchen, tragen keineswegs dazu bei, um den Wert uyd den Gehalt des Judentums in den Augen unserer englischen Mitbürger zu erhöhen. Viele von diesen wiederholen die alte sarkastische Bemerkung, daß nämlich die Religion der Juden hauptsächlich nur eine Küchenreligion sei, und daß des englischen Chief Rabbi Hauptfunktion darin bestehe, das rituelle Schlachten der Tiere zu beaufsichtigen. Wahrlich, wenn man all dies, wüste Tun und Treiben sieht, kommt einem der bekannte alte Spruch in den Sinn, nämlich: „Es ist schwer, darüber keine Satire zu schreiben." — Man hört häufig Klagen über den scheinbaren Jndifferentismus der Juden hinsichtlich ihres Synagogenbesuches, und es dürfte daher von Interesse sein, zu erfahren, was Nichtjuden, in London z. B., in derselben Sache leisten. Daselbst, heißt es in einem vor kurzem erschienenen Buche, wo jetzt etwa sechs Millionen Menschen leben, gehen in den reichern Teilen der Stadt nur etwa 20 Prozent jahraus, jahrein in irgend ein Bethaus, während in den ärmeren Teilen derselben sich blos eine einzige Person unter 23 Personen an einein öffentlichen Gottesdienst beteiligt. Noch viel auffallender ist die Tatsache, daß von der Million von Mitgliedern der streng religiösen, sogenannten „Heils-Armee" (Salvation-Army), die in England tätig ist, nur sechstausend und einige hundert Individuen den kirchlichen Besuch noch aufrecht erhalten. — Der „Jüdisch-historische Verein von England" hat vor einiger Zeit ein schön ausgestattetes Werk veröffentlicht, das verschiedene Aufsätze enthält, die auf die ältere Geschichte der Juden in England Bezug haben, und somit, vom jüdischhistorischen Standpunkte aus.betrachtet, von nicht geringem Interesse sind. Einer dieser Aufsätze hat „Domus Gonversorum“ zur Aufschrift, und enthält eine geschichtliche Beschreibung der Entstehung und der langjährigen Existenz von einer Anstalt in London, worin getaufte Juden und Jüdinnen eine lebenslängliche Unterkunst gefunden haben. Es ist höchst amüsant, aus