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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-04-15 · Heft 16 (15.4.1904) · p. Seite 184

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 16 (15.4.1904)
Date
1904-04-15
Page
Seite 184 (sequence 4)
Language
German
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WWW 184' Die „Aussprache" mit den Vertretern der Regierung fiel nämlich überaus einseitig aus, indem der Vertreter der Regierung niemand anders als Herr b. Plehwe selbst war, und dieser begnügte sich damit, den Vertretern des russischen Judentums eine einstündige Pauke zu halten, um sie dann ohne weiteres gnädigst zu entlassen. Als Einleitung beteuerte Herr v. Plehwe, daß weder er selbst noch auch der Zar die Juden etwa als minderwertige. Rasse ansehen. Im Gegenteil müssen die Juden zu den höher begabtem Rassen gezählt werden und würden sie, falls sie sich ungehinderten Zutritt zu sämtlichen Bildungsanstalten hätten, auf ganz legalem Wege eine enorme Macht aneignen. Er, Herr v. Plehwe, darf es aber nicht zugeben, daß eine geringe Minderheit über die ungeheure Mehrheit herrsche. Herr v. Plehwe ritt darauf eine geraume Weile sein Steckenpferd, indem er seinen stummen Zuhörern gegenüber die kindische Anklage wiederholte, die Juden lieferten ein enorines Kontingent an die russische Revolutionsarmee. Die Loyalität der anwesenden Herren sei ja über allem Zweifel erhaben. „Die Juden im allgemeinen sind dagegen nicht nur wütende Revolutionäre, sie sind alle Mörder." Herr v. Plehwe mußte freilich zugeben, das fast alle in den letzten Jahren verübten Attentate von Nichtjuden ausgingen, er behauptete jedoch Beweise dafür zu besitzen, daß diese Attentate von Juden organisiert und geleitet wurden und daß die Christen nicht viel mehr als bloße Werkzeuge in den Händen der Juden waren. Natürlich hat sich Herr v. Plehwe gehütet, seine angeblichen Beweise vorzubringen. Herr v. Plehwe kam endlich aus die Stelle zu sprechen, an der er am meisten verwundbar ist, nämlich auf die Angriffe der Auslandspresfe. Da die Macht seiner Censoren einstweilen noch nicht bis London und Newhork reicht, so sucht er sich an die seiner Willkür preisgegebenen hilflosen Juden zu halten. „Ihr habt uns in der ausländischen Presse den Krieg erklärt," rief er seinen unfreiwilligen Zuhörern drohend zu, „Gut, wo' Krieg ist, fallen auch Opfer!" „Die Regierung ist bereit, die ökonomische Lage der Juden nach Möglichkeit zu verbessern, an eine völlige Gleichstellung mit den anderen russischen Untertanen dürfen Sie aber niemals denken." Damit schloß die Unterhaltung. * lieber die Juden in Japan erhält „Der Fremd" einige wissenswerte Mitteilungen. Erst seit kurzer Zeit dürfen sich Freurde in Japan niederlassen. Eingeborene Juden gibt es daselbst nicht. Sie sind eingewandert aus Sibirien, aus den englischen Häfen, aus Palästina und China. Die jüdische Kolonie im Lande des Mikado wächst von Tag zu Tag. Außer einigen großen Geschäften befassen sie sich mit Kleinhandel; die aus Sibirien Eingewanderten betreiben das wenig beneidenswerte Gewerbe von Schnapsschänken. Die Juden, welche aus' dein Osten eingewandert sind, sind sehr fromm und führen ein ordentliches Leben. Die arabischen und Palästinajuden kommen zumeist als Sendboten, um Spenden zu sammeln. Nur ein kleiner Teil von Japan ist für Europäer geöffnet. Der größte Teil ist unerforscht. Soviel wir wissen, befinden sich jetzt in Japan 200 jüdische Familien. Einzelne jüdische Familien wohnen in mehreren Städten Japans; eine organisierte israelitische Gemeinde besteht aber nur in der Stadt Nagasaki. Die Gemeinde zählt zwar nur 122 Seelen; trotzdem besitzt sie eine Synagoge; vor einigen Jahren ließen sie drei Thorarollen kommen; auch eine Chewra Kadischa besteht daselbst und die kleine Gemeinde hat bereits einen Friedhof angelegt, einen Rabbiner, einen Schächter, einen Kantor angestellt. Auch ein Mohel ist vorhanden sowie alle Kultuseinrichtnngen einer jüdischen Gemeinde. Ein deutscher Jude, welcher vor JahreM in Nagasaki eingewandert war und dort ein Hotel eröffnet hatte, heiratete eine zum Judentum übergetretene Japanerin. Der Mann starb und die Witwe leistete den größten freiwilligen Beitrag zum Bau der Synagoge. Moritz Ls?arus. Ein Gedenkblatt. Berlin, 13. April, in Philosoph auf der Höhe des Gedankens wirft einen Blick aus den zurückgelegten Weg. Er will noch einmal | die erhabene Genugtuung geleisteter Arbeit genießen, noch einmal mit befreitem Auge den selbstgefundenen Pfad verfolgen,. der ihn auf die Höhe geführt. Was mußte er alles durchkosten, bevor er diesen Pfad gesunden, bevor er diese Höhe er- * klommen. Und wie sehr weit zurück liegt der A u s g a n g s p u n k t! Ja, dieser Ausgangspunkt! Alles ist überwunden, alles, aber dieser eigenartige Ausgangspunkt, der ist unüberwindlich. Nach einem fast vollendeten Leben philosophischen Schaffens erscheint er wieder in seiner ganzen Ursprünglichkeit. In dem Alter des Niederganges, in welchem die Schaffenskraft und Schaffensfreude zu schwinden Pstegt, um nur noch den ehr- - würdigen Glanz zerbrochener Bundestafeln zurückzulassen,? kommt hier wieder der Ausgangspunkt zum Vorschein. — Der greise Philosoph schüttelt bedenklich sein gedankenreiches Haupt: s Der Weg vom Ausgangspunkt zur Höhe darf und muß durch “ verschlungene Krümmungen führen, aber eine gerade Luft- | l inie muß es zwischen beiden doch geben. Der Philosoph hält Umschau auf der erklommenen Höhe, und siehe da! Hier weht I Heimatlust. War er schon einmal hier? Ein erlösender Gedanke durchblitzt sein geistschaffendes Gehirn: Ich bin wieder I an meinem Ausgangspunkt angelangt! In diesem Bilde erscheint uns Lazarus in seinem philoj sophischen Schaffen. Der Talmudjünger aus Filehne wird! Philosoph, leistet Großes und Bleibendes auf allen Gebieten f philosophischen Denkens, fein Judentum tritt in den Hintergrund. Lazarus betätigt sich wohl vielfach in' der jüdischen Gemeinschaft, leitet Synoden, ruft bleibende , Institutionen ins Leben, ist Mitbegründer und Vorsitzender vieler wohltätiger und anderer jüdischer Vereine — aber; Lazarus als Philosoph gehörte (trotz gelegentlicher Zitate aus jüdischen Quellen) bis ins Greisenalter nicht dem Judentume; wohlverstanden: dem Judentum als G e d an k e n s h st e m. „Reden \ über Juden und Judentum" hat Lazarus viele gehalten, viel mehr als im Druck vorliegt, aber diese Reden stellen noch lange keine Orientierung eines jüdischen Philosophen zur jüdischen Weltanschauung dar. Lazarus hatte bereits den Höhepunkt seiner philosophischen Entwicklung ereilt, glücklicherweise jedoch nicht überschritten, als diese Orientierung von Außen her vom Gesamtjudentum gefordert und von einer jüdischen Notablenversammlung (Koblenz, August 1883) beschlossen wurde. Dies der Zeitpunkt des Eingangs entworfenen Bildes. Der Ausgangspunkt taucht auf aus dem Hintergründe. Die Anregung kommt von Außen, aber sie trifft bei unseren Philosophen auf eine innere Disposition (war ja die ganze Versammlung von ihm in die Wege geleitet). In den letzten Jahren sucht Lazarus bereits die Beziehungen ( zwischen seinen philosophischen Standpunkt und dem Gedankenshstem des Judentums. Was er in dieser seiner Sehnsucht nach philosophischer Harmonie geahnt," war nur geeignet, ihn zur Arbeit anzueisern. Auf seiner philosophischen Höhe fühlt er sich von sanfter Heimatsluft umsäuselt. Die abgeklärte Weltanschauung, zu der er sich durchgerungen, erkennt er als die Weltanschauung des Judentums wieder; als jene Anschauung, welche ihm sein frommer und gelehrter Vater ohne viel Aufhebens zu machen pflichtschuldigst überliefert, weil er sie . eben von seinen: Vater überliefert bekommen hatte. Dies sieht jetzt unser

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