Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-04-15 · Heft 16 (15.4.1904) · p. Seite 182

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 16 (15.4.1904)
Date
1904-04-15
Page
Seite 182 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228581-3228598--60730-3274514
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

18*2 gegenüber den jahrelangen Vorbereitungen Rußlands in Ostasien, wenn in einem so kritischen Augenblick die „Nowoje Wremja", nach Art des Wolfes in der Fabel jetzt behauptet, die Juden hätten Schuld am Kriege und wieder - einmal dem harmlosen russischen Schäfchen das Wasser getrübt: Nein, gerade jetzt, wo die össentliche Meinung mit fieberhafter Spannung den Vorgängen in Ostasien folgt und ständige Erregung jede künstliche Beeinflussung seitens der Machthaber auf die Dauer unmöglich macht, jetzt muß den Volksbeglückern vom Schlage der „Nowoje Wremja" gezeigt werden, daß derartige Methoden, die Erregung des russischen Volkes auf die Anderen äbzuwälzen, nicht mehr verfangen, denn „allzustraff gespannt zerspringt der Bogen". Der vergiftete Pfeil wird auch in diesem Falle sehr bald auf den. Schützen zurückschnellen. Vielzulang schon hat Europa sich Rußlands Friedensschalmeien gegenüber in Sicherheit einwiegen lassen. Gerade aus unseren Kreisen sind leider wieder an der Börse jetzt die ersten Opfer gefallen, der Ruin mancher Familie ist eingetreten oder steht noch bevor. Die oberen Kreise treten zwar hier tunlichst helfend ein, was gewiß anzuerkennen ist, aber wäre es nicht besser gewesen, sie hätten schon früher den Optimismus Rußland gegenüber nicht allzusehr unterstützt? Es gibt für die soziale Stellung der Juden jetzt nur ein entweder — oder. Das heutige offizielle, mit Vorliebe sich der Hilfe getaufter Juden bedienende Rußland behauptet, „die Juden" treiben ein falsches Spiel, und wir Juden behaupten, Rußland muß energisch behandelt werden, denn es sei noch lange nicht europäisch, sondern im Inneren asiatisch. In dieser Frage ist jeder Rusfophile aber ganz sicher auch zugleich — Antisemit. Diese modernen Marannen jedoch befördern indirekt den Schaden des Judentums. Mit offenem Visier steht Europa längst im Kampfe gegen alles Halbasiatische; instinktiv fühlen viele, was auf dem Spiele steht. Ueber Jahresfrist kann sich dieser Krieg hinspinnen. Jetzt ist der Kamps da, in den: sich die Weltanschauung Asiens und Europas scheidet. Dr. H. Maron, Mitglied der offiziellen Preußischen Expedition nach Ostasien, schreibt in seinem Buche über Japan: „Die Japaner sind ohne allen religiösen Fanatismus." Unbeschadet unserer vollständigen Neutralität in Politischen Dingen müssen auch wir sagen, daß die nichtchristlichen Völker nach den südrussischen Judenmetzeleien nur mit Achselzucken die Phrasen Europas über seine „christliche Kultur" anhören können. Die russische Kultur haben die Asiaten sicher längst durchschaut, denn wie Rußland in Asien Schritt für Schritt vordringt, so hat es seit 50 Jahren auch in Europa alles getan, um zur Erhaltung der Despotie Uniformität herbeizuführen, alles Nichtrussische mit Gewalt umzumodeln oder, wie es die im jetzigen System fortdauernde Politik Jgnatiews den Juden gegenüber war, durch Znsammendrängung und Verarmung unsere Brüder auszurotten, die Kinder den Herzen der Eltern zu entfremden, die widerspenstigen Idealisten in unwirtlichen Gegenden Asiens dem Tode zu überliefern. Und das soll europäische Kultur sein? Graf Muränüew hat uns in Holland kürzlich versprochen, das Licht Rußlands werde bald nach der Unterwerfung der Asiaten wieder leuchten — hoffen wir, daß es in der Tat .bald Tag werde. Dem: gerade in solchen Zeiten gilt uns Juden insbesondere des Propheten Mahnung, uns nicht einschläfern zu lassen, sondern den Ruf zu erheben: „Wächter, wie spät ist es in der Nacht?" Dir Macht. Berlin, 12. April, rft in den Ferien hat sich die „Germania" der-Juden erinnert und ihren: Artikel gegen die Antisemiten einen gegen die Juden folgen lassen, weil die „jüdische Presse" gegen die Aufhebung des 8 2 des Jesuitengesetzes sich ereifert hatte. Es. ist ein trauriges Stück Arbeit, iunner und immer wieder das hundertmal gesägte und widerlegte wiederholen zu müssen, zumal wenn man dabei die Ueberzeugung erlangt hat, daß man es mit einem Gegner zu tun hat, der gar nicht belehrt sein will. Im Zentrum weiß man so gut wie überall, daß es keine andere jüdische Presse gibt als die, welche sich mit den religiösen Angelegenheiten des Judentums besaßt und daß diese niemals gegen Einrichtungen der katholischen Kirche etwas geschrieben hat. Und noch besser weiß man im Zentrum, daß die leitenden jüdischen Kreise nicht den geringsten Einfluß auf die liberale Presse haben, auch selbst wenn es sich um Blätter handelt, die jüdische Verleger und Redakteure haben. Es wäre ja auch gar nicht zu verlangen, daß jene Blätter ihre politische Ueberzeugung uns zu Liebe ändern oder verschweigen sollten. Und sie würden es auch sicher nicht tun. Wenn es der „Germania" um ein Beispiel zu tun ist, so möchten wir nur auf den Babel-Bibel-Streit Hinweisen, wo die gesamte liberale Presse aus einem Standpunkt beharrt, der das Judentum in seinem Grunde befehdet. Wenn nun gar auf ein Schächtverbot hingedeütet wird, so dürste damit das diametrale Gegenteil der beabsichtigten Wirkung erreicht werden: die liberalen Mütter, die getroffen werden sollen, würden gleichgültig oder gar zustimmend ein solches Verbot als „Fortschritt der Entwicklung" begrüßen — und getroffen würden nur die orthodoxen Juden werden, die doch das Zentrum wahrhaftig auch nicht in ihren religiösen Empfindungen verletzen will. In: übrigen dürfen wir wohl der: nuten, daß das Zentrumsblatt nicht in: Aufträge oder inr Sinne der Fraktion oder auch nur eines größeren Kreises gesprochen hat. Es trifft sich gut, daß gerade in diesen Tagen ein oberschlesischer Pfarrer eine antisemitisch angehauchte Postkarte an die Bossische Zeitung geschickt hat, weil diese ihn beschuldigt hatte, er lasse polnischen Arbeitern nicht deutsche Lieder ins Grab singen. Darauf schrieb der geistliche Herr: „Ich frage Sie hiermit an, ob Sie vielleicht beim Begräbnisse polnischer Juden deutsche Lieder singen werden?" Und das betreffende Blatt gibt eine Antwort, die vielleicht auch der „Germania" und ihren etwaigen Hintermännern zu denken geben wird: „Was soll die Hindentung auf. die polnischen Juden und das deutsche Lied? Empfindet Herr Skowronek das Bedürfnis, sein antisemitisches Herz zu offenbaren? Das wäre töricht, denn Hochwurden, weiß sehr wohl, daß die oberschlesischen Juden sich ausnahmslos zum Deutschtum bekennen und darum nicht polnische Juden sind, und doppelt töricht wäre die Offenbarung, weil die jüdischen Geschäftsleute aus dem Lande noch immer die strammsten Zentrumsagitatoren gewesen sind." * Frau Baronin Bertha v. Suttner, die seit einiger Zeit als Gast des Fürsten Albert von Monaco auf dessen Schlosse weilt, erzählt von dort in der „N. Fr. Pr." unter anderem: „Noch ein zweiter Gesprächsstoff drängt sich in den hiesigen Kreisen hervor — nicht so leidenschaftserregend, wie vor ein paar Jahren, aber doch teilnahmsweckend; der wieder aufgenommene Dr eh fu s - Pr o z e ß. Darüber erzählte mir Fürst Albert (der ja bekanntlich aus Seite der Wahrheitskämpfer in der: Prozeß eingegriffen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.