Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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68. Jahrgang. No. 16. Berlin, 15. April 1904. eitung des Audmtums. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner 9* Ludwig Philipps««. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsaiemerstr. 46/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 IN. Redakteur: Gustav Rarpeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Blosse, Berlin. Luropg und Men. Berlin, 12. April, ie wir bereits wiederholt durch Beweise zu erhärten in der Lage waren, haben unsere russischen Glaubensbrüder sich in dem gegenwärtigen für Rußland kritischen Moment in rührender Weise zu einer besonderen Lohalitätskundgebung für ihr Vaterland ausgeschwungen. Für Westeuropa ist damit in einer Zeit, in der sogar noch die eigentlichen Anstifter und Mörder von Kischinew frei umherlaufen, die russische Judensrage in keiner Weise erledigt. Gerade jetzt ist es Zeit, energisch über unser Recht zu wachen. Rußland nimmt gar selten und stets nur dann ans die öffentliche Meinung Europas Rücksicht, wenn ihm energisch entgegengetreten wird und wenn es nicht nur seine Franks, sondern auch seine Mark und Schilling dringend braucht. Sollte Rußland aber gar bald irgend welche erheblichen Erfolge in dem gegenwärtigen Kriege erzielen, so wird es sicher noch übermütiger als früher sein. Haupt erheben und sich für unabhängig genug von der öffentlichen Meinung halten, um rücksichtslos seine reaktionären Ziele zu verfolgen. Soll daher jemals in leitenden Kreisen, welche der Politik der Unterdrückung der Juden, ihre dauernde Einpserchung in den Gouvernements des ehemaligen Königreiches Polen, ja, wie Herr Plehwe es offen ausgesprochen hat, ihren schließlichen Untergang predigen, von oben eine befreiende Einkehr, eine Läuterung und Besserung erfolgen, so muß in Bälde seitens Westeuropas der richtige Zeitpunkt zur Wahrung des Rechtes benutzt werden. Andernfalls werden die Russen, die durchaus nicht sentimental sind, „das russische Paschalik Westeuropa" (wie es einer ihrer Schriftsteller einmal nennt) später einfach auslachen, wenn sie die Früchte ihrer Expansivpolitik in die iur Laufe der Zeit immer größer gewordene Tasche stecken. Die Depression nach dem Krimkriege aber brachte allen Lichtfreunden als Frucht ihrer Agitation die Aufhebung der Leibeigenschaft in Rußland. Jetzt, wo Rußland den Westen braucht, darf dieser auch nicht schweigen; es müssen auch die Garantien Rußlands für die Freizügigkeit der Juden von Westeuropa aus verlangt werden; gibst du keine Garantien — so erhältst du keine Kriegsanleihe, das müßte von Rechtswegen die Parole sein, mit der Europa den weiteren Ereignissen entgegensieht. England hat in der berühmten Londoner Rathausversammlung nach den Greueln von Balta seine ersten Staatsmänner und Häupter wie Lord Shaftesbury, den Herzog von Westminster, Kardinal Manning, den Bischof von London, ferner seine ersten Denker und Dichter für die russischen Juden ihre Stimme erheben sehen. . Ein Jahr war damals seit den südwestrussischen Metzeleien verflossen. Darum müßte auch jetzt, wo der Prozeß in Kischinew fast als eine Farce geendet hat und erst vor kurzem wieder den Juden die Fenster eingeworfen wurden, durch eine imposante Aktion Westeuropas noch Schlimmerem vorgebeugt und eine dauernde Besserung in der trostlosen Lage unserer dortigen Glaubensbrüder wenigstens angebahnt werden. Die öffentliche Meinung kann in diesem Kriege in der Tat selbst in Rußland die Juden in einer so kritischen Zeit wie der jetzigen nicht entbehren; die beliebte Knebelung durch ein Schreckensregiment (wie es Herr v. Plehwe als moderner Haman in Aussicht stellte, der den Juden den Aufenthalt in Rußland unleidlich und unmöglich machenzu wollen erklärte) ist jetzt denn doch nicht gangbar. Der slawisch-moskowitische Volksgeist ist im allgemeinen eher zum Frieden und zur Ruhe geneigt, die treibenden und bewegenden Kräfte find auch in Rußland die Kreise der Intelligenz. Mögen diese sich daher jetzt im Rahmen des Rechtes und des Gesetzes rühren; man wird es kaum wagen und im Interesse des Kredits nicht vermögen, sie und das gesamte Europa zurückzustoßen. Die Wahrheit siegt ja doch einmal und alle Fortschritte in der Welt sind nur auf dem Wege des beharrlichen Strebend errungen worden. Selbst das offizielle Rußland buhlt um die Gunst der öffentlichen Meinung. Der russische Justizminister Graf Murawiew hat ganz vor kurzem im Haag mit Bezug auf Japan gesagt, es seien Asiaten, welche den Frieden Europas gestört hätten; seien diese niedergeworfen, so werde es wieder Licht werden. Das jung ausstrebende Volk der Japaner wird den Russen, die ja in ihrer tausendjährigen Geschichte auch so manche Wechselfälle des Schicksals durchgemacht haben, sicher die Antwort auch hierauf nicht schuldig bleiben. Aber möge Rußland, wenn es mit dem Lichte gehen will, durch zeitgemäße europäische Reformen jetzt zeigen, daß es nicht in asiatischem Despotismus sechs Millionen Juden aus die Dauer von der Freizügigkeit ausschließen will. Man hat erst vor Jahresfrist Juden aus Port Arthur und der Mandschurei ausgewiesen. Wie froh wäre man jetzt, wenn jüdische Getreidehändler, diese Hüter des Verkehrs, da wären und die dortigen getreidearmen Gegenden vor der drohenden Hungersnot bewahren könnten. Wir haben keine Veranlassung, Rußland Uebles . zu wünschen, aber wir fürchten, daß diese Politik der Absperrung und der Intoleranz sich rächen wird und Unschuldige für die Schuld des gegenwärtigen Systems zuerst werden büßen müssen. Europa aber darf diesesmal nicht zu spät in die Schranken der öffentlichen Meinung ^treten; .- es ist geradezu ein Hohn