Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1904)
- Date
- 1904-04-08
- Page
- Seite 180 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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180 Ach ich wußte ja sofort, wie töricht und haltlos, ja grausam das war, was ich gesagt, aber meine Selbstbeherrschung hatte mich jäh verlassen. Sie wurde totenblaß, doch sie sprach kein Wort. Ich weiß nicht wie es kam, die anderen gesellten sich wieder zu uns und die Unterhaltung drehte sich um tausend alltägliche Dinge. Die Sonne ging unter, kühl wehte dieAbendlüft, und als wir heimkehrten, erklang mir das Läuten der Abendglocke wie das Grabgeläute unserer Liebe! Am anderen Tage hielt ich einen Brief in der Hand: „Leben Sie wohl, mein Freund," schrieb sie, „und haben Sie Dank für ein kurzes aber reiches Glück, das vielleicht, zu groß gewesen ist, als daß es hätte dauern können. Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen wehe tun mußte, es war wohl selbstsüchtig von mir, Ihnen als Last aufbürden zu wollen, was mir bisher nur Glück und beseligender Daseinszweck war und stets sein wird. Ja, es war selbstsüchtig und doch, das Kind hat ja nur mich! — Mir war es in jener glücklichsten und schmerzensreichsten Stunde meines Lebens, als ob ich Ihren Wunsch erfüllt habe, und nun, nach Jahren irdischen Glückes, Plötzlich heimgegangen, drüben in einer besseren Welt vor meiner Mutter stände, und die mich traurig fragte: „Meine Tochter, wo ließest Du Deinen Bruder, den ich scheidend Dir ans Herz gelegt?" — Verzeihen Sie, ich konnte nicht anders, —.werden Sie glücklich! — Das Kind und ich, wir beten täglich darum!" Ach, ich Tor, der ich solch ein Herz verloren hatte durch eigene Schuld! - Wilde Reue erfaßte mich! Das hatte ich nicht erwartet, daß sie mich aufgeben würde, um des Kindes willen! Verlieren wollte ich sie um keinen Preis; ich suchte sie sofort auf, ich beschwor sie und machte ihr die heiligsten Zugeständnisse. Das Kind sollte fortan auch mein Bruder sein — umsonst, der Würfel war gefallen. Sie blieb fest und sagte nur nur in ihrer stillen einfachen Weise: „Glauben Sie mir, es ist besser so — wir wären nicht glücklich geworden und können so doch nimmer ganz unglücklich sein. Sie haben ihren Beruf und ich den meinen; es lohnt sich zu leben — und wir haben beide die Erinnerung!" Es war geschehen, der Traum war zu Ende, und ich fühlte es: die Saite in meiner Seele, die von Liebe geklungen, war zerrissen für immer, aber sie würde schinerzend nachzittern für nrein ganzes Leben lang. Sie war mit dem Knaben in einen Kurort gereist, und erst kurz vor den hohen Festtagen zurückgekehrt. Noch , einmal sah ich sie. Ich war im Begriff eine Stelle als Schiffsarzt, um die ich mich beworben hatte, anzutreten; ich wollte Meere zwischen uns legen, um zu vergessen. Es war am Jom Kippur, als während der Totenfeier mein trünenumflorter Blick nach der Frauenempore sich richtete, sie suchend und findend. Als ich sie mit tränenüberströmtem Antlitz, in Schmerz versunken, sah, da loderte die Flamme meiner Liebe nochmals jäh empor, und es schrie in nur: „Komm an nrein Herz, ich will Dich halten, führen, schützen und tragen, und mit Dir den kleinen Bruder!" Aber ich wandte meinen Blick schmerzvoll von ihr ab; sie kam mir wie eine Heilige vor, deren Ruhe ich nicht stören durfte; anr andern Abend lagen schon Meilen zwischen uns. Nach fünf Jahren ward mir in der Ferne die Kunde, daß sie zum ewigen Frieden eingegangen war. Es war ein eigenes Gefühl, das mich erfüllte, so ganz verschieden von dem, das mir die Seele zerriß bei jenem ersten Scheiden! Damals glaubte ich unter der Wucht des Schmerzes zusammenbrechen zu müssen, nun war es nur, als ob sie von dieser Erde geschieden sei, um fortan mein' Schutzgeist zu werden. Und wie oft hat die Erinnerung an sie in späteren Jahren bestimmend in mein. Leben eingegriffen! Erst heute, ein Jahrzehnt nach ihrem Tode, war es mir vergönnt, an ihrem Hügel zu beten; zu mächtig war die Sehnsucht, die ich draußen zu betäuben suchte, in mir geworden. Ein unsägliches Heimweh nach Frieden, nach der eigenen Ruhe im Grabe erfaßte mich; traurig schloß ich endlich die eiserne Pforte hinter mir. Noch galt es einen Besuch zu machen bei dem ehrwürdigen Rabbiner des Ortes, meinein alten väterlichen Freunde, mit dem ich einst an so manchem Kranken- und Sterbebette gestanden hatte. Ich erwog, ob es geraten sei, ihn am Rüsttage des höchsten Festtages zu stören, aber meine Sehnsucht ihn zu begrüßen, beschwichtigte alle meine austauchenden Bedenken. Wie herzlich war unser Wiedersehen! Was wußte er mir alles zu erzählen! Auch von ihr sprach er. Er hatte mit seinem scharfen Auge wohl tiefer in unsere Seelen hineingeschaut, als wir es geahnt — in einem seit fast einem halben Jahrhundert nur dem Wohle feine Gemeinde geweihten Leben hatte er nur allzuoft wahrgenommen, wie nahe Liebe und Leid bei einander stehen. „Sie war ein Engel," sagte er, „als man sie in die kühle Erde bettete, bildeten die Armen des Ortes, die nie vergebens an ihre Tür und ihr Herz gepocht hatten, ohne Unterschied der Konfession, die Hälfte des Trauergefolges. Sie ist in Wahrheit „allen alles" geworden! „Und der Knabe," fragte ich. „Ach, den hat das Schicksal schwer heimgesucht. Nachdem er vor einem halben Jahre ein glänzendes Abiturium bestanden hatte, wollte er Medizin studieren, und das ihm verbliebene Kapital wäre ausreichend gewesen, wenn nicht in letzter Stunde das Bankhaus, bei dem das Vermögen der Geschwister deponiert lag, zusammengebrochen wäre. Der junge Mann umßte seinem Lieblingswunsche entsagen." Wie eine Erleuchtung von oben kam es über mich. „Mein teurer, väterlicher Freund," bat ich, „wollen Sie nur helfen, eine alte Schuld zu sühnen, die mir das Leben verbittert hat? Vielleicht ist es noch nicht zu spät. Suchen Sie den jungen Mann auf, sagen Sie ihm, er tue ein Werk der Barmherzigkeit, wenn er im Andenken an seine Schwester einem, der ihr einst sehr nähe stand, ermöglicht, eine Schuld abzutragen, die diesem Schuldner die Seele frei umchen wird, wenn er ihm, dem Bruder, zur Erfüllung seiner Lebenshoffnung verhelfen kann!" Gottlob es war nicht zu spät! Nach einiger Zeit — ich war mehrere Wochen in der alten Heimat geblieben — brachte mir mein verehrter väterlicher Freund einen an mich gerichteten Brief. Der junge Mann schrieb: „Mein ganzes Herz dankt Ihnen, meinem unbekannten Wohltäter, für Ihr edles, großherziges Anerbieten! Ich nehme es an in Ihrem Sinne, im Andenken an meine Schwester, denn ich fühle es, daß es sich hier nicht um eine materielle Schuld, sondern um eine Schuld des Herzens handelt. Ich werde es als eine heilige Pflicht betrachten, mich Ihrer Güte würdig zu zeigen, indem ich bestrebt sein werde, meinen Studien mit hingebungsvollem Eifer obzuliegen und später meinen Beruf in gleicher Weise zu erfüllen! Gott lohne Ihnen Ihren Edelmut!" Noch einmal pilgerte ich vor meiner Rückkehr in den alten Wirkungskreis nach dem Friedhofe. Die Bäume hatten ihr letztes, karges Laub schon hergeben müssen, es war Plötzlich Herbst geworden und alle die welken Blätter und Blumen deckten die stillen Schläfer unter ihnen zu. Ein schneidend scharfer Nordwind fegte über den heiligen Ort, aber durch meine Seele ging es, als solle es noch einmal Frühling für mich werden, als grüße sie mich mit verklärtem Lächeln aus den Gefilden der Seligen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich ftn die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.