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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-04-08 · Heft 15 (8.4.1904) · p. Seite 179

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 15 (8.4.1904)
Date
1904-04-08
Page
Seite 179 (sequence 11)
Language
German
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179 Wenn in dem tränenfeuchten Blick Sich euer vertrautes Bild gemalt, Es war, als winkte neues Glück, Als hätt' ein neuer Stern gestrahlt. Vom Auge schwand - des Nebels Grau, Hell blickt es wieder um sich her; Getrocknet war der Tränen Tau, Die Welt ward schöner inrmer mehr. Auch heut' habt ihr mich neu beseelt, Die matte Brust mit Mut gefüllt, Was mich gedrückt, was mich gequält, Ihr habt's erleichtert, habt's gestillt. Die Wolke weicht dem Sonnenstrahl, Das Himmelblau zieht hell heraus; O grüner Wald, o! stilles Tal, In euren Frieden nehmt mich aus. Laßt mich umstrahlt vom Abendrot Bei euch des Lebens bitt're Pein, Der Menschen Haß, der Menschen Not Vergessen und — vergessen sein. Vergessen wird aber Schleiden nicht sein. Denn sein Name wird fortleben in der Wissenschaft, der er sein Leben geweiht, und in der Geschichte der Juden, derer er sich mit solcher Wärme angenommen hat. gpaiiLecofr Siihnr. Aus den Erinnerungen eines Arztes. Von Regina Neisser. Uch kann nicht nach Hause — Hab' keine Heimat mehr!" klagt der Wanderer in jenem rührenden kleinen Liede. Ach, ich war gleich jenem Wanderer, und dennoch oder vielleicht gerade deshalb hatte mich das Heimweh ergriffen und ich war aus fernen Landen gekommen, die teure Stätte meiner Jugend auszusuchen: die Täler, die Berge, .die Straßen, die Synagoge, das Haus darin ich ein Kind gewesen und auf das ich kein Anrecht mehr hatte. Da stand ich nun in dem stillem Garten, dem Orte des Friedens und des Gebets, wo ein paar grüne epheuumsponnene Hügel das bargen, was „mein einst war". Vater, Mutter, Bruder, Schwester — das Kaddisch-Gebet, das ich zu jener Stunde für sie betete, ließ mich's inbrünstiger als je fühlen, daß es ein unlösbares Band gibt zwischen hüben und drüben. Es war Erew Jom-Kippur! Spuren der über den Tod hinaus sorgenden Liebe überall; alles, was der Herbst noch an farbenprächtigen Gaben hatte, in verschwenderischer Fülle über die stillen Hügel ausgebreitet: Kränze und Blumen ohne Zahl! Schwermütig schritt ich durch die Reihen, wo das Memento mori“ in manch lieben längst vergessenen Namen mir ans Herz griff. Nur die eine Stätte fand ich nicht, die ich seit manchem Jahre — ach so oft im Traume gesehen — hatte! Endlich war auch sie gesunden: hart an die Friedhofsmauer gelehnt, ein Epheuhügel mit einem Strauß von Chrysanthemen, der aus dem. dunklen Grün hervorleuchtete, wie ein lichter Gedanke von Unsterblichkeit in düsterer Trauer. Ein einfaches Denkmal aus weißem Marmor mit ihrem Namen und dem Spruche: „Segen ihrem Andenken, die nur Liebe und Barmherzigkeit geübt hat" schmückte das Grab. Ein leuchtender Strahl der Herbstsonne zitterte eben über die goldenen Lettern jener Worte, die mir ins Herz schnitten: wer war je im Leben unbarmherziger gegen mich gewesen, als sie, die da schlief? Und dennoch! Es war um die Mittagstunde, als ich vorn Friedhofe durch die Straßen der Stadt ging. Das Getriebe des Alltagslebens wie ehedem: lärmendes Geräusch, hastende Menschen, und schlecht in jene Prosa hinein stimmten die Erinnerungen, die mich beherrschten, ja überwältigten, als ich an jenem Hause vorüberkam, das sie einst bewohnte, Es war im sonnigen, wonnigen Mai, als ich sie zum erstenmal sah. Im Frühlinge ihres Lebens Waise geworden, war ihr nur ein kleiner Bruder geblieben. Doch dieses Kind schien ihr alles zu sein; sie war ihm Mutter und Schwester in des Wortes idealster Bedeutung. Der Knabe war plötzlich heftig erkrankt. Da stand ich nun in meiner Eigenschaft als Arzt zu seiten des Bettchens, wo unter den weißen Mullgardinen ein tvirnderlieblicher j Kinderkopf in den Kissen lag, mit glänzenden Augen und fieberheißen Wangen. Mir gegenüber sie, die Schwester, mit solch herzzerreißendem, stummen Flehen in den noch kindlichen Zügen, daß es mich seltsam packte mit fast dämonischer Gewalt: „Hier mußt du helfen, wenn nicht bezüglich deiner Kunst auch dir fortan die salomonische Klage das Leben vergällen soll: „Alles ist eitel!" Und Gott wird dir beistehen, daß du helfen kannst!" Der Knabe genas, aber über unsere Seelen, über die des Mädchens und die meine, brach das Verhängnis herein. Ach, es waren schmerzlich süße Stunden, die ich so manchen Tag an jenem Krankenbette verbrachte, in dem Zimmer, das ich noch vor mir sehe, als sei es gestern gewesen. An der Wand j am Kopfende des Bettchens, das rührende Bild, die Licht-! gestalt der verklärten Mutter als Schutzengel, zur Seite des; Bettchens das Schaukelpferd und auf dem Fenstersimse nach dem Garten hin im grünen Epheugitter das weiße Lichtbild > vom Rotkäppchen, jenem Märchen, das der Kleine zu hören > nie müde wurde. Wie lieb sie ihn hatte! Wie zart sie um ihn sorgte! i Es gab Stunden, da mich die heftigste Eifersucht auf jenes Kind i erfaßte, das doch die heiligsten Anrechte an ihr Herz hatte. I Noch war kein Wort zwischen uns gefallen, das den Traum? jener Wochen hätte Gestalt annehmen lassen; aber der Tag; sollte bald für uns komnren! Wir waren von gemeinschaftlichen Freunden zu einem - Ausflüge eingeladen. „Es war ein Sonntag hell und klar, 1 ein selten schöner Tag im Jahr; wir beide gingen . . ." Ja,! wir gingen immer weiter in die schöne Gvttesnatur'hinein, i an wildbewachsenen Abhängen vorüber, dunkelbelaubte Bäume I spiegelten sich in dem klaren Bergwasser, das unten vorüberrauschte, während die wunderbare Ruhe und der milde Frühlingssonnenschein der ganzen Welt um uns herum einen Schimmer von Verklärung verliehen. Und dann kam ein Augenblick auf der höchsten Höhe des Weges, wo von dunklen Tannen umgeben ein Felsvorsprung den Blick zum Schauen auffordert über Berg und Tal. Da hielten zwei Menschen Rast und laut sprachen ihre Seelen, was schon seit Monden unausgesprochen zwischen ihnen lag. „Und das Kind?" fragte sie plötzlich, als ich sie irr mein Herz hatte blicken lassen und die selige Gewißheit hatte, daß sie meine Gefühle erwidere, „ich darf es doch mit hinübernehmen in unser zukünftiges Heim?" Da packte mich wieder der Dämon der Eifersucht, der mich schon so oft beschlichen hatte. „Nein, ich will Dich nur für mich allein haben, Dich mit niemand teilen!">stieß ich' hervor. „Gib das Kind in ein gutes, bewährtes^ Pensionat/wo^ die väterliche Liebe der Lehrer und Erzieher, Hie Gesellschaft der Altersgenossen ihm reichlich ersetzen wird, was er verliert \“

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