Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1904)
- Date
- 1904-04-08
- Page
- Seite 178 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Manuskript, betitelt: „lieber das Judentum." Vielleicht -wird es mir vergönnt sein, Einsicht in dasselbe zu erhalten, und ich werde es dann, wenn es.die geehrte Redaktion gestattet, an dieser Stelle mitteilen. Nicht unerwähnt soll bei diesem Anlaß bleiben, daß die Gattin dieses großen Mannes, Therese, ganz und gar die idealen, Humanitären und philosemitischen Anschauungen desselben teilte. Das ersieht man schon cm§ einem Briefe, den sie nach dem Ableben Schleidens an S a^ch e r - M a s o ch, der damals eine Zeitschrift, betitelt: „Auf' der Höhe," herausgab, richtete, und der sich in meinem Besitz befindet. Dieses bisher ungedruckte Schreiben, welches einen interessanten Beitrag für die Charakterschilderung des Gelehrten liefert, hat folgenden Wortlaut: Frankfurt, 28. August 1881.- Sehr geehrter Herr! Als vorgestern Ihr Brief an meinen Gatten ankäni und ich ihn las, mußte ich bitterlich weinen. Sie wußten also noch nicht, daß dieser, als Mensch wie als. Gelehrter so bedeutende Mann schon am 23. Juni d. I. gestorben ist. Lebte er, so würde er gerade an Ihrer j Revue sich gern und mit Eifer beteiligt haben, denn er war, seit ich I ihn kenne, ein Kämpfer für Wahrheit und Recht und ein Feind! aller religiösen und nationalen Hetzerei. Das hat er be-! wiesen, indem er vor fünf Jahren zwei Aufsätze schrieb: „Die Be-! dentung der Juden ini Mittelalter" und „Das Martyrium in früheren j Jahrhunderten." Diese beiden Schriften haben ihm, dem Christen! unter den Christen viele Feinde gemacht. Unglaublich aber wahr! j Dagegen erhielt er von ganzen jüdischen Gemeinden, sowie von! einzelnen jüdischen Gelehrten massenhafte Zeichen der Dankbarkeit und Sympathie. Ich habe Schleidens hinterlassene Manuskripte noch nicht geordnet, will dies aber in den nächsten Tagen tun. Sollte ich darunter einen Aufsatz finden, der für Ihre Revue geeignet wäre, so sende ich ihnen denselben. Paßt er ihnen, dann behalten Sie ihn zum Abdruck; wo nicht, senden Sie ihn an mich zurück. Auch eine kleine Anzahl ungedruckter Gedichte hat mein verstorbener Gatte hinterlassen. Zwei Bände seiner Gedichte sind gedruckt worden. (Leipzig bei Engelmann.) Leider nannte er seinen Namen nicht, sondern ließ sie drucken unter dem Namen „Ernst"; deshalb sind! diese zum Teil wunderschönen Gedichte verhältnismäßig wenig bej kannt geworden.; Ihrer Revue wünsche ich aus vollsten: Herzen guten, recht guten! Erfolg! Die neuen Judenhetzen dieses Jahres müssen! jeden gebildeten Menschen mit Abscheu erfüllen, und in! ihm den Wunsch rege machen, daß viele tüchtige Kämpfer j für Recht und^geistige Freiheit durch Wort und Tat aufi treten möchten. Ich kann gestehen, ich habe mich in diesem! Jahre oft geschämt, eine Christin zu sein. Bevor ich schließe, j sage ich Ihnen noch Dank für Ihre schönen Erzählungen, unter! denen besonders „Don Juan von Kolomea" und „Die Mond- ' nacht" mich entzückt haben. j Sie benachrichtigen mich wohl durch einige Zeilen, ob ich Ihnen irgend einen hinterlassenen Aussatz Schleidens zur Ansicht senden soll. ' Irr dieser Erwartung zeichne ich mich als Ihre ganz ergebene Therese Schleiden. Aber nicht nur in Prosa hat Schleiden seiner Sympathie und Bewunderung des Judentums und der biblischen Schriften beredten Ausdruck gegeben, sondern auch in den zwei Bänden seiner Gedichte, von denen in dem vorhergehenden Brief seiner Witwe an Sacher-Masoch die Rede ist. Gewiß wird nran auch den philosemitischen Poeten gern um so mehr kennen lernen, als die Sauunlung seiner pseudonym erschienenen Lieder fast gar nicht bekannt geworden ist. > ' Das schöne Wort des Jesaias, Kapitel 44, 21: „Israel, vergiß mein nicht!" veranlaßte ihn zu einem ergreifenden Poem, also lautend.: — Tritt hinaus im jungen Maien In die lachende Natur, Wenn die Horen Blumen streuen Auf die neubelebte Flur: Liebeswarm auf Berg und Tal Ruht der Sonne Lebensstrahl. Gottes Stimme ruft im Licht: „Israel, vergiß mein nicht". Hohe Lust regt sich im Herzen, Freude strahlt aus heiterm Blick, Ferngebanut sind alle Schmerzen; Die Erinnerung bringt zurück Was verschwand und, was noch fern, Leuchtet hell als Hoffnuugsstern. Warnend Gott im Herzen spricht: „Israel, vergiß mein nicht." lieber dem erschreckten Tale Droht der Wolken schwarze Nacht, Und mit feuerrotem Strahle Zuckt der Blitz in wilder Pracht; Dumpfhin rollt des Donners Ton. Bang vernimmt der Erdensohn, Was im Sturme zu ihm spricht: „Israel, vergiß mein nicht."' Ihm verklangen die Gedanken, Nacht umdüstert seinen Sinn, In der Sünde engen Schranken Irrt er trostlos her und hin; Findet Ruh' an keinem Ort. Tief im Herzen flammt das Wort, Das des Richters Stimme spricht; „Israel, vergiß mein nicht." Zu des Domes weiten Hallen Ruft der Glocke Feierklang, Und der Orgel Töne schalten Zu der Frommen Lobgesang. Es ertönt am heil'gen Ort Der Erlösung Gnadenwort, Und versöhnt die Gottheit spricht: „Israel, vergiß mein nicht." Hier wirst Du den Frieden finden, Den die Weltlust nie gewahrt, Den des Lebens Sturm, den Sünden, Den die Reue Dir gestört, Gottes Liebe rufet Dir, Und wie willig folgst Du ihr, Wenn die sanfte Stimme spricht: „Israel, vergiß nrein nicht." Charakteristisch für ihn und seine judenfreuudliche Gesinnung ist seine Uebertragung eines alten lateinischen Epigramms über das Judentum, also lautend: O, wär doch Judäa nie, die kleine, bezwungen, Von Pompejus bekriegt und von Titus zerstört; Weiter frißt das Gift der ausgeschnittenen Beute Und den Sieger verzehrt das besiegte Geschlecht. Ueber das Weltgericht der Weltgeschichte im Tale Josaphat, wie er es sich vorstellte, hat Schleiden sich in gar sinniger und ergreifender Weise in einem Gedicht geäußert, dem er den Titel gab: Mein Josaphat. Du grüner Wald, du stilles Tal, Wie oft schon habt ihr Trost gebracht, Wenn müd' ich von des Lebens Qnal Euch meine Leiden leis geklagt;