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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-04-08 · Heft 15 (8.4.1904) · p. Seite 177

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 15 (8.4.1904)
Date
1904-04-08
Page
Seite 177 (sequence 9)
Language
German
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177 UW A^^MW^MAMKWH Mstthiss Iskob Schleiden und das Judentum. Von Dr. Adolf Ko Hut. ährend alle europäischen Nationen stillstanden und zurückgingen oder wie die germanischen Völker kaum noch einen Schritt vorwärts getan hatten, strebten bereits die Juden aus der geistigen Bahn der Entwicklung rüstig vorwärts. „Aber sie haben noch ein anderes unendlich größeres Verdienst", bemerkt Schleiden : „als die abendländischen Völker anfingen, sehnsüchtig die Hände nach den köstlichen Früchten alter Geisteskultur auszustrecken, mußten die Juden hinzutreten, um sie ihnen zugänglich zu machen, denn die Christen in ihrer entsetzlichen Unwissenheit verstanden nicht die Sprache, in der der Geist der Alten sich ihnen mitteilte. Wenn die Juden nicht als Uebersetzer gearbeitet Hütten, so würden wir wohl noch lange im finstersten Mittelalter stecken geblieben sein. Das erste Volk, welches nach der Nacht der Völkerwanderung und ihren wüsten Orgien neues geistiges Leben entwickelte, waren die maurischen Araber und ihnen machten nur Juden die griechischen Werke zugänglich." Die glänzend geschriebene Monographie faßt das Resümee der Ausführungen des Verfassers in die Worte zusammen, welche für die Kulturbestrebungen der Israeliten im Mittelalter ein rühmliches 3eitgni§ ablegen. „Blicken wir nun noch einmal zurück, so finden wir, das; die Juden während des finstern, geistig öden und faulen Mittelalters die Erhalter eines rationellen Landbaues, aller größeren Gewerbe, des Seidenbaues, der Weberei, die Träger und Förderer des den Wohlstand der Nation bedingenden Welthandels sind. Wir haben gesehen, daß sie in ununterbrochener Geistesarbeit jedes Gebiet der Wissenschaften anweisen, fortbilden und den an; Ende des Mittelalters endlich erwachenden Nationen überliefern. Sie sind die Begründer wissenschaftlicher Sprachkunde, sie sind der Borniertheit und Unwissenheit des christlichen Klerus gegenüber die einzigen, welche eine eindringende und allein fruchtbare Kenntnis der heiligen Schrift erhalten und fördern, weil sie für viele Jahrhunderte die einzigen sind, welche die Kenntnis der morgenländischen (zum Teil selbst der griechischen) und der abendländischen Sprachen in sich vereinigen; sie waren die einzigen, bei welchen die freie Entwicklung der Geistesarbeit in Philosophie und besonders Religionsphilosophie Raun: findet, welche die Ethik in einer Weise anweisen, wie kein anderes Volk. Sie sind es ganz insbesondere, bei denen ganz ausschließlich eine wissenschaftliche Bearbeitung und Fortbildung der Medizin stattfindet; sie betätigen sich fruchtbar im Fortschritt der Astronomie: sie gründeten die berühmten Schulen von Montpellier und Salerno und trugen wesentlich zum Aufblühen von Padua bei. Wenige Jahre nach Erfindung des Bücherdruckes hatten sie schon in vielen Städten vorzügliche Druckereien. Nibegra de Santos sagt: „Wir verdanken den Juden größtenteils die ersten Kenntnisse der Philosophie, der Botanik, der Medizin, der Astronomie und Kosmographie, sowie die Elemente der Grammatik und der heiligen Sprache, sowie fast alle Studien der biblischen Literatur." Während Schleiden im Vorwort zu der Separatausgabe seiner Monographie die Befürchtung aussprach, daß es ihm wohl nicht mehr vergönnt sein werde, den zur Vollendung seiner Arbeit noch gehörenden geschichtlichen Ueberblick über: „Die Romantik des Martyriums bei den Juden" fertig zu stellen, fügte es eine gütige Vorsehung, daß, wie schon erwähnt, die letztgenannte bedeutsame Schrift in nicht zu langer Zeit darauf auf dem Büchermarkt erschien und nicht minder Aussehen erregte. Schleiden fetzt seiner Studie über „die Romantik des Marteriums bei den Juden im Mittelalter" das Wort von Zunz vor, das bezeichnend für den ganzen Geist ist, der seine Schrift durchweht: - - -- „Wenn es eine Stufenleiter der Leiden gibt, so hat Israel die höchste Staffel erstiegen; wenn die Dauer der Schmerzen und dix. Geduld, mit welcher sie ertragen worden, adeln, so nehmen es die Juden mit den Hochgeborenen aller Länder auf; wenn eine Literatur reich genannt wird, die wenige klassische Trauerspiele besitzt, welcher Platz gebührt dann einer Tragödie, die anderthalb Jahrhundertewährt, gedichtet und dargestellt von den Helden selber?" Die Bilder, die der belesene, geistreiche und beredte Versasser aus der 2000jährigen Leidensgeschichte des Volkes Israel entrollt, sind von erschütternder Art; wäre er noch am Leben, hätte er denselben auch die Metzeleien in Kisch in ew und Homel anreihen können! Ich kann natürlich keine einzelnen Momente aus diesen; Bilde hervorheben und verweise in; übrigen auf mein Buch „Geschichte der deutschen Juden", wo nran auf vielen Blättern desselben so manche Belege für die von Schleiden angeführten traurigen Tatsachen finden wird. Mit größter Entschiedenheit erklärt er sich gegen die verlogenen geschichtlichen Darstellungen und die poetische Schönfärberei der Kreuzzüge und nennt sie „skandalöse Mord-.und Raubzüge", auf sie das Wort Müllners in seiner „Schuld" anwendend: „Ein halber Widerschein der Hölle, Daß die Wege sichtbar werden, Die der Teufel geht auf Erden." Daß diese mutige, unerschrockene, ja bewundernswürdige. Tat, womit der schlichte Gelehrte mit Keulenschlägen gegen die Antisemiten vorging, in; Lager derselben einerseits Bestürzung und andererseits helle Wut. hervorrief, versteht sich von selbst. Hat doch selbst der eigene Neffe und Schüler des großen Mannes in derselben Zeitschrift worin die Aufsätze Schleidens erschienen, die Gelegenheit währgenommen, gegen den berühmten Philantropen Stellung einzunehmen! Wie erst jene Antisemiten, deren Gebühren von Schleiden an den Pranger gestellt wurde, gegen diesen eiferten und geiferten, kann man sich wohl denken! Stöcker hatte sogar die Kühnheit, in antisemitischen Versamrnlungen den großen und reinen Charakter Schleidens zu verdächtigen und außerdem zu behaupten, daß dieser von Juden abstamme und von ihnen gekauft worden sei! Der also Angegriffene schrieb einen hochinteressanten Brief an den damaligen Redakteur der „Westermannschen Monatshefte" und jetzigen Schriftleiter der A. Z. d. I., diese lächerlichen Anzapfungen und Verleumdungen mit sittlicher Entrüstung satyrisch abweisend. Mehrere sehr bedeutsame Briefe der Gattin Schleidens wendeten sich gleichfalls gegen die schändlichen Verleumdungen die von den Antisemiten ausgeheckt wurden, in denen die Gemahlin des edlen Mannes mitteilt, daß er auf ihre an ihn gerichtete Frage, ob er nicht gegen die boshafte Verleumdung, er habe in; Aufträge' einer Jndenverbindung seine philosophischen Abhandlungen geschrieben, ihr mit Fug und Recht erwiderte: „diese Verleumdung ist viel zu verächtlich und gemein, als daß er ein Wort darüber verlieren wolle." Es wäre ja auch zu komisch, daß die Juden auf den kuriosen Einfall hätten kommen sollen, gerade einen deutschen berühmten Gelehrten zu beauftragen, für das Judentum zu schreiben und noch dazu einen Botaniker! Wer diesen reinen und unbestechlichen Charakter kannte, wußte ja von vornherein, daß er sich zu so etwas nie Hütte gebrauchen lassen! Ebenso steht dokumentarisch fest, daß er ein Vollblutarier aus uralter protestantischer Familie war, in dessen Adern auch kein Tropfen semitischen Blutes rollte. Wie mir übrigens Herr Professor Dr. Halbier in einer Zuschrift von; 29. Februar dieses Jahres mitzuteilen die Güte hatte, befindet sich im Nachlaß Schleidens noch ein ungedrucktes

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