Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1904)
- Date
- 1904-04-08
- Page
- Seite 176 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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176 Judentums" vom 2. Oktober' 1903 veröffentlicht hat, findet ausführliche Erwähnung im ersten Kapitel dieser in Gründlichkeit und Lesbarkeit mustergültigen Schulgeschichte. War doch der dem Goethe-Kreise angehörende Dr. Molitor, der 1807 in die damals von Geisenheimer begründete Loge eintrat, seit, dem Oktober 1807 Lehrer am Philantropin und einer der ersten christlichen Beförderer dieses für die Geschichte der deutschen Juden so wichtigen Aufklärungswerkes- Ueber Molitor schreibt Dr. Bärwald: „Die Berufung Molitors war für die äußere Stellung und das Ansehen der Schule von Bedeutung. Franz Joseph Molitor war der Sohn eines in kurmainzischen Diensten stehenden Beamten. Von Schelling begeistert und von den Theosophen Baader und Friedrich Schlegel beeinflußt, war er durch mehrere philosophische Schriften zu Ansehen gelangt. Bei seinen religionsphilosophischen Studien hatte er auch in das Wesen des Judentums einzudringen versucht, ein Mystiker, sah er in den jüdischen Zeremonien eine Symbolik, deren Deutung er nachging. Dieses und sein Interesse für die Freimaurerei brachte ihn mit Geisenheimer in Verbindung. In dem jüdischen Philantropin und in der Loge glaubte er die ihm angemessene praktische Tätigkeit gesunden zu haben, die kein anderes Ziel hatte, als das Gute und die Glückseligkeit der Menschen zu befördern." Goethe hatte Bettina am 3. April 1808 geschrieben: „Machen Sie mir doch eine Schilderung von Herrn Molitor. Wenn der Mann so vernünftig wirkt, als er schreibt, so muß er viel Gutes erschaffen." Die Antwort Bettinas ist in dieser Zeitung bereits ausführlich behandelt; hier sei der Vollständigkeit halber nur der Schluß des Brieses über Molitor wiedergegeben: „Brav ist er und will ernstlich das Gute; bekümmert sich deswegen nicht um die Welt und um sein eigen Fortkommen; ist mit einem Stuhl, einem Bett und mit fünf Büchern, die er im Vermögen hat, sehr wol zufrieden." An Goethe wurde von Bettina auf seinen Wunsch auch das erste Schulprogramm des Philantropins geschickt, sowie ein in den europäischen Staatsrelativnen erschienener Aufsatz Molitors, an dem Goethe namentlich das interessierte, was der Verfasser „von der Pestalozzischen Methode sagt". Das gleichfalls von Bettina in ihrem Briefe an Goethe erwähnte Journal, „welches'die Juden unter dem Namen Sulamith herausgeben", hatte einen anderen Lehrer des Philantropins, Michael Heß, zun: Mitarbeiter. Heß war seit 1806 der führende Lehrer der Anstalt. Die seit Ende des Jahres 1807 in Kraft getretene „Neue Schutzordnung der Judenschaft zu Frankfurt a. M." gestattete den Juden die Erlernung und Ausübung des Handwerks. Sofort gründete Geisenheimer eine „Handwerkerkasse", die nach kurzer Zeit über 2000 fü verfügte. Diese Bestrebungen erhielten dadurch einen Ansporn, daß auch der Fürst Primas für denselben Zweck Mittel bereit stellte. Die Lehrer des Philantropins erhielten den Auftrag, „durch Unterweisung in der Jugend die Liebe zum Handwerk zu erwecken." Geisenheimer konnte schon am 22. Juli 1808 an seine Eltern schreiben: „6 Kinder sind schon plaziert: 1 Bender, (Faßbinder bezw. Küfer) 1 Schuhmacher, 1 Bäcker, 1 Schreiner, 1 Schneider; einer wird Apotheker . . . Müßt Ihr linke Rheinuferer Euch nicht schämen? Schon zwölf Jahre habt Ihr die Erlaubnis und noch hat sie keiner benutzt! Lieber Vater! lassen Sie unfern Bruder Raphael ein Handwerk lernen!" So schrieb der aufopfernde einflußreiche Buchhalter bei Meyer Amschel Rothschild. 1808 erschienen zwei Einladungsschriften des Philantropins, die eine von Molitor „Ueber den Geist des Sittlichen in der Erziehung", dieandere von Heß „Einige Worte über den Unterricht in der Moral und Religion, besonders in Hinsicht ans das jüdische Philantropin." Dieses Jahr 1808 brachte seitens der Frankfurter jüdischen Gemeinde auch die Gründung einer allgemeinen Schule, für die der Fürst Primas Karl von Dalberg den Namen Karlsschule genehmigte. Die Schule für Knaben und Mädchen sollte fünf Klassen mit je zwei Jahreskursen haben. Die künftigen Kaufleute sollten hier Französisch, Englisch, Italienisch, Buchhalterei rc. lernen, die künftigen Handwerker Chemie, Technologie nud Maschinenlehre, auch eine Vorlesung über Fabrik- und Kunstfleiß hören. Die Mädchen sollten außer der allgemeinen Bildung rechnen lernen, ferner stricken, nähen, Nadel- und Kunstzeichnen, Spitzenflicken, sticken, spinnen, waschen, bügeln und kochen. Auch „Feldbauer" sollen aus den Knaben gemacht werden. Am 8. August 1808 reskribiert Karl von Dalberg: „Lehranstalten sind dringendes Bedürfnis, zumalen bei der hebräischen Nation, die hierin sehr vernachlässigt ist." Für 50000 fl., die in sehr bequemen Fristen zu zahlen waren, erhielt die Gemeinde vom Fürsten Primas ein für die Schule geeignetes Grundstück. In dem unter dem Motto: „Non sibi sed toti genitum se credere mundo“ veröffentlichten Unterrichtsplan, den die Schulsektion der jüdischen Gemeinde herausgab, heißt es: „Nicht die Natur hat uns zu dem. bestimmt, was wir in deu meisten Staaten gegenwärtig sind, nicht unsere ursprüngliche mosaische Religion in ihrer Reinheit hat Mißtrauen gegen uns erregen können, sondern die einzelnen Auslegungen und Meinungen der Gelehrten der verschiedenen Zeitalter, deren Doktrinen in dem Ablauf von Jahrhunderten Anhänger gefunden und so nach und nach Sanktion und Autorität erhalten haben. Die Reihe hält nun an uns, mit dem Zeitgeiste fortzurücken, und so lange dieses nicht geschieht, werden alle wohltätigen politischen Verbesserungen keine heilsamen Wirkungen auf uns haben. - All unser Streben nach bürgerlichen Rechten wird ein ewiges Streben bleiben, wenn wir nicht auch bürgerliche Tugenden besitzen; diese, und diese ganz allein, können uns in beit Staaten, wo wir wohnen, zu Kindern des Vaterlandes machen. Nur durch diese können wir die Liebe und Achtung des Regenten und der Staatsbürger gewinnen. Unsere reine Religion, so wie jede andere, heischt die Beförderung der Moralität und Sittlichkeit, bis zur Gottesühnlichkeit, und was ihr, durch die Länge der Zeit, der Moralität und Sittlichkeit Widerstrebendes aufgedrungen worden, führte, wie natürlich, zu Aberglauben und Verdorbenheit. Die erstere wiederherzustellen, indem man sie der Jugend in ihrer Reinheit lehrt, ist daher ein Haupterfordernis zu unserem irdischen Wohl. Die Unzulänglichkeit der bisherigen Lehrart, um zur Religiosität und Sittlichkeit zu gelangen, zeigt unser wirklicher Zustand. Eltern! Die Ihr für Eure Kinder fühlt, seht mit einem unparteiischen Auge die Sache an, und Ihr werdet finden, daß Eure Jugend ohne gehörige Herzensbildung beständig in der Wahl der Grundsätze, wie sie gegen ihren Nebenmenschen handeln sollen, schwankt, daher bald lasterhafte, bald tugendhafte Züge, die sie in der Geschichte des Tages siehtzum Muster wählt. Es ist bloß Zufall, wenn sie dem besseren Beispiele folgt. Das, was in religiöser und moralischer Hinsicht.zu erinnern war, ist auch in politischer Rücksicht zu erinnern nötig. Statt daß wir das Jndustriöse anderer Staatsbewohner uns eigen machen sollen, verachlässigen wir die Industrie. Auch hiervon liegen die schädlichen Folgen deutlich am Tage. Mangel mt Beschäftigung, Untätigkeit, Müßiggang haben schon manches Uebel unter uns erzeugt. Dieses einzusehen ist ebenfalls Zeit, und jeder Vater, der Liebe für sich selbst und für seine Kinder hat, wird in der Folge vernünftig genug sein, seine Kinder, welche er nicht in seiner Handlung anzustellen weiß oder wo er Mangel an Handelsgeist wahrnimmt, in dieser Schule in irgend einem industriösen Geschäft unterrichten zu lassen." Hier liegt also in einer von einer jüdischen Gemeinde zuerst begründeten Schule ein vollständiges Novum vor, das zugleich Handwerker-, Handels- und Industrieschule ist. Die Karlsschule wurde mit einer für ein so großes Unternehmen lächerlich geringen Summe begründet.