Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1904)
- Date
- 1904-04-08
- Page
- Seite 175 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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175 wenn die zur Tempelweihe um König Salomo versammelten Israeliten, selbst wenn Esra und Nehemia ihn nicht gefeiert haben sollten, unbedenklich den sinaitischen Ursprung zu, erklärt ihn für nicht minder heilig und göttlich als den Dekalog, die magna charla unserer Religion, denn er trügt die göttliche Beglaubigung an seiner Stirn; seine weithin leuchtende Inschrift lautet: n"S cHp „Heilig dem Ewigen". Heilig und ehrwürdig ist uns in unserer Religion aber auch dasjenige, was in unserer Zeit nicht mehr Geltung hat, ob nun seine Geltung durch die Altvorderen direkt ausgehoben ist, ob sie von selbst durch die gebieterischen Forderungen der Zeit erloschen ist. Mit Pietät und frommer Scheu, aber mit frohem Mute, von dein festen Glauben an die Zukunft Israels beseelt, gehe das liberale Judentum an seine schwere, verantwortungsreiche, dankbare Aufgabe, Lehre und Leben zu versöhnen, Glaube und Wissenschaft mit einander in Einklang zu bringen und im Vertrauen auf den Einig-Einzigen die Bekenner der jüdischen Religion zu einheitlichen, harmonisch empfindenden Wesen zu erziehen. Mögen auch augenblicklich die Aussichten für die Erreichung dieses erhabenen Zieles nicht günstig sein, in nicht ferner Zeit werden die jetzo gelichteten Reihen sich wieder füllen, und mit dem Losungsworte: „Gottesglaube und fortschreitende Entwicklung" wird das liberale Judentum von Sieg zu Sieg schreiten. Die hundrrtjshrkeier des Ohilsntropins.! 0.4. bis 16. April 1904.) Von M. Friedeberg. Anfang des vorigen Jahrhunderts fielen die Mauern des Ghettos zu Frankfurt a. M., die nie wieder aufgerichtet; worden sind. In freierer Bewegung haben die Juden seitdem I ihre Selbstemanzipation erstrebt: ihre erste Schöpfung war ' eine Schule, zunächst für die Kinder der Armen, aber alsbald auch für die gesamte Gemeinde. Ein Jahrhundert ist seit der Gründung dieser reich gesegneten Bildungsstätte verflossen. Die Geschichte der Juden in Frankfurt a. M. reicht bis zu den Anfängen der Stadt hinauf; die für sie wie für : ätte Bewohner der alten Reichsstadt so drangvollen Zeiten der französischen Revolutionskriege bilden auch für die Juden den! Beginn einer neuen Epoche. Das Frankfurter Ghetto wurde in der Nacht vom 12. aus den 13. Juli 1796 durch Feuer bei der Beschießung der Stadt durch die Franzosen vernichtet.! 140 Häuser des Judenquartiers gingen in Flammen auf. j Mehrere Hundert jüdische Familien wurden obdachlos, es! mußte ihnen ein, wie es hieß, provisorisches Unterkommen in der Stadt gewährt werden. Die Abgeschiedenheit hörte auf und auch Widerwilligen drängte sich die Notwendigkeit einer zeitgemäßen Bildung auf. Der Geist Moses Mendelssohns! drang auch in diese bisher abgeschlossenen Kreise. In Berlin wurde 1778 die jüdische Freischule gegründet, in Breslau 1791 die Wilhelmsschnle, eine jüdische Elementarschule, 1801 in Seesen die Jacobsonschule und die Franzschule in Dessau. Die Gründung des Philantropins war das Werk Siegmund Geisenheimers, eines Kaufmanns, der hierzu durch einen Akt uneigennütziger Menschenliebe bewogen wurde, der sich noch jetzt in dein Namen der Schule ausprägt. Geisenheimer war Buchhalter bei Meyer Amschel Rothschild, der in ihm den Philantropen schätzte. An einen: Wintertage gegen Ende des Jahres 1803 hatte Rothschild bei einem Aufenthalte in den: benachbarten Marburg einen umherirrenden Knaben gesehen, der durch den Vortrag hebräischer Melodien sein Leben fristete. Ihn rührte das Elend des armen verlassenen und, wie er wahrnahm, begabten Jungen. Er nahnr ihn mit nach Frankfurt und übergab ihn der Fürsorge Geisenheimers, der, wie er wußte, einigen armen Kindern Privatunterricht erteilte. Geisenheimer wandte sich an einige Glaubensgenossen, um für derartige umherirrende arme Kinder eine Schule und Erziehungsanstalt zu begründen. Außer Moses Samuel Weintraub, so hieß der arme, inIBrody in Galizien geborene Knabe, wurden noch zwei Waisenknaben im Alter von 10 und 11 Jahren ausgenommen. Das erste Schullokal, das zugleich als Wohnung für Meyer Lambert, den ersten Lehrer des Philantropins, diente, konnte Mitte Februar 1804 bezogen werden. Die Kinder wurden in geeigneten Familien untergebracht. Die „Vorsteher", an ihrer Spitze Geisenheimer, führten die Aussicht. Als die Mittel ausgingen, da sich immer mehr Kinder meldeten, beschloß man, auch Kinder bemittelter Eltern aufzunehmen, da das von diesen zu zahlende hohe Schulgeld die innere und äußere Verbesserung der Anstalt um so rascher ermöglichen würde. Der Frankfurter Arzt Dr. Goldschmidt verfaßte im Mai 1804 einen „Prospektus zu einem Philantropin für arme Kinder jüdischer Nation". 260 Mitglieder traten bei, auch Auswärtige, denen die Beförderung der Bildung unter ihren Glaubensgenossen am Herzen lag, sandten Beiträge. Auch der Fürst Primas Karl von Dalberg, dem es voller Ernst war, bei der neuen Organisation des Frankfurter Staatswesens alle guten Errungenschaften der Epoche der Aufklärung nach und nach zur Geltung zu bringen, übersandte im November 1806 dem Vorstande der israelitischen Gemeinde für die jüdischen Schulen ein Geschenk von 200 Dukaten in Gold. Eine Deputation des Philantropins, die hierfür den Dank darbrachte, erhielt die Zusage eines regelmäßigen Jahresbeitrages, und bei der öffentlichen Prüfung erschienen zahlreiche Mitglieder der neuen Regierung. Der damalige Erzieher der Hollwegffchen Söhne, der später berühmte Geograph Karl Ritter, war unter den Zuhörern. Er hatte im Sommer 1806 die Bekanntschaft des ehrwürdigen Joachim Heinrich Carnpe gemacht und die von Israel Jacobson in Seesen ganz nach philantropischen Grundsätzen eingerichtete Anstalt besucht. . Am 2. Januar 1807 schrieb Ritter an seinen Vater: „Am 29. und 30. Dezember war ich von den Vorstehern eines hiesigen Judenphilantropins zu einer öffentlichen Prüfung eingeladen, und ich benutzte mit Freuden diese Gelegenheit, die sich mir darbot, das Gute, was sie leisten, kennen zu lernen. . . . Die Lehrer sind wahrlich von redlichem Eifer fürdas Beste der Kinder beseelt und wollen ihrer Nation Ehre machen. Die Knaben bestätigen mir auch hier, daß die jüdische Nation voll herrlicher Anlagen und Geisteskräfte, trotz des Druckes, unter dem sie seufzt, geblieben ist. Das Interesse,' das die Juden selbst an dieser Anstalt nahmen, war sehr groß, die Bereitwilligkeit der Lehrer, prüfende Bemerkungen zu hören, ausgezeichnet. ... Ich gestehe es, seit jener Reise nach Seesen interessiert mich die mögliche Kultur und Erhebung dieser Nation außerordentlich." Wir können hier nicht der vortrefflichen, außerordentlich umfangreichen Schulgeschichte des Philantropins, die den ersten Teil der demnächst erscheinenden Festschrift bildet, in allen Einzelheiten folgen. Der frühere Direktor, der verdiente Schulmann Dr. H. Bärwald, hat (unter Mitwirkung von Herrn Nathan Hecht) die Zeit von 1804—1868, den wesentlich schwierigeren Teil, bearbeitet, während dem gegenwärtigen Direktor Dr. S. Adler die Epoche bis 1904 zugefallen ist. Der interessante Aufsatz, den Ludwig Geiger über „Goethe, Bettina und die Frankfurter Juden" in der „Allgemeinen Zeitung des