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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-04-08 · Heft 15 (8.4.1904) · p. Seite 174

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 15 (8.4.1904)
Date
1904-04-08
Page
Seite 174 (sequence 6)
Language
German
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174 So ließen sich noch mehrere Beispiele anführen, aus denen erhellt, daß die Altvorderen bei ihrer unbegrenzten Ehrfurcht vor dem Bibelworte dennoch keinen Anstand nahmen, die Religion höher zu stellen als den Buchstaben des Gesetzes und, fei es durch geschickte Deutungen, fei es durch Berufung auf die zwingenden Forderungen der Zeit bestehende, religiöse Einrichtungen abznändern oder zu beseitigen und hinwiederum Neuerungen einzuführen, denen sie nicht nur einen religionsgesetzlichen Charakter beilegten, die sie nicht nur für ebenso verbindlich wie die biblisch gebotenen Zeremonien erklärten, deren Urheberschaft sie sogar auf die Gottheit selbst Zurückführten. Einen stärkeren Beweis dafür, daß der Glaube an die ewige Offenbarung Gottes im Judentum von jeher lebendig gewesen und in feierlichster Weise zum Ausdrucke gelangt ist, kann es gar nicht geben, als die vor der Vorlesung des Buches Esther, vor dem Anzünden der Weihelichter auf demChanukahleuchter und vor der Rezitierung der Hallelpsalmen zu sprechenden Benediktionen, in denen Gott gepriesen wird, „der uns durch Seine Gebote geheiligt und uns befohlen hat", diese religiösen Gebräuche zu beobachten. Wer da weiß, wie ängstlich die Gesetzeslehrer bemüht waren, ein unnötiges und überflüssiges Aussprechen des göttlichen Namens zu verhüten, der müßte sich billig wundern, daß religiöse Akte, die von Menschen angeordnet sind, als göttliche Gebote bezeichnet und unter Anrufung des heiligen Gottesnamens zur Ausführung gebracht werden, wüßte er nicht zugleich, daß eben hierdurch der erhabene und für die gesunde Entwicklung des Judentums so fruchtbare Gedanke bekundet wird, daß auch die im Geiste und Sinne der heiligen Schrift getanen Aussprüche und Bestimmungen ebenso wie die heilige Schrift selbst als Gotteswort anzusehen seien. In der Anerkennung dieses Gedankens ist das Wesen des liberalen Judentums begründet, aus ihr schöpft es seine Kraft und seine Berechtigung. Wer dem durch diesen Gedanken zum Ausdruck gebrachten Grundsätze huldigt, ist ein liberaler Jude, i wer diesen Grundsatz verwirft, leugnet die Entj Wicklungsfähigkeit unserer Religion, unterbindet! ihre Lebensader. .! In den Reihen der konservativen Juden hört man öfters! den Widerspruch gegen zeitgemäße Reformen mit der Moti- < Vierung begründen, daß das Judentum ein alter Bau sei, an dem man nicht ein Steinchen entfernen und durch ein anderes ersetzen dürfe, weil man fürchten müsse, daß sich dann auch andere Bestandteile loslösen, daß der ganze ehrwürdige Bau infolge dessen zusammenstürzen könne. Wir wollen nicht bestreiten, daß der sehnliche Wunsch, das altgeheiligte Religionsgebäude auch in Zukunft unversehrt erhalten zu sehen, der Vater solcher Befürchtungen ist, wir geben auch unumwunden, wenngleich mit tiefem Bedauern, zu, daß das Verhalten vieler sogenannter liberaler, in Wahrheit jedoch indifferenter Juden ihnen einen Schein von Berechtigung verleiht. Allein es liegt hierin doch eine beklagenswerte, selbstverständlich unbewußt ausgesprochene Geringschätzung des Wesens und der göttlichen Kraft des Judentums, ein Kleimnut, der aus Kleingläubigkeit entstanden ist. Nein! So wenig die verschiedenen philosophischen Systeme, die in ewigem Wechsel seit Jahrtausenden die Geistesrichtung des Menschengeschlechtes beeinflußt, und an deren Durchführung und Verbreitung sich jüdische Gelehrte des öfteren in hervorragendem Maße beteiligt haben, das Judentum in seinen Grundvesten zu erschüttern, vermochten; so wenig es in unseren Tagen der Naturwissenschaft ungeachtet ihrer bewunderungswürdigen Errungenschaften - gelungen . ist. in das feste Gefüge unserer Religion Bresche zu legen, ebenso wenig werden die aus inneren und äußeren Gründen mit der Zeit sich als zweckmäßig und notwendig erweisenden religiösen Aenderungen und Umgestaltungen die Zukunft unseres Glaubens gefährden, vielmehr werden sie nach glücklich überstandener Krisis zur Erstarkung und Verinnerlichung des religiösen Lebens führen. Auch von den bibelkritischen Untersuchungen und von beu ägyptischen und babylonischen Ausgrabungen droht uns keine, Gefahr; der unschätzbare Wert der Bibel, die Erhabenheit ihrer Glaubens- und Sittenlehren wird keine Einbuße erleiden, wenn es sich in Wirklichkeit erhärten lassen sollte, daß einzelne Bestimmungen des Zivil- und Strafrechts, einzelne agrargesetzliche Verordnungen oder auch einzelne Formeln und Bräuche des Opferrituals aus altbabylonischen Urkunden oder aus einer den semitischen Völkern gemeinsamen Quelle entnommen sind. Das Wesentlichste und Wichtigste im Judentum, sein reiner Gottesglaube, seine unvergleichliche, auf Gerechtigkeit und Menschenliebe aufgebaute Sittenlehre wird durch keine Entdeckung und Ausgrabung berührt, an sie reicht nichts heran, was irgend ein Kulturvolk des Altertums geschaffen hat. Die Juden bleiben in alle Ewigkeit das Volk, das Gott Seinen: Dienste erkoren, und das sich dem göttlichen Dienste'gewidmet' hat, das Träger und Verkünder der Gotteslehre und dadurch der Vermittler des Heils für die gesamte Menschheit geworden ist. Oder sollte in der Tat die Bibelkritik, die sich mehr und mehr zu einer mächtig emporblühenden ernsten Wissenschaft herausgebildet hat, der frommen Gläubigkeit Gefahr bereiten und die Grundlagen des Judentums ins Wanken bringen? Wir würden uns ein jämmerliches Armutszeugnis ausstellen, wollten wir uns dieser weit verbreiteten Angst nicht baldigst entschlagen, wollten wir die Forschung auf unserem ureigensten Gebiete, auf dem uns in erster Reihe „zur Bearbeitung und Behütung" überwiesenen Grund und Boden als unjüdisch bezeichnen unddenVekennern anderer Religionen überlassen. Mag immerhin, wie es auf der Suche nach Wahrheit niemals ausbleibt, mancher Irrtum mit unterlaufen, manche falsche, sich späterhin als unhaltbar erweisende Hypothese aufgestellt werden: Die heilige Schrift kann nur gewinnen, wenn sie mit noch so scharfer, kritischer Sonde untersucht wird. Die Wissenschaft des Judentums hat zu allererst die heilige Pflicht, sich der Bibelforschung zu unterziehen, unbekümmert um das Resultat, das sich hierbei ergeben könnte. Wer ihr dieses Recht, um nicht zu sagen dieses Vorrecht, um ängstlicher Rücksichten willen aberkennt, der bekundet dadurch, daß er sich vor der Wahrheit fürchtet, der beraubt auch das Judentum der Möglichkeit, die ihm in so reichem Maße zu Gebote stehenden Hilfsmittel zur Widerlegung der vielfach auftauchenden irrigen Anschauungen anzuwenden. Und sollte eine vorurteilslose Forschung zu dem Ergebnis führen, daß die Bücher Mosis Kapitel enthalten, die ihnen erst in der Königszeit oder noch später eingefügt sind, — nun, was verschlägts? wird ihr Wert dadurch beeinträchtigt? Täte es — um ein krasses Beispiel anzuführen — der Heiligkeit des Versöhnnngstages auch nur im allergeringsten Abbruch, wenn es sich Herausstellen sollte, daß die Einsetzung dieses erhabenen gottgeweihten und durch eine Offenbarung des Gottesgeistes ins Dasein gerufenen Tages um ein Jahrtausend später als die des Hüttensestes erfolgt ist? Wer diese Frage bejaht, muß sehr klein von der Religion und ihren Einrichtungen denken und sich von der allwaltenden Vorsehung Gottes, der erhaben ist über Zeit und Raum, recht niedrige Vorstellungen machen. Das liberale Judentum erkennt dem Versöhnungstage, selbst

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