Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1904)
- Date
- 1904-04-08
- Page
- Seite 173 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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173 sein: das Judentum verpflichtet seine Anhänger nicht aus ein aus einer größeren Anzahl von Glaubenssätzen bestehendes Bekenntnis, sondern erklärt einen Jedenfür ein treues und wahrhaftes Mitglied seiner Gemeinschaft, der die Einheit des göttlichen Wesens als religiöse Ueberzeugung in sich trägt, welche Stellung er auch zu den übrigen Grundsätzen der Religion einnehmen mag. Aber ohne das Dogma des Monotheismus —* dessen sei man sich bewußt — hört das Judentum auf, eine Religion zu sein, und behält nur noch für diejenigen Wert, die in der Rasse oder der Nationalität die Bedeutung des jüdischen Stammes, erblicken, und die nicht . einsehen gelernt haben, „daß die jüdische Gottesidee in einem lebendigen Zusammenhänge mit der reinen wissenschaftlichen Ethik steht, daß die Ethik ein Torso bleibt, wenn der Gottesbegriff von ihr abgetrennt wird." „Jude sein" — so sagt Hermann Cohen in seinen: vortrefflichen Vortrage h über die Errichtung von Lehrstühlen für Ethik und Religionsphilvsophie an den jüdisch-theologischen Lehranstalten — „heißt, als den Grund des Daseins, als den Halt der Welt, den einig-einzigen Gott bekennen." Wer den Gottesbegriff für einen alten überwundenen Aberglauben hält, der mag äußerlich als noch zum Verbände des Judentums gehörend mitgezählt werden — wir stellen ja an niemand eine Gewissenssrage und schließen keinen aus, der sich nicht direkt von uns lossagt — aber innerlich hat er mit dem Judentum gebrochen und das Band zerrissen, das ihn mit der Religionsgeschichte Israels verknüpft. Hinsichtlich des Gottesglaubens gibt es daher keinen Unterschied und kann es keinen geben zwischen dem liberalen und dem konservativen Juden; er ist und bleibt unser gemeinschaftliches Schiboleth, er ist das Banner, das uns seit Jahrtausenden vorangetragen wird, und dieses Banner hochzuhalten und siegreich gegen jeden Angriff zu verteidigen, sollen alle sich vereinigen, denen die jüdische Religion Herzenssache ist, die von dem tiefgehenden Einfluß des Monotheismus auf die Sittlichkeit durchdrungen find, mögen ihre sonstigen religiösen Anschauungen auch noch so verschieden sein. Und sie sind in der heutigen Zeit in der Tat sehr verschieden. Während der konservative Jude der Gegenwart, vielleicht von .einigen Nebensächlichkeiten abgesehen, das Judentum als etwas Fertiges, Starres und Unveränderliches ansieht, dauert für den liberalen Inden die Offenbarung des Gottesgeistes, die ja zu keiner Zeit aufgehört hat, auch jetzt noch fort, ist die Religion Israels auch jetzt noch in der geschichtlichen Entwicklung begriffen und hat den Forderungen der Zeit und dem Fortschritte der Wissenschaft in ihrer äußeren und inneren Gestaltung Rechnung zu tragen. Daß damit nicht gesagt sein soll: über die in der Bibel und in den Traditionsschriften enthaltenen gesetzlichen Bestinunungen dürfe die Willkür und das Belieben jedes Einzelnen zu Gericht sitzen oder die religiösen Vorschriften seien aus Grund jeder neu austauchenden wissenschaftlichen Hypothese umzumodeln. — versteht sich von selbst. Nicht nur die Pietät und die Ehrfurcht vor dem durch die Vergangenheit Geheiligten verbieten ein solches Vorgehen, auch die nüchterne Erwägung, daß der menschlichen Erkenntnis sich gar oft der Irrtum zugesellt, und endlich die schuldige Rücksichtnahme auf die Gesamtheit, deren religiöses Empfinden geschont werden muß, und die durch unvermittelte, radikale Aenderungen auf dem so überaus empfindlichen Gebiete der Religion in Very Gehalten in der Generalversammlung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, abgedruckt im Januarheft der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums. Wirrung und Gewissensnot geraten würde, errichten dem sich überstürzenden Ungestüm heilsame Schranken. Aber was als erprobtes wissenschaftliches Ergebnis feststeht, was von der denkenden Vernunft als unumstößliche Wahrheit anerkannt, ist, dem kann auch die Religion die Anerkennung nicht versagen, wenn anders sie nicht einen unlösbaren Widerspruch im Innern des Menschen erzeugen und seine Wahrhaftigkeit untergraben will. Was hülfe es auch, daß das Judentum. aus falscher Pietät an einer religiösen Vorstellung oder Einrichtung festhielte, über welche die gesamte gebildete Welt längst hinausgegangen ist? Es könnte dies mrr eine völlige Entfremdung, eine allgemeine Abkehr des denkenden Elements zur Folge haben. Wollten wir z. B. die von Maimonides sogar zu einem Glaubensartikel erhobene Lehre von der leiblichen Auferstehung der Toten in unseren Schulen und von unseren Kanzeln als einen integrierenden Bestandteil der jüdischen Glaubenswahrheiten verkünden und die hieraus bezüglichen Stellen des Gebetbuches im buchstäblichen Sinne äuffassen und erklären: wir würden unsägliches Unheil dadurch! anrichten und nichts anderes erreichen, als daß der Glaube; an die Göttlichkeit unserer Lehre eine nicht wieder gut zumachende Erschütterung erlitte.! Wie es sich mit den theoretischen Lehren und Anschauj ungen verhält, so verhält es sich auch mit denjenigen prakj tischen Bestimmungen des Religionsgesetzes, deren Ausübung j kein religiöses Empfinden in unserer Brust zu wecken vermag, j die wohl gar unserem moralischen und ästhetischen Gefühle wiederstreiten. In alten Zeiten, als man Religion und Leben; noch nicht als Gegensätze betrachtete, wie es leider in unseren j Tagen häufig geschieht, da bemühte man sich vielfach und mit! Erfolg, einen Ausgleich der widerstreitenden Anschauungen im | ureigensten Interesse der Religion herbeizuführen, und scheute! sich selbst nicht, biblische Anordnungen aufzuheben oder zu! umgehen, .wenn man sich überzeugt hatte, daß ihre Beob-! achtung mehr Schaden als Nutzen brachte, und daß das, was ursprünglich heilsam gewirkt hatte, nunmehr seinen Zweck verfehlte. So erzählt der Talmud, daß der Hohepriester Jochanan das im fünften Buche Mosis vorgeschriebene Dank- und Vekenntnisgebet nach der Entrichtung des Zehnten abgeschafft hat, und zwar geschah dies, wie erklärend hinzugesügt wird, weil man in jener Zeit den Zehnten nicht vorschriftsmäßig entrichtete, und die in dem Gebete vorkommenden Worte: „ich habe getan ganz nach deinen: Gebote, das du mir befohlen - hast" eine Unwahrheit im Munde der Betenden geworden! waren. Man hob also eine biblische Bestimmung auf, weil! ihre Beibehaltung gegen die Moral, gegen das Gesetz der! Wahrhaftigkeit verstoßen hätte. Als Hillel eingesehen hatte, daß das biblische Gesetz, nach! welchen: in dem nach siebenjähriger Frist wiederkehrenden Er-! laßjahre die Schuldforderungen verfallen, seinen Zweck verj fehlte, daß die den Minderbegüterten zugedachte Wohltat zur 1 Plage geworden war, indem die Reicheren aus Furcht vor dem Verluste ihres Kapitals die Gewährung der Darlehen verweigerten, traf er eine Anordnung, durch die es jedem Gläubiger fortan möglich gemacht war, das biblische Gebot zu umgehen'. Als in der talmudischen Zeit die Gesetzeslehrer sich überzeugt hatten, daß die von der heiligen Schrift gebotene sogenannte Leviratehe große Unzukömmlichkeiten herbeiführe, hoben sie kurzerhand diese Einrichtung auf und bestimmten ein für allemal, daß statt ihrer die Chalizäh, die doch ursprünglich nur als Strafe für den pflichtwidrig sich weigernden Schwager angesetzt war, eintreten solle.