Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1904)
- Date
- 1904-04-08
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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172 erinnern an die zurzeit die öffentliche. Meinung Italiens erregende Affäre Nasi, aus der hervorgeht, daß ein Minister ' sich befleckt hat mit Fälschungen und Unterschlagungen schlimmster Art. Jedenfalls gibt dieser Zusammenhang Zwischen dem Einfluß der Inder: irr Italien und dieser Fäulnis zu denken, und er wird hoffentlich auch zur Mahnung dienen." In derselben Nummer, auf derselben Seite, hatte aber dasselbe Blatt, das nicht nur gut antisemitisch, sondern auch gut konservativ ist, einen Jubelhymnus auf Italien anläßlich des Kaiserbesuchs angestimmt und seine freudige Zustimmung zu der folgenden Begrüßung der römischen „Kapitale" ausgesprochen: „Beide Dynastien sind aus bescheidenen Anfängen immer größer geworden dadurch, daß sie die .patriotischen Gedanken beider Völker ruhmreich verfochten. "Die beiden Völker trenne keinerlei Rivalität. Italien, so schließt das Blatt, ist glücklich, den Deutschen Kaiser auf einige Tage bei sich als Gast zu sehen. Wir wünschen aufrichtig, daß zwischen Deutschland und Italien, zwischen den Häusern Hohenzollern und Savoyen, ewig die heutigen herzlichen Freundschaftsbeziehungen bestehen bleiben, die morgen aufs neue durch die Begegnung beider Herrscher bestätigt werden." Ist das nicht sehr hübsch und überzeugungstreu? Oben die italienische Fäulnis und unten das herzliche Bündnis mit Deutschland! * Die englische Regierung hat nun doch die Fremdenbill eingebracht. Der Entwurf bestimmt, daß mittellosen Ausländern und solchen, die eines Verbrechens in ihrem Lande überführt sind, wegen dessen Auslieferung zu erfolgen hätte, ferner Ausländern, die an ansteckenden Krankheiten leiden, die Erlaubnis verweigert werden kann, britischen Boden zu betreten. Die Einwanderer können auch angehalten werden, sich über ihren Leumund und ihr Vorleben auszuweisen. Gegen Ausländer, die eines Verbrechens in England überführt werden, kann als ein Teil ihrer Strafe die Ausweisung verfügt werden. Der Staatssekretär Akers Douglas führte noch aus, die Regierung beabsichtige nicht, unnötigerweise in die Einwanderung von Ausländern einzugreifen. Die durch den Gesetzentwurf vorgesehenen Bestimmungen sollten den Vertragsverpflichtungen unterliegen. Der Entwurf wurde darauf in erster Lesung angenommen, obwohl Sir Charles Dilke in sehr scharfer und sachlicher Weise dagegen zu Fehde zog und speziell die jüdischen Einwanderer als ein keineswegs schädliches Element verteidigte. Es war alles vergebens. Die zweite Lesung der Bill soll am 12. d. M. stattfinden. Ob sich bis dahin die Situation ändern wird, ist kaum zu glauben. Liberales Judentum. Von Dr. H. Vogelstein-Stettin. enn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein." So könnte man rnit Altmeister Goethe ausrufen, wenn man die Schlagwörter Liberal und Konservativ, auf das Judentum angewandt, vornimmt. Der eine hält sich für liberal bloß um deswillen, weil er das Zeremonialgesetz nicht beobachtet, oder weil er gleichgültig gegen die Religion und ihre Vorschriften geworden ist,: der andere ninrmt sür sich die Bezeichnung eines Konservativen in Anspruch, weil er, obwohl in seinen Genüssen durch das Speisegesetz keineswegs eingeschränkt und in seiner Berufstätigkeit durch das Sabbäthgesetz nicht gehindert, gegen die Ausstellung einer Orgel im Gotteshause und gegen die Einführung deutscher Gebete im Gottesdienste ist. Ja, es kommt auch vor, daß derselbe Mann, der tu. seinem bisherigen Wohn-. orte als ein Ultraliberaler verschrieen war, weil er durch Einj richtung von Chorgesang und durch Streichung einzelner jj Pijutim an Festtagen und ausgezeichneten Sabbathen die Andacht .im Gotteshause zu erhöhen und die Regellosigkeit zu fr beseitigen sich bemühte,, nach seiner Uebersiedelung in eine | größere Gemeinde, in der diese Reformen schon seit längerer |. Zeit bestehen, in der aber gerade jetzt sich die Gemüter über; ff die Frage eines gemischten Chores erhitzen, die Reihen der H Konservativen verstärkt und sich wegen der beabsichtigten „unjüdischen" Maßregel gewaltig ereifert. Ja, man hat es schon erlebt, daß in einen: Wahlkampfe, für den das Feldgeschrei: „Hie liberal — hie konservativ" ausgegeben war, ein Ge- . meindemitglied, das einen rituellen Haushalt führte und zu f den regelmäßigen Besuchern des Sabbathgottesdienftes zählte,! von der konservativen Liste gestrichen wurde, während ein anderes, das sich selbst ani Versöhnungstage nicht *\m Gottesi Hause blicken ließ, und das jedes jüdische Kennzeichen aus seinem Hause entfernt hatte, von eben diesen Konservativen auf den Schild erhoben und zu ihrem getreuen Parteigänger erklärt wurde. So schwankt das Charakterbild des Liberalen und des Konservativen, von der Parteien Gunst und Ungunst getragen, in \ der gegenwärtigen religiösen Bewegung des Judentums hin und her und erhält seine Färbung zumeist nicht von religiösen Grundprinzipien, sondern von lokalen Verhältnissen und sonstigen Zufälligkeiten oder Opportunitätsrücksichten. Es soll nun keineswegs geleugnet werden, daß die Opportunitätsfrage sür die Ausgestaltung des öffentlichen religiösen Lebens und namentlich des öffentlichen Gottesdienstes oftmals; von großer Wichtigkeit ist, daß die Rücksichtnahme auf lokale f Verhältnisse vollauf berechtigt, ja, mitunter direkt geboten ist, | daß es töricht und unverantwortlich wäre, den Frieden der \ Gemeinde und ihre ruhige, ungestörte Entwicklung liberalen oder konservativen Wünschen zum Opfer zu bringen, und daß I ein die große Mehrheit befriedigender Kompromiß der ein- | fettigen Durchführung eines nur der Minderheit genehmen Parteiprogramms vorzuziehen ist. Beispielsweise ist der Fall sehr wohl denkbar, daß waschechte Liberale einer im Prinzipe von ihnen gebilligten Neuerung' widersprechen, wenn sie die Befürchtung hegen, daß sie ein Zankapfel für die Gemeinde werden könnte, und daß umgekehrt konservativ Gesinnte, vielleicht mit schwerem Herzen, einer Neuerung zustimmen und sich mit ihr abfinden, weil sie sich sagen, daß ihre Ablehnung schwerwiegende Folgen haben und dem Gemeindeleben verhängnisvoll werden könnte.^ Dies alles berührt aber den Kernpunkt unserer Frage j nicht, läßt den wesentlichen Unterschied zwischen Liberal mtd Konservativ nicht hervortreten. Unter liberalem Judentum ist eine besondere religiöse Weltanschauung zu verstehen, die sich etwa folgendermaßen definieren läßt: Das Judentum ruht aus dem festen Grunde des Gottesglaubens, d. h.! des Glaubens an einen einig-einzigen heiligen Gott! und ist im klebrigen dem Gesetze der geschichtlichen Entwicklung untertan. Die Tragweite und dje Berechtigung dieses Bekenntnisses sei im folgenden des Näheren beleuchtet. Der reine Monotheismus, der Gott als Schöpfer und Lenker der Welt und als Inbegriff aller Sittlichkeit anerkennt, . bildet die rrnverrückbare Grundlage des Judentums, die seine Existenzberechtigung, seine Welt- und kulturgeschichtliche Bedeutung ausmacht. Wohl ist der Satz , geprägt und verbreitet worden: „Das Judentum hat keine Dogmen." Allein wenn . 1 dieses Wort überhaupt einen Sinn hat, so kann es nur der