Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1904)
- Date
- 1904-04-08
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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wurde, an der Spitze der Bürger, welche vor dem Schloßtor Spalier bildeten und knieend den fürstlichen Segen empfingen, ehrfurchtsvoll dem Dr. Kohn seine Huldigung darbrachte, erblickte er dennoch in ihm den Juden und freute sich im Herzen über den ihm bevorstehenden Sturz. Dieses Vorurteil gegen die Juden begleitete Dr. Kohn bis nach Rom. Bedenkt man, daß ganz andere Fehler den Kardinal Fürstenberg beim Erklimmen der Stufenleiter der Hierarchie nicht gehemmt haben, dann ist die Annahme berechtigt, daß Kohn als Judenstämmlina auch geringe Vergehen hoch angerechnet würden. Er teilte das Geschick der Glaubensbrüder seiner Ahnen, deren Fehler mit anderem Maßstabe gemessen werden.' . Weder Purpur noch Thron schützten ihn gegen den Judenhaß,! verhüllten feinen jüdischen Ursprung. Ohne es zu wollen, war er! ein jüdischer Märtyrer. Als solcher hätte er die Achtung der Juden verdient, hätte er nicht alles ausgeboten, um jedes Band mit diesen gewaltsam entzweizuschneiden und das in seinen Adern rollende jüdische Blut zu verleugnen. Er hat während seiner zwölfjährigen Amtstätigkeit jede Gelegenheit gemieden, ihnen sein Wohlwollen zu bezeugen und sich so eine dankbare Erinnerung bei ihnen zu sichern. Sie haben daher seinen Abgang nicht zu bedauern. Wenigstens wird jetzt der jüdische Name nicht so oft im Munde des höhern und niederen Pöbels herumgetragen werden. "'V' - Z ■< ' Wie verschiedenen Blättern gemeldet wird, sind aus Odessa nach Wien beglaubigte Mitteilungen gelangt, die von einer fanatischen Agitation gegen die russischen Juden berichten. Der Veranstalter der Ausschreitungen in Kischinew ist Redakteur des dortigen Hetzblattes „Snamia". Kruschewan weilte mehrere Tage in Odessa und will in der Karwoche wiederkonunen. Die Snamia wird unentgeltlich verteilt, in Buchhandlungen werden allen Büchern und Bestellungen Exenrplare der „Snamia" mit den Hetzartikeln „Schlagt die Juden tot" beigelegt. Die Redakteure der freisinnigen Zeitungen erhalten Drohungen, man werde mit ihnen ebenso wie mit den Juden abrechnen. Diesmal wird die Mär verbreitet, die Juden freuen sich über die Siege der Japaner. Unter den Juden Odessas herrscht große Bestürzung. Zumal, da vor einigen Tagen der Stadtgouverneur die jüdischen Repräsentanten der Handels-! und Finanzwelt eingeladen und sie darauf aufmersam gemacht I hat, daß, falls sie verharren, sich so „herausfordernd" zu verhalten, er keine Ruhe und Sicherheit für die jüdische Bevölkerung zu Ostern garantieren könne. Was das heißt, kann' man sich denken. Inzwischen hat aber der Stadthauptmann von^Od'efsa eine Verordnung erlassen, worin erklärt wird, daß alle russischen Untertanen den gleichen Schutz der russischen Gesetze genießen. Nur Gegner Rußlands könnten innere Zwiste anzetteln. Es wird verboten, absichtlich falsche Gerüchte zu verbreiten. Schuldige - werden mit einer Geldstrafe von 5000 Rubel oder Arrest bis zu drei Monaten bestraft. Und auch die Regierung hat erklärt: . „Mit Rückficht auf beunruhigende Gerüchte, die unter den in Südrußland wohnenden Juden verbreitet sind,, und die in zahlreichen ausländischen Blättern wiedergegeben werden, hat die russische Presse die Anweisung erhalten, sich alles dessen zu enthalten, was die Leidenschaften der Bevölkerung ausreizen und einen Teil der Bevölkerung. gegen den andern aufstacheln könnte. Die Ortsbehörden sind angewiesen, strenge Maßregeln zur Ausrechterhaltung des Friedens und der öffentlichen Ruhe zu ergreifen." H L " Das Unglaublichste an alberner Verdrehung der Tatsachen tischt die „Kreuzzeitung" ihren Lesern aus Rußland auf. Wir müssen die ganze Korrespondenz hierhersetzen: „Es dürfte wenig bekannt 'sein, daß ' das Judentum Rußlands an vielen Orten die Bevölkerung vermocht hat, ihren orthodoxen Glauben aufzugeben und die jüdische Religion anzunehmen. Es .sind das Bauern, an deren russischem Ursprung nicht gezweifelt werden kann, die aber nach ihrer Konvertierung auch äußerlich als Juden zu erscheinen sich bemühen. Die „Missionärrundschau" schreibt über diese eigentümliche Erscheinung des russischen Volkslebens: „Wenn diese Sektierer sich vom Christentum lossagen, geben sie auch ihre russische Nationalität auf und suchen sich von der russischen Sprache zu trennen. Sie haben den Glauben der Juden in vollem Umfange angenommen und teilen sich mit den Juden in Talmudisten, die den Talmud anerkennen, und in Karaiten, die ihn verwerfen. Sie schämen sich ihres Ursprungs, nennen sich „Zugehörige der Juden", die mit diesen ein Volk bilden, vollsühren die Beschneidung an sich und ihren Kindern, feiern die jüdischen Feste, tragen jüdische Kleidung und suchen den jüdischen Dialekt in der russischen Sprache anzuwenden. Im Verein mit den Juden hassen sie Christum, das Christentum und alles, was damit in Verbindung steht. In Rußland sehen sie sich als Gefangene an, Rußland nennen sie Assur, Babylon und Gog und alles, was die Propheten darüber geschrieben, wenden sie auf das Zarenreich an. Sie erwarten den Messias, den sie für einen Eroberer halten, der die heidnischen, das heißt christlichen, Reiche bekriegen und sein Volk nach Palästina führen wird." Bezeichnend für diese jüdischen Russen ist der Umstand, daß unter ihnen seit langer Zeit der Wunsch besteht, sich im gelobten Lande anzusiedeln; sie dachten weit früher daran, als der Zionismus die Sache in die Hand nahm. In den 80 er Jahren des vorigen Jahrhunderts erwarteten die jüdischen Russen Astrachans von Tag zu Tag die Ankunft des Messias. Sie besprachen das kommende Ereignis auf ihren Bazaren, sandten Kundschafter nach Palästina, um die günstigsten Orte sich auszuwählen und trafen alle Vorbereitungen zur Reise dorthin. In den 90 er Jahren haben sich tatsächlich viele Angehörige dieser Sekte — namentlich aus Transkaukasien — mit Hilfe Rothschilds in Palästina angesiedelt. Es wäre nicht undenkbar, daß der Stamm der Leute, die die bekannten landwirtschaftlichen- Ansiedelungen in Palästina eingerichtet haben, im Grunde russische Bauern sind. Die ganze Erscheinung ist um so merkwürdiger, als die Juden im allgemeinen unter demeinfachen Volke Rußlands großer Abneigung begegnen." Es versteht sich von selbst, daß an der ganzen Geschichte auch nicht ein Wort wahr ist. Es ist alles einfach aus den Fingern gesogen. Aber die über Rußland sonst so wohlunterrichtete „Kreuzzeitung" sollte doch wissen, daß auf den Uebertritt von der griechisch-orthodoxen Kirche zum Judentums im Zarenreiche — die lebenslängliche Verbannung nach Sibirien als Strafe steht! - * Sehr amüsant war dieser Tage in einem antisemitischen Blatte ein beweglicher Artikel.über die Verjudung Italiens zu lesen, in dem es unter anderem hieß: „Ein Pester jüdisches Organ veröffentlicht,einen Lobhhmnus auf Italien, wo die höchsten Ideale der Juden verwirklicht seien. In Padua, der Stadt des heiligen Antonius, wurde dem Juden Emilio Morpurgo, der 18 Jahre Rektor der dortigen Universität war, ein' Denkmal errichtet. Auf dem jüdischen Friedhofe daselbst befindet sich ein Leichenstein mit der Inschrift. „Gras. Corinaldi". Außer den Corinaldi sind noch die Juden Ottolenghi, RoccaMaria, Sacerdoti di Carabio und Cesare Lombroso italienische Grafen. Außerdem gibt es zahlreiche Barone, Kommandeure, Richter rc. Im Ministerium Giolitti war der Kriegsminister Ottolenghi ein Jude. Ebenso ist in dem gegenwärtigen Ministerium der Finanzminister Luzzatti ein Jude. Außerdem sind in den letzten 15 Jahren noch die Juden Malvano, Ascoli und Romanin-Jacur Minister gewesen. — Es ist wohl kein Zufall, daß gleichzeitig mit dem Einzug der Inden in die hohen und höchsten Staatsämter Italiens fortgesetzt das Land aufgewühlt wird durch Skandalprozesse, die die Fäulnis in den höheren Schichten des Beamtentums bloßlegen. Wir erinnern an die bösen Prozesse, deren Mittelpunkt Giolitti und der verstorbene MinisterCrispi waren: Wir