Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1904)
- Date
- 1904-04-08
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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auf diesen eifrigen Sohn wahrlich stolz sein -konnte. Auch diese Hoffnung ist nun begraben. - Auf der Rückreise von der Riviera erkrankte er in Paris. Und nach.einer schleunig vorgenommenen Operation ereilte ihn daselbst-der Tod. Als der Dichter den Tod des Achilles zu erzählen unternahm, da ließ er Athene von ihm sagen : „Ach, daß schon so frühe das schöne Bildnis der Erde fehlen soll, die weit und breit am Gemeinen sich freut!" Und dieselbe Klage müssen auch wir anstimmen. Uns starb kein Göttersohn, kein Götterliebling,^sondenr der Sohn eines mißachteten und zurückgesetzten Stammes/ der/unter seltsamen Verhältnissen und in einem an Katastrophen reichem Leben so viel und so großes erreicht hat, und dessen Leben gerade dadurch vorbildlich ist. Ein Erbe makkäbäischen'Heldenmuts ist von uns geschieden, ein treuer Sohn des Judentums, das er kannte und liebte mit aller Glut seiner edlen Seele. In dem Ehrentempel des Judentums wird sein Name unvergänglich fortleben. Und unsere Jugend wird in trüben Tagen an seinem Leben zu Mut und Kraft, zur Ausdauer und Treue sich erheben. - . : . Die Woche. Berlin, 5. April. ie politischen Ferien bieten den Blättern willkommene Gelegenheit zu nachträglichen Erörterungen über den Ausfall der Wahl in Zschopau-Marienberg. Die liberalen Blätter konstatieren natürlich mit Bedauern, daß der Antisemitismus einen neuen Sieg errungen hat, wie jüngst in Eschwege, so jetzt in Zschopau. In Eschwege-Schmalkalden werden sich die Parteien demnächst wahrscheinlich noch einmal messen, da die Wähl Raabs ohne Zweifel vernichtet werden wird, weil die für Hugo abgegebenen Stimmen ungültig waren, und folglich nicht Hugo, sondern der Freisinnige. Merten mit Raab in die Stichwahl kommen mußte.. Es darf gehofft werden, daß alsdann der Liberalismus das Mandat erringt. Zschopau- Marienberg aber wird die Legislaturperiode hindurch antisemitisch vertreten bleiben. Und daran ist die Sozialdemokratie schuld, wie vielfach behauptet wird. Von anderer Seite wird den sächsischen Nationalliberalen die Schuld in die Schuhe gef schoben. Und die „Nationalzeitung" sagt ausdrücklich: „Wenn irgendwo, so'lagen hier die Verhältnisse für einen linksstehenden Nationalliberalen günstig. Der Antisemit Zimmermann hat mehrfach in seinen Reden und Veröffentlichungen die eigentlichen antisemitischen Anschauungen zurücktreten lassen und ist vielfach mit liberalen Darlegungen krebsen gegangen, weil er wohl sich überzeugte, daß gerade eine solche Richtung im dortigen Kreise auf Anhänger zu rechnen habe." Die Kreuzzeitung konstatiert sogar mit boshafter Genugtuung, daß „auch die Freisinnigen, soweit das in ihren freilich nur schwachen Kräften stand, dazu mitgeholfen haben" den Antisemiten zu wählen. Möglich ist es immerhin. Eine nicht unwesentliche Rolle spielte in der Wahlagitation! der Antisemiten ckuch die Ausnutzung des Bundesratsbeschlusses j betreffend die Abschwächung des Jesuitengesetzes. Oswald! Zimmermann, der ja von jeher die Katholiken-, wie die Judenj hetze in gleichem Maße betrieben hat, war auch hierin gerade in seinem Element. Man begreift es deshalb, wenn man in katholischen Kreisen jetzt auf die Antisemiten sehr schlecht zu sprechen ist. Ja, die „Germania" schreibt ihnen sogar den Absagebrief, indem sie feierlich erklärt: „Die Katholiken werden jetzt rnffcn, daß der Antisemitismus auch ihr Feind ist und mit kultrßrkärnpferischen Phrasendie Unterdrückung der katholischen Kirche§ befürwortet." Man wird gut daran tun, sich diese Erklärung zu merken. Ueber die Beziehungen des Fürsterzbischofs Dr. Kohn zum Judentum wird uns aus- Mähren.von sachkundiger Seite geschrieben : Obwohl die Juden zum Olmützer- Bistum, ohne dessen Zustimmung bis zum Jahre 1848 keine Synagoge in Mähren erbaut werden durfte, seit 50 Jahren gar keine Beziehungen pflegten, ließen sie dennoch aus ererbter Pietät und Dankbarkeit kein Jubiläum des jeweiligen Erzbischofs vorübergehen, ohne ihm ihre Ehrerbietung und Hochachtung auszudrücken.. Der Vorgänger des Fürsterzbischofs Dr. Theodor Kohn, Kardinal Fürstenberg, zeigte sich erkenntlich für jede ihm erwiesene Aufmerksamkeit, die er in der höflichsten Form erwiderte. Hingegen verhielt sich Dr. Kohn schroff und ablehnend gegen jede Zuvorkommenheit der Juden. Offenbar wollte er dadurch seine Gleichgültigkeit gegen das jüdische Volk manifestieren, von dem sich sein Großvater aus Rache gegen seine Glaubensgenossen losgesagt hatte. Als Zweitgeborener durste dieser nämlich keine Ehe eingehen; er heiratete aber ohne „Familie" (Bewilligung), was sein ihm feindlich gesinnter Nachbar infolge eines Zwistes der Behörde anzeigte. Beim Einzüge des Dr. Kohn in die zweite Residenz Kremsier begrüßte ihn der Sprecher der jüdischen Deputation mit dem Hinweise auf den in diesem Schlosse im Jahre 1848 versammelten Reichsrat, der die Gleichberechtigung dyr Israeliten beschlossen hat und äußerte den Wunsch, daß auch ferner aus diesen Hallen durch den Mund des ersten Priesters der Diözese, das erlösende und verbrüdernde Wort der Duldung in die wahnbetörte Menge dringen möge, Dr. Kohn versprach, auf die Geistlichkeit in dem Sinne zu. wirken, daß der konfessionelle Friede stets erhalten bleibe. Man weiß es nicht, ob er sein Versprechen eingelöst hat. Genug, daß unter dem Einfluß des Klerus die Wogen des Antisemitismus nicht lange nachher über die Juden Holleschaus sich ergossen haben. Von seinen Werken der Humanität waren die jüdischen Armen stets ausgeschlossen. Ein Ansuchen des jüdischen Franenvereines um Unterstützung blieb unbeantwortet. An dem von ihm gegründeten Stipendium für Gymnasiasten sollten die Juden keinen Anteil haben. Mit Berufung auf seine in der „Deutschen Zeitung" veröffentlichten, an der theologischen Fakultät in Olmütz gehaltenen Vorlesungen, laut welchen der alte Konzilbeschlüß, keinen Verkehr mit Juden zu pflegen, noch Geltung hätte, brachen selbst liberale Professoren ihre Besuche in jüdischen Häusern ab, um nicht den Unwillen des Oberhirten zu erregen. Sicher brachte die Stammverwandtschast mit diesem hohen kirchlichen Würdenträger dem Judentum nicht nur keinen materiellen Vorteil oder idealen Gewinn, sondern lud noch aus dasselbe den Haß und Spott der Bevölkerung. Seine Knauserei, Rechthaberei und Prozeßsucht, welche mehr auf die bäuerliche Herkunft, feine vielgerühmte Kenntnis des Kirchenrechtes, die schlechten Ratgeber und Verteidiger, zurückzuführen sind, wurden seiner jüdischen Abstammung zur Last gelegt und das Judentum für alle seine Mißgriffe verantwortlich gemacht. Als er den Schloßpark eine Zeit lang abfperren ließ, um sich dem Publikum als den eigentlichen Besitzer desselben zu zeigen, wurden von allen Seiten Beschimpfungen auf den „arroganten Juden, den jüdischen Parvenü und Eindringling" vernommen. Ja, es fehlte nicht viel und das über die unschuldige Verhaftung eines Geistlichen erbitterte Volk wäre, nachdem es die Fenster des Schlosses zerschlagen hatte, auch über die Judengasse hergefallen. Aber nicht nur das Volk, auch die höheren Stände hatten gleich den Vorwurf „Pharisäer, Jehovapriester" bei der Hand. Immer war der „Jude" Kohn der Prügelknabe. Aenßerte sich doch der erste politische Beamte unserer Stadt anläßlich der Rectus-Affäre: „In Dr. Kohn wütet der alttestamentliche Rächegott." Und wenn auch dieser, kurz nachher,, als der Fürstbischof von der Einweihung der Realschule mit großem, Pomp unter Musik nach Hause begleitet