Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1904)
- Date
- 1904-04-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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68. Jahrgang. No. 15. 'Ü7(f>%A444Ai44A Berlin, 8. April 1904. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 68. Jahrgang. No. 15. Berlin, 8. April 1904. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 Nl. Redakteur: Gustav rcarpeles. Begründet von Rabbiner D*- Ludwig Philipps»»». Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin Ierusalemer Straße <*6/4:9, ju richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Merkt GolÄlmid. Berlin, 3. April, ieder haben wir den Tod eines jener Männer zu beklagen, die durch ihr Leben dafür Zeugnis ablegten, daß rin Jude nicht, nur ein guter und pflichttreuer, sondern auch ein in jeder Beziehung hervorragender Soldat sein könne. Ist es doch, als sollte gerade in diesen Tagen, wo inan die Kühnheit hatte, im deutschen Reichstag den Juden militärische Tüchtigkeit abzusprechen, so recht ad oculos demonstriert werden, daß diese Behauptung nichts als eine Verleumdung ist. Der Heldentod des Leutnants Bendix in Afrika, das Ableben des Generals See in Frankreich und nun auch das plötzliche Hinscheiden des Obersten Goldsmid in England sind gewiß Momente, die auch den verbissensten Gegner stutzig machen müßten, wenn unsre Gegner einer Belehrung überhaupt zugänglich wären. Ein merkwürdiger Lebenslauf ist es, der durch den am 27. v. M. Plötzlich eingetretenen Tod des Obersten Goldsmid jählings abgeschlossen wurde, ein Lebenslauf, der nach vielen Richtungen hin nicht nur interessant, sondern auch lehrreich und vor allem mustergültig ist. . Albert Edward Williamson Goldsmid wurde am 6. Oktober 1846 in Poona in Indien als Sohn des Sekretärs der Präsidentschaft von Bombay, Henry Edward Goldsmid, geboren. Seine Eltern, beide jüdischer Abstammung, hatten den Glauben der Väter verlassen, und der junge Albert Edward wurde gleich nach der Geburt getauft und in London im christlichen Glauben erzogen. Erst in seinem 11. Lebensjahre erfuhr er, daß er jüdischen Stammes sei, und von da an reiste bei ihm der Entschluß, zum jüdischen Glauben zurückzukehren. In demselben Augenblicke da er majorenn geworden war, führte er diesen Plan aus, ungeachtet aller zu überwältigenden Schwierigkeiten, die wahrlich nicht gering waren. Denn der junge Goldsmid widmete sich der militärischen Karriere. 1866 verließ er die Militärschule von Sandhurst als zweiter in der Lokation, und wurde als Leutnant dem 104. Füsilierregiment zugeteilt. 1871 wurde er in demselben Adjutant, 1878 Hauptmann, 1883 Major und 1888 Oberstleutnant. Seine militärische Tüchtigkeit und sein großes Organisationstalent bahnten ihm den Weg zu dieser schnellen Karriere. 1894 wurde er als Oberst in den Generalstab berufen, und im letzten Kriege von Transvaal war er Generalstabschef. der 6. Division, dann Kommandant von Orange River, Herbert und Hay Distrikt und stellvertretender Generalinspektor des gesamten Kommunikationswesens. Rach der Rückkehr aus dem Burenkriege verlieh ihm der König den Viktoriaorden unter ganz besonderen Ehrungen. Eine glühende Liebe zum Judentum beseelte diesen her-, vorragenden Atann während seines ganzen Lebens. Er versäumte auch keinen Anlaß, diese Liebe überall zu betätigen. Er holte sich seine Frau, Jda Stevert, die Enkelin des bekannten Generalleutnants Sir Hunter Littler, ebenfalls aus. einer Marannensamilie, und konnte sie nach ihrer Bekehrung zum Judentum nur unter geradezu romantischen Verhältnissen in Indien heiraten. Als Baron Hirsch seine Kolonien in Argentinien gründete, gewann er den Oberst Goldsmid als Generaldirektor derselben. Zwei Jahre wirkte. Goldsmid . in Argentinien, um die Kolonien zu organisieren. Dann kehrte er nach England zurück. Bei allen Unternehmungen, die in England. im Interesse des Judentums unternommen wurden, stand er an der Spitze. Seine Bekenntnissreudigkeit riß viele Laue und Gleichgültigemit sich, sein Enthusiasmus wirkte belebend und fördernd. Oberst Goldsmid gründete das jüdische Knabenbataillon (Jewish Lads - Brigade) in Loüdon und stand seit dessen Gründung an seiner Spitze. Er war Präsident des Maccabeanklubs in London, einer Vereinigung der hervorragendsten jüdischen Männer von England. Und bei jedem Fest dieses Klubs hat er seine Gesinnung mutig betont und betätigt. Als das zionistische Aktionskomitee im vergangenen Jahre daranging, eine Expedition zur Erforschung und Prüfung der Sinaihalbinsel auszusenden, da stellte sich Oberst Goldsmid, der kaum erst aus Südafrika zurückgekehrt war, wo er einen dreijährigen mühseligen Krieg mitgemacht hatte, demselben zur Verfügung, machte die ganze Expedition mit, um dann noch die Verhandlungen mit der ägyptischen Regierung zu führen. Er war Zionist und eifriger Anhänger der Bestrebungen der englischen Om wa>ve Aon. Auch als Mitglied des Vorstandes der Anglo Jewish Association war er in jedem Augenblick aus dem Platze, wo man seiner Hilfe und seines Rates bedurfte. Aber auch der religiösen Entwicklung des Judentums widmete er sein lebhaftes Interesse und mit wärmster Hingabe beteiligte er sich an dem Gemeindeleben in London so gut wie in Cardiff und in Bombay, überall, wohin ihn der Dienst des Paterlandes ries, dessen «treuester Sohn er war sein Lebenlang. Seine Religiosität war eine so innige, daß er, wie von seinen Reisegeuossen erzählt wird, überall einen Psalter mit sich führte, und sehr oft, namentlich in ernster Stunde, einen Psalm hebräisch rezitierte. Als Oberst Goldsmid seinen Abschied aus dem aktiven Dienst nahm, durfte man die berechtigte Hoffnung hegen, daß er nun seine volle Tatkraft seinem Volke widmen werde, das