Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 168 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Literarische Mitteilungen. $ ----- Von dem „Jahrbuch der Vereine für jüdische schichte und Literatur" ist soeben der siebente Band in gewohnten' vortreffliches Ausstattung erschienen. Me bisher eröffnetden Reigew der so beliebt gewordene Rückblick aus die Ereignisse des Jahres von Professor Dx!-Martin Philippson. Es folgt, die literarische Revue des abgelaufenen Zeitraums. Die Reihe der wissenschaftlichen Beiträge beginnt mit einem sehr wertvollen und gediegenen Essay aus"' dem Nachlaß!des unvergeßlichen Dr. M. Joel in Breslau: „Mosaismus nnd.-Heidentum", geistreichlichtvoll und klär wie alles, was' aus der Feder dieses Denkers hervorgeht. Leider ist die Arbeit nut ein Torso geblieben, aber auch in dieser Gestalt wird sie alle Leser in höchstem Grade fesseln. Hs folgt ein instruktiver Aufsatz über die jüdische Staatsversassung von Dr. S. Bernfeld, sodann ein höchst interessanter Auszug aus den Memoiren eines römischen Ghettos jünglings von Professor Dr. A. Berliner, der uns in das innere geistige Leben der römischen Juden zu Anfang des 18. Jahrhunderts' einführt und der außerdem charakteristische Streiflichter auf ihre soziale und politische Lage wirft. Nicht weniger interessant sind die Aus--' Zeichnungen des langjährigen Syndikus der jüdischen Gemeinde zll Breslau, Dr. David Honigmann, aus seinen Studienjahren- 1841—45, die das jüdische Leben in Berlin und Breslau itt jenen? Jahren sehr amüsant schildern und die hervorragendsten Persönlichkeiten dieser Zeit vorführen. Eine farbenprächtige, phantasiereiche' Erzählung, die sich gleichwohl aus historischem Untergründe aufbaut/ „Est deus in nobis!“ von Carola Buchheim bildet den belletristischen' Teil des Jahrbuches. Zum Abschluß werden die „Mitteilungen" aus dem Verband der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur in- Deutschland gegeben, aus denen wir die interessante und erfreuliche Tatsache entnehmen, daß die Vereine beständig im Aufblühen und iw gedeihlicher Fortentwicklung begriffen sind. Es existieren jetzt in 'Deutschland 187 Vereine mit mehr als 16 000 Mitgliedern, in denen' jährlich mehrere hundert Vorträge über Judentum und Literatur ge-- halten werden. Ueber die Bedeutung dieser Tatsache brauchen wir wohl kein Wort mehr zu verlieren! Das Jahrbuch, das in 6000 Exern^' plaren gedruckt wurde, ist, wie wir hören, bereits so gut wie vergriffen- — Rasch ist dem mit allgemeinem Beifall aufgenommenen ersten Bande der Ghettogeschichten von Ulrich Frank ein.' zweiter gefolgt (Breslau 1904, S. Schottländer), der ebenfalls zwei Erzählungen aus dem jüdischen. Leben bringt, die nicht verfehlen werden, dasselbe Interesse zu erregen, welches „Simon' Eichelkatz" in weiten Kreisen gefunden hat. In der einen „Beini Patriarchen" werden die Konflikte zwischen dem modernen Leben und' dem alten Judentum an den Schicksalen einer altangesehenen Familie - in sehr wirksamer und spannender Weise durchgesührt. Alle' Strömungen des modernen Lebens kommen zum Ausdruck, aber wie' weit auch die einzelnen Mitglieder der Familie in Anschauungen,? Lebenshaltung, Stellung, Bildungsgrad durch Welten getrennt sind,' so sind sie doch in einem Gedanken vereint, der der Grundgedanke? ihres Glaubens ist. Während die eine Erzählung in harmonischer^ und friedlicher Weise sich auflöst, findet die andere „Die Toten" einen wahrhaft tragischen Abschluß. War es in „Simon Eichelkatz" ein? Vertreter Nietzsches, der als Repräsentant der modernen Anschauungen' den, alten? Judentum gegenübertrat, so ist es hier ein Verehrer Schopenhauers, dessen Grundidee „Wenn die Toten leben, müssen die Lebenden sterben" im Kanrpse gegen Orthodoxie und Vorurteile sym-?' bolisch die hechte des freien Menschen der Zukunft vertritt. Er gehk' in den Tod, weil er moralisch frei sein will. Aber auf seinem Grabe ' erblüht der Gedanke der Zukunft. „Mr bauen im Leben und Sterben, Die Dome der Menschheit." Man darf wohl diese Anschauung als' den Grundgedanken aller Ghettoerzählungen von Ulrich Frank an- ' sehen, der auch in diesen, beiden Geschichten feine große realistische" Kraft der Schilderung gezeigt hat. Am besten gelang es ihm, die? Stimmungen und Gegensätze in den einzelnen Charakteren zum Aus-'? druck zu bringen. Der Autor zeigt sich dabei als ein Darsteller von' . seltener Begabung, als ein ungemein kräftiges Talent, der die heißen . Leidenschaften wie die friedlichen Stimmungen in psychologischer' Durchführung, in trefflicher Zeichnung, mit feiner Empfindung zu'* versinnlichen versteht) 'Gr hat die Charaktere seiner Erzählungen gesehen, und läßt sie.aus ihrem inneren Leben heraus sich entwickeln. Dadurch gewinnen sie an Tiefe und innerem. Reichtum-. In der Ausgestaltung und Lösung der schwierigen Kulturfragen zeigt er künstlerisches Maßhalten. .Me tragisch auch die Konflikte sein mögen, beide Erzählungen klingen doch versöhnend aus, und mit dem Gefühl tiefster Befriedigung wird jeder, der für menschliches Leben und Leiden ein warmes Interesse hat, dieses Buch lesen. - Sgrechsasl. Sehr geehrter Herr Redakteur! Ä^>er vorwöchentliche Leitartikel über' die Orgelfrage hat meinen vollen Beifall. Es ist zu beklagen, daß man von orthodoxer Seite der Orgel eine solche Bedeutung beilegt, während man über andere Dinge, die ungleich wichtiger sind, leichhin hinwegsieht. So amtiert eine ganze Anzahl orthodoxer Rabbiner in Gemeinden, wo auch nicht ein einziges Geschäft mm Sabbath geschlossen ist, und wo fast die ganze Gemeinde auch in ihrem sonstigen Gehaben auf fortschrittlichem Standpunkt steht. Aber daran nimmt man keinen Anstoß. Durch das Betonen solch einer im Grunde ganz nebensächlichen Frage wird gar leicht eine religiöse Begriffsverwirrung hervorgerufen.. Denn nur als solche kann ich es bezeichnen, wenn Leute, die aus einen Chillul Schabos nicht achten und die ihre. Kinder ohne jegliches Bedenken in am Sabbath geöffnete Geschäfte geben, sich weigern in einer Synagoge zu beten, wo ein Instrument spielt. Die betreffenden Herren Haben einmal gehört, daß die wirklich und wahrhaft Orthodoxen in keine Orgelshnagoge gehen wollen, und so glauben, sie schon orthodox zu sein, wenn sie ein gleiches Prinzip betonen, obwohl , ihr sonstiges Verhalten dem schnurstracks entgegenlänst. Ein konservativer Rabbiner. » Geehrter Herr Redakteur! 3hre Mitteilung, das Schächten betreffend, bedarf einer Berichtigung. Es ist richtig, , daß der Magistrat sich mit der Schächtangelegenheit beschäftigt hat; indessen ist ein Verbot bisher nicht erlassen, es wird auf dem hiesigen Schlachthofe nach wie-vor das Schächten ausgeübt. Unser verehrter Vorsitzender der Gemeinde hat bereits die nötigen Schritte getan und soll dem Vernehmen nach alles beim Alten bleiben. Küftrin, 18. März. Prediger Haase. ■? * Sehr geehrter Herr Redakteur! ^n hilfsbereiten Kreisen der deutschen Inden wurde bedauert, daß die barbarischen Ausschreitungen gegen die Juden der marokkanischen Ortschaft Stat nicht sofort gemeldet wurden, „obwohl mehrere Schulen der Alliance in der Nähe liegen." Es verhält sich damit folgendermaßen: Am 17. Dezember erfolgte der Ueberfall in Etat. Die ersten Berichte des? Direktors der Alliance-Schnle in Casablanca, der sich wie .bekannt unserer verfolgten Brüder aufs tatkräftigste angenommen hat, datieren vom 23. und 27. Dezember. Sie beruhten auf unsicheren Nachrichten, die sich später zum Glück als. übertrieben herausstellten. Erft am 17. Januar, 'als 'die große Masse der Unglücklichen, die sich zuerst nach allen Seiten zerstreuten, in Casablanca anlangte, konnte ein den Tatsachen entsprechender Bericht abgesandt werden, der der Alliance eine genügende Unterlage bot, um sich an die Oeffentlichkeit zu wenden. Briefe von Casablanca nach Paris brauchen 10 auch 14 Tage. Wenn übrigens in dein Berichte der Alliance das warmherzige Verhalten des' englischen Konsuls hervörgehoben wurde, so sei der Gerechtigkeit halber nachträglich bemerkt, daß er zugleich im Namen der übrigen Konsuln handelte, die den Verfolgten ebenfalls ihre Sympathie bezeigten. Berlin, den 1. März 1904. I. A.pDr. M. Friedländer. Sekretär. ’ Druck mid Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Banchwitz in Berlin.