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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-04-01 · Heft 14 (1.4.1904) · p. Seite 167

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 14 (1.4.1904)
Date
1904-04-01
Page
Seite 167 (sequence 11)
Language
German
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w MffWMUffMWM 167 Kreuz seines Sohnes... Und wenn er an seine Mutter dachte.. Seine guteMutter fragte ihn in jedem Brief besorgt, ob es ihn: gut ginge — an den zitternd, oft sich verlierenden Buchstaben erkannte er die Sorgen und die Angst seiner Mutter — und er antwortete ihr immer, nur ihr nicht das Herz schwer zu machen — es ginge ihm gut — .... Und wenn er auch noch an das süße Mädchen dachte, das er des Kaisers wegen verlassen, wenn er sich vorstellte, wie sie im Geist stolz ihren schmuckgekteideten Soldaten betrachtet, wie sie ihn als stolzen Krieger bewundert — ein deutscher Barkochba — wie sie aber nicht ahnt, daß unter dem Soldatenrock tausendmal seine Menschenwürde verletzt wird — daß man seine militärischen Fähigkeiten nicht achtet, weil er ein Jude ist — daß man ihn verhöhnt, nur weil er ein Jude ist. Manchmal hätte er doch laut aufschreien können — manchmal hätte er sich doch — kaum Herr seiner Sinne — an seinen Vorgesetzten vergreisen können, aber manchmal auch, wenn er Abends sich seelisch und körperlich gebrochen, auf das harte Lager niederwarf, da konnte er sich in dem Uebermaße seines Elends nicht mehr zurückhalten und es preßten sich die Tränen aus dem Auge. Aber mit dem neuen Tage kam auch wieder der neue Mut. Was ist dem Menschen nicht der ruhige Schlaf? Er lehrt uns vergessen, daß wir Hunger leiden, er gibt unserer matten Seele Brot, daß sie sich kräftigt, er läßt uns darüber hinwegträumen, daß uns die Tagessonne Schmerzen auf den Kopf brennt — er kann uns sogar traumhaft vorgaukeln, daß das militärische Schlachtfeld das Friedensheim der Frau von Suttner sei und die Unteroffiziere kleine niedliche, allerliebste Friedensenglein. Das alles kann die Nacht, die dem Menschen neuen Mut gibt. Aber der neue Mut bedeutet nicht immer neuen Gleichmut im Ertragen der Leiden — der Gleichmut kann die Mntter und das Kind des Mutes sein — freilich, wenn er die Mutter ist . . .? Wenn wir aus unserer Gleichmut herausgerissen werden . . .? Eines Tages kam mit dem Frühsignal ein ganz besonders stark entwickelter Mut in die Brust Isidor Rosenthals, und dieser Mut rief den Unmut seiüer Vorgesetzten hervor und brachte ihm „drei Tage" ein. Das war an einem Montag. Er war Sonntag ausgegangen und las in der Zeitung den Armeebefehl des Erbherzogs von Sachsen-Meiningen, daß Soldaten dazu verpflichtet seien, Uebergriffe der Vorgesetzten zu melden. Am folgenden Tag, an dein bezeichnten Montag, kam ihm nun der diensttuende Unteroffizier so unvorsichtig mit der Hand an seiner Nase vorbei, daß sein Gesicht sich wie auf Kommando fünf Minuten hin und her bewegte und der Vorbau einem blaubeblechten Dachvorsprung glich. Und der Unteroffizier sagte dabei: „Nu Moritz!" Nun, Moritz meldete die Tatsache der Giebelschändung. Der Unteroffizier bestritt die Absicht einer tätlichen Beleidigung, bie. Schuld wurde dem Musketier selbst zugeschoben und dieser bekam wegen einer unvorsichtigen Anzeige drei Tage Mittelarrest. Außerdem bedeutete man ihm, daß er, wenn sich auch alles ganz so verhalten hätte, wie er angegeben, doch eine Anzeige hätte vermeiden müssen — seine Nase sei nicht von so hervorragender Bedeutung, daß man ihretwegen immer ein Gericht einsetzen könne — es wäre eben der gute Geist an ihm zu vermissen. Die Courage des Musketiers Moritz Rosenthal war etwas klein geklopft. Wie sollte er sich mit dieser Nase und diesem Wahrheitsgesühl und diesem Kriegermut und diesem Mannesstolz, der in der Tat seine Brust beherrschte, den guten Geist aneignen, der den deutschen Soldaten der preußischen Armee würdig macht? Wie sollte er der preußischen Armee würdig werden — er, den mau nicht anders rief, als: „Nu Moritz?!" Wahrlich, ein solches Kunststücke zuwege zu bringen, ■ hieße eine Heldentat verrichten, hieße geradezu die Armee besiegen. Und der Jude Moritz Rosenthal besiegte die Armee. Seine Männlichkeit, fein Mut sollte belohnt werden, sein eiserner Wille, gegen das Mißgeschick zu kämpfen, sich trotz seines Judentums Anerkennung und Achtung beim Truppenteil zu erzwingen, sollte mit Erfolg gekrönt werden. Man kann seinen Mut für eine ehrliche und für eine unehrliche Sache gebrauchen — man kann bei manchen Institutionen durch Unwahrheit mehr zu Ehren gelangen als durch Wahrheit. Das kam so: Rosenthal wurde infolge seiner kaufmännischen Kenntnisse im zweiten Jahre seiner Dienstzeit zur Vertretung eines erkrankten Schreibers auf einige Wochen ins Büreau des Feldwebels abkommandiert. Als solcher hatte er auch mitunter die Aufgabe, Ordonnanzdienste zu verrichten. Eines Tages aber wird der Kompagnie gemeldet, daß der Feldwebel es unterlassen habe, am Mittwoch dem Herrn Oberstleutnant von Jlsen- Birkfeld die Parole zu übermitteln. Der Oberstleutnant drang umsomehr auf exemplarische Strafe, als sich schon einmal der Feldwebel dieses Verbrechens habe zu schulden kommen lassen. Die militärische Stunde des Feldwebels schien geschlagen. Und an demselben Tage sagte er nachmittags in seiner Verzweiflung zu dem eifrig schreibenden Schreiber: „Ihr Juden seid schlau, gib mir einen Rat, Moritz, sag mir, was ich mache — der Kerl, der Rekrut willls nicht vergessen haben, er will den Befehl von mir einfach nicht erhalten haben." Rosenthal nahnr die militärische Stellung der Achtung an und sagte: „Herr Feldwebel — ich werde die Parole zu überbringen vergessen haben!" „Das ist unmöglich!" erwiderte der Feldwebel erstaunt, j' „es kostet mindestens 14 Tage strengen . ." „Herr Feldwebel, ich habe doch die Parole vergessen . ." Und Moritz Rosenthal blieb dabei, daß er die Parole vergessen habe., und daß er die Verantwortung übernehme..— und auch die Strafe. — Einen Tag später wurde er zu vierzehn Tagen strengen: Arrest abgesührt, feierlichst schlüsselrasselnd von Vater Philipp empfangen. . . Als er aber die Strafe abgesessen hatte, wurde er zu seiner Ueberraschung plötzlich zum Hauptmann beordert. Auf merkwürdige Weise war diesem zu Ohren gekommen, daß die Nachlässigkeit doch aus den Feldwebel, auf dem zuerst der Verdacht lag, zurückzuführen sei. „Rosenthal," fragte er ihn, „haben Sie Ihre Parolepsticht vergessen?" „Zu Befehl, Herr Hauptmann," entgegnete er. — „Ich frage Sie nochmals und verlange die Wahrheit, hatten Sie damals die Ordonnanz, nur ist das Gegenteil erinnerlich, oder wollen Sie Ihre Pflicht nur nicht erfüllt haben, um den Feldwebel vor Strafe zu bewahren — um Ihren: Vorgesetzten die Treue — . „Ja, Herr Hauptmann," antwortete nach einer Weile zögernd Rosenthal — .„ich hatte nicht die Ordonnanz —" r „Also doch — dann bedaure ich, daß Sie gesessen haben — das ist ein schöner Zug von Ihnen — das freut mich gerade, weil Sie Jude find — Sie haben deutschen Mut bewiesen — Sie haben im Interesse eines Vorgesetzten die Unwahrheit gesagt — . . nun ist doch endlich der gute Geist in Sie gedrungen. . ." Seitdem aber hatte es Rosenthal sehr gut — er wurde niemals wieder „Nu Moritz" genannt. BMZ

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